Pilgern für Männer im Beruf

 

„Wie erreichen wir als Kirche berufstätige Menschen?“ fragte man sich im evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Gifhorn. Man kam darauf, mehrtägige Pilgerwege speziell für „Männer im Beruf“ anzubieten. Die Nachfrage war hoch. Initiator Pastor Stephan Eimterbäumer berichtet.

 

Die Autos am kleinen Bahnhof abstellen. Dann einige Hundert Meter weiter in die Kirche. In der Andacht dort werden wir zu Pilgern. Jeder der vierzehn Männer erhält einen Pilgerpass.

Schon nach wenigen Minuten verschwindet das Dorf. Links der Fluss, über uns die Sonne, bald ein Waldstück. Die Teilnehmer beginnen erste Gespräche; den Alltag lassen wir hinter uns. „Ich konnte viel schneller abschalten als im Urlaub“, sagt später ein Pilger.

Was macht die Pilgererfahrung aus? Das Ineinander von Bewegung, Naturerlebnis, Spiritualität und Gemeinschaft.

 

I. Sich bewegen

 

„Ich habe mich lange nicht mehr so lebendig gefühlt“, blickt einer zurück auf den gemeinsamen Weg. Das hat mit der Bewegung zu tun. Gehen ist natürlicher als am Schreibtisch zu sitzen. Auf unseren viertägigen Wegen haben wir das Gepäck selbst getragen, mit wenig gelebt. Die Tagesstrecken waren bis zu 25 km lang – Pilgern ist kein Sport; aber manchmal ist es anstrengend – wie das Leben. Das Voranschreiten ist meditativ, es lenkt die Gedanken ab. Abends kommt der Körper auf andere Weise zu seinem Recht: Da wird draußen im Gasthof gegessen und Bier getrunken. Pilgern ist auch Lebensfreude.

 

II. Natur wahrnehmen

 

Pilgern ist Leben in der Natur. Besonders eindrücklich sind für viele Teilnehmer die Schweigestrecken: Anderthalb Stunden nicht sprechen, jeder in seinem Tempo; eine Blume pflücken, einen Stein fotografieren, am Ufer stehen, auf einer Bank verweilen, einen Stock zum Pilgerstab schnitzen. Es entstanden auf diesen Strecken Fotos mit dem Blick für Kleinigkeiten. Hier zeigt sich die Entschleunigung, hier bemerkt man Schönheiten, die man aus dem Auto nicht wahrnimmt. Schöne Orte wählten wir spontan für Andachten: am Gipfelkreuz, auf einer Waldlichtung, in einer Streuobstwiese.

 

III. Spiritualität leben

 

Landschaft und religiöses Erleben hängen oft zusammen. Psalmen und Gesangbuchlieder wirken unter freiem Himmel anders. Der zuvor vielleicht allzu bekannte Glaube bekommt neue Weite. Daneben tut es gut, an explizit religiöse Orte zu kommen: wenn das Abendlicht durch die Buntglasrosette in eine Kirche fällt, wir in einer ländlichen Kapelle Andacht feiern oder die Stationen eines Kreuzweges passieren.

Mit der Zeit stellt sich bei vielen Gelassenheit ein. Denn wir machen auf den Pilgerwegen die Erfahrung: „Es fügt sich.“ Zur richtigen Zeit kommt der Priester vorbei und öffnet die verschlossene Kirchentür; als alle müde sind, taucht eine Eisdiele auf; zu den Andachtszeiten zieht ein Mitpilger ein Gebet oder eine Geschichte aus der Tasche, die gerade passt. Pilger machen die erstaunliche Erfahrung des Versorgtwerdens, weil sie manche Sicherheiten bewusst hinter sich lassen. Pilgern hat mit Spontaneität zu tun, und die ist günstig für Erfahrungen mit Gottes Geist.

Einige Teilnehmer pilgern bewusst, um für sich eine religiöse Frage zu klären. Zum Teil sprechen sie dazu einen der mitwandernden Pastoren an: Seelsorge auf dem Weg. Einer sagte von sich hinterher: „Ich habe Gott gefunden.“

 

IV. Gemeinschaft genießen

 

Die Gruppe trägt zur Pilgererfahrung bei. Die Teilnehmer suchen einander für Gespräche („Wie machst du es, dass du so in dir ruhst?“). Ein Arzt sagt im Rückblick: „Pilgern war für mich wie Coaching, bei dem ich etwas klar bekomme.“ In der Tat machen sich einige auf den Weg, um eine bestimmte – oft auch berufsbezogene – Frage zu beantworten, wie: „Gehe ich mit 65 in den Ruhestand oder eher?“ und „Hat demnächst die Karriere Vorrang oder die junge Familie?“. Eine Führungskraft genoss es, sich führen zu lassen und nicht die Verantwortung zu tragen: „Es tat gut. Ab Montag muss ich wieder vorne stehen.“

Muss es eine reine Männergruppe sein? In einer Dorfkirche trafen wir eine Gruppe Pilgerinnen; wir haben gemeinsam Andacht gefeiert und die Lieder im Wechsel von Frauen- und Männerstimmen gesungen. Das war reizvoll. Gemischte Gruppen wie reine Männergruppen haben beide ihre Vorteile. Für Männergruppen spricht, dass sie manchen die Anmeldung erleichtern: Männer wissen, dass sie hier „richtig“ sind und nicht als Minderheit unter Frauen, wie es bei anderen Pilgertouren vorkommt. In reinen Männergruppen können gegebenenfalls auch Stressoren, die mit der Rolle als Mann zusammenhängen, angesprochen werden (zum Beispiel Doppelbelastung durch Familie und Beruf).

 

Erfahrungen

 

Es entsteht auf den Pilgerwegen ein intensives Gemeinschaftsgefühl und das Bedürfnis nach einem Nachtreffen. Fast alle Pilger möchten an weiteren Wegen teilnehmen. Wir achten darauf, dass die Pilgergruppen der Folgejahre offen sind für „Erstpilger“. Organisatorisch sind Kirchengemeinden Veranstalter der Männer-Pilgerwege; aber die Herkunft der Teilnehmer reicht über die Gemeinde- und Konfessionsgrenzen hinaus. Begleitet wurden die bisherigen Wege vom Ortspastor und mir als Pastor für Arbeit und Wirtschaft. Die Gruppengrößen betrugen 14-16 Männer im Alter von rund 40 bis 60 Jahren. Wir gingen auf dem gut erschlossenen Pilgerweg „Loccum-Volkenroda“. Im Blick auf das Gemeindeleben gelingt es, einige Teilnehmer zu Veranstaltungen (Filmabend, Vortrag, Tagespilgertour) einzuladen und die Pilger verschiedener Touren bei einer „Pilgeroase“ zu vernetzen. Pilgern ist eine zeitgemäße Form intensiver Glaubenserfahrung mit Weite. Zugleich stellen diese geistlichen Auszeiten einen Gegenpol zum Alltagsstress dar; Pilgern ist Burn-out-Prophylaxe. Ein Pilger sagte beim Nachtreffen: „Ich bin noch ganz erfüllt von unserem Weg. Die Wirkung hält viel länger an als bei einem Urlaub.“

Wenn Sie einen Pilgerweg in Ihrer Gemeinde organisieren möchten, gebe ich gern Hinweise dazu: eimterbaeumer@kirchliche-dienste.de. Wenn Sie selbst an einem Pilgerweg teilnehmen möchten, bieten sich dazu folgende Gelegenheiten:

15.-18. August 2013: Für Männer im Beruf, vom Kloster Amelungsborn zum Kloster Bursfelde (Weserbergland); Veranstalter: Martin-Luther-Gemeinde Gifhorn.

19.-24. August 2013: Für Frauen und Männer im Beruf, von Kempten im Allgäu bis Bregenz am Bodensee; Veranstalter: Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt (KDA) Hannover/Bayern; Anmeldung bis 15. Mai.

13.-16. September 2013: Für Männer im Beruf, vom Stift Fischbeck bis zum Kloster Amelungsborn (entlang der Weser); Veranstalter: Christus-Kirchengemeinde Calberlah und KDA.

Information und Anmeldung unter der Nummer 01 71/9 70 21 91bei

Stephan Eimterbäumer