Vom Sinn und Unsinn der Arbeit

Eine Polemik

 

„Hartz IV“ ist das Schreckgespenst der Nation seit seiner Einführung 2005. Das so im Volksmund genannte Arbeitslosengeld II ist die Grundsicherung für erwerbsfähige Leistungsberechtigte nach SGB II. Diese beträgt derzeit 382 Euro monatlich (für eine Einzelperson, zuzüglich Miet- und Heizkosten). Es soll hier nicht um die Frage gehen, ob dieser Satz angemessen ist oder nicht. Es soll vielmehr um den Blickwinkel gehen, ob jemand, der oder die erwerbslos ist, nicht eventuell genauso etwas leistet für die Gesellschaft wie Erwerbstätige, von denen man dies gemeinhin annimmt. Schließlich wird die Angst Arbeitsloser, mit dem Existenzminimum über die Runden zu kommen, flankiert vom Druck der Behörden und dem immer noch verbreiteten Image, Sozialschmarotzer zu sein.

 

Der ehemalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) sagte einmal sinngemäß: Arbeitslose sollten sich nicht mit ihrer Situation abfinden und sich nicht in ihr einrichten. Aber vielleicht hat genau dieses gesellschaftliche „Verbot“, sich einzurichten und abzufinden, mit der Feststellung von Sozialeinrichtungen zu tun, dass Arbeitslosigkeit krank macht? Wie viele Menschen laufen über Jahre auf Hochtouren im Leerlauf, weil sie von Maßnahme zu Maßnahme geschleust werden oder von unentgeltlicher Probezeit zu Probezeit bei diversen vermeintlichen Arbeitgebern? Ist es nicht eine Überlebensnotwendigkeit, sich irgendwann auch einzurichten mit wenig Geld, um sich nicht zu verschulden, um keine psychosomatischen Störungen zu bekommen, die nur wieder Geld kosten?

 

Ist schon einmal hinterfragt worden, ob es ethisch wertvoll ist, was Menschen bei so mancher Erwerbsarbeit leisten? Eine Verkäuferin oder ein Verkäufer, der/die der Kundschaft etwas nahe legt, was sie nicht wirklich benötigt, weil die Firma es als Profitlinie des Hauses vorgegeben hat? Ein Mobiltelefon-Monteur, der angehalten ist, Fehler mit ins Gerät einzubauen, damit der nächste Neukauf schon vorprogrammiert ist? Menschen feiern stolz Firmenjubiläen, obwohl die Firma in vielen Fällen auf ausbeuterischen Arbeitsbedingungen ihren Ruhm aufgebaut, Ressourcen der Erde verbraucht hat und obwohl Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer tagtäglich mit dem Auto zu ihrem Job fahren und dabei die Umwelt verpesten. Es ist wie mit Denkmälern: Es werden die großen Eroberer gewürdigt, aber von den Millionen Toten und zerstörten Lebensentwürfen am Rande ist nie die Rede.

 

Dem gegenüber stehen langjährig Erwerbslose, die – mangels Masse – nicht viel Schaden anrichten können. Sie haben kein Auto, um Kohlendioxid und Feinstaub in die Luft zu blasen. Sie kaufen wenig ein, verbrauchen wenig Ressourcen und greifen zu gebrauchten Artikeln oder holen sich bei den Tafeln die überschüssigen Brosamen der Läden ab.

Sozial Schwachen wird oft vorgehalten, sie bekämen Kinder, um nicht arbeiten gehen zu müssen oder weil sie ihr Geld verrauchten statt die „Pille“ zu kaufen. Und diese Kinder würden wieder Hartz IV kriegen und der Allgemeinheit auf der Tasche liegen. Das mag im Einzelfall so sein. Aber genauso kann man inzwischen der anderen Seite der Gesellschaft vorwerfen, keine Kinder zu bekommen und dann als Rentner der Allgemeinheit auf der Tasche zu liegen. Daher: Man sollte jedem Menschen etwas zutrauen und davon ausgehen, dass sein Leben einen Wert hat, ganz für sich, nicht für irgend jemand anderen oder die Gesellschaft. Ist nicht ein Mensch, der einfach nur eine Blume liebt, die zwischen Terrassenplatten empor wächst, nicht auch bedeutsam, um das Weltgefüge im Gleichgewicht zu halten? Oder jemand, der ein Kind in Armut großzieht und es vielleicht Achtsamkeit lehrt, oder jemand, der nur einem Tier ein Zuhause gibt?

 

Die Indigenen Südamerikas haben eine neue Arbeits- und Sozialethik in die Verfassung eingebracht (Ecuador und Bolivien): Es geht um das „buen vivir“, das Recht auf gutes Leben; Leben im Gleichgewicht mit der Natur ohne ständiges Wirtschaftswachstum – ein Begriff, den der ecuadorianische Ökonom Alberto Acosta schuf. Wenn dieser Aspekt auch in Europa Fuß fasst, dann könnte dies wiederum den Blickwinkel verändern auf den Wert (auch Selbstwert) von Menschen mit und ohne Arbeit, der bisher als Fundament für soziale Spaltung im Land gesehen wird.

 

Francine Schwertfeger