Warum ein T-Shirt für nur 7,98 Euro?

 

„Ich bekomme 315 Pesos (knapp 6 Euro) am Tag. Dabei kann ich noch froh sein. Die Leiharbeiterinnen bekommen nur 263 Pesos (4,90 Euro). Ich weiß gar nicht, wie die damit über die Runden kommen.“ So erzählte mir eine Arbeiterin, die ich im Herbst 2012 bei meinem Besuch in einem Arbeiterzentrum traf, das von den Kirchen in der Nähe von Manila geführt wird. Der Lohn, den die Textilarbeiterinnen bekommen, die in einer Zulieferfirma für C&A arbeiten, ist ein Hungerlohn. Genau so muss man so einen Lohn nennen, da man laut offizieller Statistik etwa 15 Euro bräuchte, um mit einer Familie halbwegs über die Runden zu kommen. Und dabei arbeiten die Frauen sechs Tage in der Woche und haben keinen einzigen Tag Urlaub im Jahr, obwohl sie nach dem Gesetz ein Recht auf fünf Tage im Jahr haben! Warum sind die T-Shirts in unseren Läden so billig? Weil die philippinischen Arbeiterinnen – ebenso wie ihre Leidensgenossinnen in Mittelamerika, Bangladesch oder Indien - den Preis für die billigen T-Shirts, Pullover oder Hemden zahlen.

Einige Arbeiter, die in einer deutschen Zulieferfirma beschäftigt sind, erzählen mir von ihrer Arbeit. Auch sie beklagen sich über die niedrigen Löhne, von den man kaum leben kann, und auch über die miserablen Arbeitsbedingungen. Sie müssen den ganzen Tag über bei Temperaturen von bis zu 40° C arbeiten und sind gefährlichen Chemikalien wie Schwefelsäuren, Salzsäure oder Natronlauge ausgesetzt. Dabei fehlt es an angemessener Schutzkleidung wie Atemschutzmasken. Zwar gibt es Gesundheitsuntersuchungen, doch über die Ergebnisse werden sie nicht informiert.

 

Doch das allergrößte Problem ist die Leiharbeit und die befristete Arbeit. Frauen vom Vorstand einer Textilarbeitergewerkschaft berichteten mir, wie sie bei einem Streik von Männern gepackt, mit Klebstreifen gefesselt und auf die Ladefläche eines Lastwagens geworfen wurden. Die Männer warfen die Frauen in einen dreckigen Kanal neben der Straße. Obwohl die Sonderwirtschaftszone streng bewacht war, konnten die Männer problemlos an den Wächtern vorbeigekommen. Nie kam es zu einer behördlichen Untersuchung der Misshandlung und Folterung dieser Frauen. Mit ihrem Streik wollten die Textilarbeiterinnen einen Tarifvertrag erkämpfen und die Anerkennung ihrer Gewerkschaft durchsetzen.

 

Alles für die ausländischen Investoren

 

So geht es zu an einem der größten Standorte für exportorientierte Fertigungsbetriebe auf den Philippinen in der Nähe von Manila. Über 60 hochmoderne Betriebe vor allem aus der Textil-, Elektro- und Elektronikbranche befinden sich in dieser Wirtschaftszone, in der nur für den Export produziert wird. Rund 250.000 Beschäftigte mehren hier hauptsächlich das Kapital aus Japan, Südkorea und den USA. Weit über 250 solcher „Industrieparks“ gibt es, in denen die Gesetze des Landes nicht unbedingt gelten: Der Lohn ist niedriger, es gibt weniger Urlaub und auch die Sozialversicherung ist dort geringer. Vor allem aber gilt das Motto: No strikes - no union, also keine Streiks und keine Gewerkschaften. Die Website der staatlichen Behörde wirbt mit einem doppelten Vorteil: erstens können das eingesetzte ausländische Kapital und die Rendite ungehindert zurückfließen, und zweitens gibt es „freundliche und fleißige philippinische Arbeiter“.

Natürlich sind die philippinischen Arbeiter froh, dass sie überhaupt Arbeit bekommen können. Doch die hohe Arbeitslosigkeit im Land wird von den Konzernen ausgenutzt. Wegen hoher Profite bei den niedrigen Löhnen und Sozialleistungen haben die Konzerne in den Philippinen investiert – und haben dafür in Europa oder den USA Arbeiter entlassen und Betriebe geschlossen, wo es Gewerkschaften, anständige Löhne und Sozialleistungen gibt. Die ausländischen Investoren konnten bei der Regierung eine Absenkung des täglichen Mindestlohnes um fast zehn Prozent durchsetzen, während die Lebenshaltungskosten ständig stiegen. Für einen Lohn, der das Überleben nicht sichert, muss man sechs Tage pro Woche schuften. Die fünf Tage Urlaub im Jahr, auf die sie ein Recht haben, wurden auch gestrichen, können in der Praxis nur im Krankheitsfall in Anspruch genommen werden. Wenn man berücksichtigt, dass die Exportzonen unter dem Diktator Marcos gegründet wurden, um die hohen Auslandsschulden zahlen zu können, dann zeigt sich eine doppelte Ausbeutung: Die Arbeiter und Arbeiterinnen müssen mit miesen Löhnen und Arbeitsbedingungen die Auslandsschulden abbezahlen.

 

Kirchen engagieren sich: Arbeiterunterstützungsprogramm

 

Wer sich gegen Ungerechtigkeit zur Wehr setzt, lebt gefährlich. Das musste Gerardo Cristobal, der Leiter eines kirchlichen Zentrums, das den Arbeitern zur Seite steht, erleben. Er hatte schon einmal ein Attentat überlebt. Doch bei einer zweiten Attacke kam er im März 2008 um. Das Zentrum wurde vor einigen Jahren von dem Märtyrerbischof Ramento gegründet. Vorsitzender ist der jetzige oberste Bischof unserer philippinischen Schwesterkirche, der Iglesia Filipina Independiente.

Deshalb ist es unserer Schwesterkirche, der Iglesia Filipina Independiente, hoch anzurechnen, wenn sie trotz dieser massiven Behinderung und Verletzung von Menschen- und Arbeiterrechten ihr Engagement verstärken will. Die Fastenkollekte in diesem Jahr diente dem Auf- und Ausbau von Unterstützungsarbeit für die Sache der philippinischen Arbeiter. Der Erzbischof hat sich immer mit den Arbeitern und ihren Kämpfen um mehr Gerechtigkeit solidarisiert. Mit ihrem IFI-Arbeiterunterstützungsprogramm will die Kirche den Dialog und die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften ausbauen und ihren prophetischen Dienst und ihr Zeugnis verstärken. Vor allem aber will sie die Arbeiter im kontinuierlichen Kampf für ein besseres und menschliches Leben unterstützen.

 

Franz Segbers