Wirtschaft und Arbeitswelt

Ein Thema für die Kirche?!

 

Wirtschaft und Arbeitswelt bestimmen den Alltag, das Leben der Menschen. Die Kirche besetzt dagegen im allgemeinen Bewusstsein häufig vor allem den im Regelfall noch freien Sonntag, dürfte im Empfinden vieler Menschen jedenfalls außerhalb ihres ‚normalen’ Alltags verortet sein.

Dennoch gibt es in den beiden großen Konfessionen Organisationen, die sich mit Wirtschaft und Arbeitswelt befassen. Entweder sind es Organisationen, in denen sich Kirchenmitglieder zusammengeschlossen haben, um ihre Anliegen und Bedürfnisse als Gemeinschaft in die kirchlichen Strukturen hineinzutragen. Oder es handelt sich um Arbeitsfelder, auf denen die institutionalisierte Kirche versucht, in die Welt der Wirtschaft und Arbeit hineinzuwirken.

Mit dem Kolpingwerk aufseiten der römisch-katholischen Kirche existiert ein solcher, weithin bekannter kirchlicher Sozialverband. Er hat den Namen seines Gründervaters Adolf Kolping (1813-1865) für sich selber zum Markenzeichen erhoben. Dennoch ist vielen nicht bekannt, dass dieser Verband als Netzwerk für wandernde Handwerksgesellen begonnen hat. Es breitete sich nach der Gründung rasch aus und sieht heute auch die Förderung von Familien, insbesondere solcher in wirtschaftlich oder sozial problematischen Lebenslagen, als seine Aufgabe. Daneben gibt es auf römisch-katholischer Seite noch – allerdings wesentlich unbekannter als das Kolpingwerk – die Katholische Betriebsseelsorge (BSS) und die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB).

 

Die Pendants auf evangelischer Seite sind ähnlich unbekannt wie BSS und KAB. Der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt (KDA) entspricht in etwa dem BSS, der Bund Evangelischer Arbeitnehmer (BEA) der KAB und die Arbeitsgemeinschaft Handwerk und Kirche (AHK) dem Kolpingwerk. Diese drei evangelischen Organisationen haben sich am 19. März 2011 zum Evangelischen Verband Kirche-Wirtschaft-Arbeitswelt (VKWA) zusammengeschlossen. Der neu gegründete Verband versteht sich als protestantische Stimme in gesellschafts-, wirtschafts- und arbeitsmarktpolitischen Fragen. Durch die Bündelung der bis dahin nur lose miteinander verbundenen Arbeitsbereiche im VKWA sollen die Themenfelder Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Sozialpolitik in der Evangelischen Kirche in Deutschland eine stärkere Gewichtung erhalten.

Gemeinsam ist den Verbänden auf römisch-katholischer und evangelischer Seite, dass sie mit ihrer Arbeit nahe bei den Anliegen der Menschen sein wollen. Sie setzen sich für gute und gerechte Arbeitsbedingungen und die Gestaltung einer ökologisch, sozial und global verpflichteten Marktwirtschaft ein. Deswegen findet man sie bei der Bewegung für den Sonntagsschutz (Sonntagsallianz), der auch das alt-katholische Bistum vor Kurzem beigetreten ist, beim Engagement um die Einführung einer Steuer auf Finanztransaktionen oder auch dem Einsatz für die Überwindung von prekären Beschäftigungssituationen.

Um in diesen Themenfeldern Einfluss zu nehmen und eine kirchliche Stimme hörbar werden zu lassen, publiziert beispielsweise der KDA regelmäßig Broschüren zu unterschiedlichen Themen. Die neueste Publikation, an der auch alt-katholische Autoren mitgewirkt haben, ist eine Broschüre mit Materialien für Gottesdienst und Gemeinde zum 1. Mai aus Anlass des ‚Tags der Arbeit’ und des gleichzeitig beginnenden Evangelischen Kirchentages. Die Broschüre verbindet das Motto des Kirchentages Soviel Du brauchst mit dem diesjährigen Slogan der Gewerkschaft zum 1. Mai: Gute Arbeit. Sichere Rente. Soziales Europa. Auf diese Weise schlägt sie eine Brücke zwischen den beiden Anlässen. Interessierte können die Broschüre – wie alle anderen Publikationen des KDA – entweder kostenfrei auf der Website des KDA (www.kda-ekd.de) downloaden oder auch als kostenpflichtige Print-Version beim VKWA bestellen.

Daneben werden auch Betriebsbesuche in Firmen durchgeführt, Handwerker-Gottesdienste gefeiert oder Tagungen und politische Podiumsdiskussionen zu sozial- und arbeitsmarktpolitisch relevanten Fragen wie Leiharbeit, Hartz IV, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Arbeitslosigkeit oder Mobbing und vieles mehr angeboten. Erstaunlich bleibt, dass die Organisationen – abgesehen vom Kolpingwerk – trotz ihres gesellschaftspolitischen Engagements selbst innerhalb der eigenen Kirchen häufig wenig bekannt sind.

 

Walter Jungbauer