„Den Auferstandenen trifft man auf der Straße“

Spiritualität und soziales Engagement als zwei Seiten einer Medaille

 

Kirche verwirklicht sich nach klassischer Auffassung in den drei Grundvollzügen Leiturgia (Gottesdienst), Martyria (Zeugnis) und Diakonia (Dienst). Gerade der dritte Bereich, die Diakonie, der Dienst am Nächsten, hat sich im Zuge der Entwicklung und Professionalisierung dieses Sektors ausgegliedert und ein gewisses Eigenleben entwickelt. Entstanden sind solche sozial-kirchlichen Großkonzerne wie ‚Caritas’ oder ‚Diakonisches Werk’, ‚Brot für die Welt’ oder ‚Misereor’. Das hat Vorteile, weil diese Strukturen eine wesentlich umfangreichere und professionellere Hilfe für Not leidende Menschen bieten können. Nachteilig besteht aber auch die Gefahr, dass sich die konkrete Diakonie aus dem Bewusstsein der Gemeinde verabschiedet und nicht mehr als genauso selbstverständlicher Teil der individuellen christlichen Existenz verstanden wird wie beispielsweise der Gottesdienst.

 

In der Geschichte der christlichen Kirchen hat es immer wieder Bewegungen gegeben – oft inspiriert von Einzelpersönlichkeiten –, die drauf aufmerksam gemacht haben, wie untrennbar das sozial-diakonische Engagement zur Existenz des Christenmenschen gehört. Im Mittelalter war dies beispielsweise der Orden der Franziskaner mit Franziskus von Assisi, der angesichts einer überbordenden Pracht zu einer neuen Bescheidenheit und Einfachheit aufrief; im 18. Jahrhundert waren es die Methodisten mit John Wesley, welche in der anglikanischen Kirche an die Notwendigkeit erinnerten, sich den Armen und Bedürftigen zuzuwenden und aus der die Evangelisch-methodistische Kirche hervorging; im 19. Jahrhundert wurden durch Johann Hinrich Wichern auf evangelischer Seite und Josef Kolping auf römisch-katholischer Seite die Wurzeln für den Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) sowie die Handwerkerarbeit der evangelischen Kirche beziehungsweise das Kolpingwerk gelegt; und im 20. Jahrhundert kann man als Beispiel die ‚Arbeiterpriester’ oder schließlich die lateinamerikanische Befreiungstheologie nennen.

 

Arbeiterpriester

 

Historisch betrachtet ist dabei überaus interessant die Motivation von kirchlicher Seite, sich mit der sozialen Frage auseinanderzusetzen. Sie entspringt manchmal nicht unbedingt nur christlichem Idealismus, sondern – wie beispielsweise bei den erwähnten Arbeiterpriestern – anderen Zielsetzungen.

Die Arbeiterpriester-Bewegung hatte in Belgien und Frankreich ihre Wurzeln. Im Vordergrund dieser Bewegung innerhalb der römisch-katholischen Kirche stand die Feststellung, dass die etablierte, bürgerlich geprägte Kirche das Arbeitermilieu nicht mehr erreicht. Deswegen sollten in den 1920er und 1930er Jahren zunächst motivierte christliche Jugendliche als Multiplikatoren in diesen Milieus eine Rechristianisierung einleiten. Dies sollte dazu beitragen, die Arbeiterschaft zu christlichen Werten zurückzuführen.

Vor dem Hintergrund der ersten Erfahrungen wurde dann mit einer Priester-Ausbildung begonnen, aus der die ersten Arbeiterpriester hervorgingen; sie lebten in den gleichen Wohngebieten wie die Arbeiter und waren auch selbst als Arbeiter tätig, um den Kontakt zu diesem Milieu zu gewinnen. Im Laufe der Zeit kam es dadurch zu einer Annäherung zwischen den Priestern und den Arbeitern – allerdings in einer durchaus unerwarteten Weise: Durch die Erfahrung des Lebens und der Arbeitsbedingungen als Arbeiter und den Austausch mit Gewerkschaftern entschlossen sich zahlreiche Arbeiterpriester selber in die (kommunistisch dominierten) Gewerkschaften einzutreten. Sie übernahmen dort teilweise auch führende Positionen, vollzogen den Schulterschluss mit linken Gewerkschaftern und gingen auch in Opposition zu ‚christlichen Gewerkschaften’, die ein eher nachgiebiges Verhältnis gegenüber der Arbeitgeberseite einnahmen, in Frankreich dieser Radikalisierung der Arbeiterpriester später aber sogar folgten.

Die Arbeiterpriester wurden durch den gelebten Glauben – und das heißt: durch das christliche Leben selber – ‚gewendet’. In dem Spannungsverhältnis zwischen ihrem spirituell-missionarischen Ansatz und der realen Erfahrung der Lebens- und Arbeitswirklichkeit der Arbeiter erwies sich der gelebte Glaube als spiritueller Zugang zur Ethik der sozialen Frage.

Eine Entwicklung, die nicht im Sinn der römisch-katholischen Kirchenleitung war. Ziel war es ja nicht, sich mit den Gewerkschaften zu verbünden, sondern die Arbeiter für einen christlichen Glauben im Sinne der Amtskirche zu gewinnen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die römisch-katholische Kirche dieses Experiment in den 1950er Jahren unter den Päpsten Pius XII. und Johannes XXIII. vorübergehend abbrach. Erst in Folge der Öffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils kam es dann nach 1965 zu einer Wiederbelebung der Arbeiterpriesterbewegung.

 

Vertröstung oder Engagement?

 

Letztlich ging und geht es bei dem kurz skizzierten Beispiel der Arbeiterpriester genau wie bei den anderen sozial-diakonischen Bewegungen immer wieder um ein und dieselbe Frage: Erschöpft sich gelebter Glaube in einer Spiritualität, welche das Ende aller Not des Menschen ins Jenseits vertröstet – wovon noch so manches Kirchenlied erzählt. Oder bedingt gelebter christlicher Glaube nicht automatisch auch sozialpolitisches Engagement. Wolfgang Thierse (SPD) hat hier eine sehr klare Position: „Religion ist keine Privatsache, sondern drängt auch immer ins öffentliche Leben und in die Gestaltung des Lebens, sonst ist sie nicht. Es gibt keinen bloß geglaubten Glauben, sondern er will gelebt sein und hat damit immer auch eine politische Dimension.“

Die Berichte über Jesus von Nazareth, dem wir als Christinnen und Christen nachfolgen, enthalten hier wesentliche Botschaften. So macht das Grundgebot der Nächstenliebe, in dem letztlich das gesamte Gesetz und die Propheten ihre Erfüllung finden (vgl. Matthäus 22,34-40), klar, dass der Glaube an Gott und das Engagement für Nächste untrennbar zusammengehören. Der Blick auf den, welcher der Nächste ist, wiederum macht deutlich, dass ich ihn im ‚Geringsten meiner Geschwister’ (vgl. Mt 25,31-46) finde – dem Nächsten sowohl in meinem Umfeld oder meinem Land als auch weit entfernt, wie beispielsweise auf den Philippinen (siehe dazu auch den Artikel von Franz Segbers).

Wenn ich mich als Christin oder Christ für den Nächsten engagiere, geht es dabei nicht um Parteipolitik, sondern um die Erneuerung des Zusammenhangs von Ethik und Spiritualität, um Eingreifen in Politik in christlichem Sinn. Wenn dieser Zusammenhang ausgeblendet wird, läuft der christliche Glaube Gefahr, die ‚Ethik’ zu einem hohen, aber blassen Thema für Kommissionen und Theologie verkommen zu lassen und ‚Spiritualität’ letztlich ausschließlich den privatreligiösen Vorstellungen oder Erfahrungswelten zu überlassen.

Der Schlüssel, um das zu vermeiden, liegt in der Gemeinde – und zwar ganz alt-kirchlich erlebt: die Gemeinde als ein Modell für den gelebten Zusammenhang zwischen Ethik und Spiritualität. In der frühen Kirche, in ihren Gemeinden war die Ausstrahlung der Gemeinden selbst die Mission; so berichtet der antike Schriftsteller Tertullian (150-230), dass sich die Heiden im zweiten Jahrhundert über die damaligen Christinnen und Christen erzählten: „Seht, wie sie einander lieben.“

Letztlich sagen uns auch die Erfahrungen der Theologie der Befreiung nichts anderes. Die Gemeinde selbst ist für die Befreiungstheologie die Basis (eben „Basisgemeinde“), in der die Nachfolge Jesu Christi gelebt und erlebt wird.

In der Gemeinde und aus der Gemeinde heraus wird hier das erfahrbar, was wir mit „Reich Gottes“ zu erklären versuchen. Weder als Jenseitsvertröstung noch als säkulare oder theokratische Weltverheißung. Oder, wie Jörg Zink es in seinem Jesusbuch ausdrückt: „Wenn aber das Reich Gottes entstehen soll, dann ist es gegenwärtig. Dann ist es nah. Dann trennt uns von ihm nicht mehr als die Zeit, in der ein Mensch sich zu wandeln vermag oder in der seine Wandlung bewirkt werden kann.“

Die Metapher vom Kreuz als Kreuzung bekommt hier womöglich eine lebendige Gestalt: in der Vertikalen der individuellen Glaubensbeziehung zu Gott und in der Horizontalen der sozialen, aber ebenfalls spirituellen Beziehung zu dem „Auferstandenen auf der Straße“.

 

Martin Dieckmann / Walter Jungbauer