Zum Rücktritt des Papstes

 

Wir Alt-Katholiken sind ja nicht gerade papstfreundlich. Trotzdem kann uns das Geschehen in Rom nicht unberührt lassen. Denn der Papst ist für die Christenheit und das Weltgeschehen eine zentrale Figur. Zudem ist die Römisch-Katholische Kirche nach wie vor die stärkste spirituelle Kraft des Westens. Deshalb betrifft dieser Rücktritt auch uns.

 

Der mutige Entscheid von Papst Benedikt könnte das Amt des Bischofs von Rom verändern. „Der Rücktritt wird alle künftigen Pontifikate begleiten“ (Kardinal Kasper). Benedikt holt mit seinem pragmatischen Schritt das Papsttum etwas näher vom Himmel auf die Erde. Er nimmt ihm etwas von seiner mythischen und sentimentalen Überhöhung. Und vielleicht weist das deshalb sogar auf eine ganz, ganz leise Bewegung auf altkirchliches Denken über den Bischof von Rom hin. Natürlich kann man Benedikt XVI. verschieden beurteilen. „Ein Papst, den man nur schwer lieben kann“, schreibt eine amerikanische Zeitung. Und tatsächlich: Er hat immer wieder polarisiert, sowohl mit seinen theologischen und kirchenpolitischen Positionen als auch mit vielen seiner Handlungen.

 

Ich denke, dass folgende zwei Dinge von diesem Papst sicher nicht vergessen werden. Das eine ist seine theologisch-wissenschaftliche Leistung. Er gehört seit Jahrzehnten zu den führenden Intellektuellen Europas. Und viele große Intellektuelle hat die Christenheit ja nicht vorzuweisen. Er hat große Verdienste an den Reformen des 2. Vatikanischen Konzils. Sein umfassendes theologisches Denken kann hier nur an einem Beispiel angedeutet werden: Er hat immer wieder darauf hingewiesen, dass der Glaube das vernünftige Denken braucht. Wenn der Dialog mit der Vernunft ausbleibt, der Glaube sich nicht vom rationalen Denken befragen lässt, dann versinkt der Glaube in einem öden Fundamentalismus. Hier liegt die Grundlage des christlichen, jüdischen und islamischen Fundamentalismus. Wo das Denken und Fragen ausbleibt, kann es bis zum religiös motivierten Töten kommen.

Umgekehrt – wenn die Vernunft sich verabsolutiert und nur sich selbst ernst nimmt, wenn also alles auf pragmatisches Nützlichkeitsdenken reduziert wird, dann verliert der Mensch seine Würde (Stichworte: Gentechnologie, der zeitgenössische Wirtschaftsliberalismus, das ständige Gerede, dass die Wirtschaft immer wachsen müsse etc.). In diesem Zusammenhang hat Benedikt immer wieder die Sorge geäußert, dass das Verdunsten des Gottesglaubens in der westlichen Welt unsere ethischen und kulturellen Grundlagen untergraben könnte.

Das zweite und vielleicht wichtigste Verdienst ist wohl sein Mut, zurückzutreten. Wie „Die Zeit“ bemerkt, ist jeder Rücktritt eine Demutsgeste. Wer nicht zurücktreten kann, kennt keine Demut. Der Jesuit Klaus Mertes hat gesagt, der Entscheid des Papstes stelle bestehende Strukturen in Frage. Es präge diese Strukturen, dass die Kirche zu viele 80-Jährige an ihrer Spitze hat. Wenn Benedikt mit Hinweis auf sein Alter geht, dann nimmt er auch dieses Problem ins Visier. Man könnte sogar sagen: Mit seinem Rücktritt hat er seiner Kirche Wege zu neuen Entwicklungen geöffnet. Man könnte überspitzt sagen: Seine wichtigste päpstliche Tat war, Rücktritt möglich zu machen.

 

Aber natürlich hat seine Papstzeit auch negative Seiten. Und man kann sich deshalb fragen, ob es richtig war, diesen intellektuellen Wissenschafter, diesen dünnhäutigen Denker zum Papst zu machen. Die Dinge, die unter ihm im Vatikan falsch gelaufen sind, lassen die Frage aufkommen, ob er das Profil für dieses Amt hatte. Es lässt sich auch fragen, ob er der Auseinandersetzung mit der Moderne gewachsen war. Es gab die bekannten Pannen und Fehlentscheide. Man denkt an die Piusbrüder, an die Scheidungsproblematik, an viele seiner Bischofsernennungen, die Domestizierung der Befreiungstheologie, die Re-Barockisierung der Liturgie, ungeschickte Äußerungen zu Islam und Judentum. War er zudem zu wenig Machtmensch, um im Haifischteich des Vatikans Oberhand behalten zu können (Vatileaks-Affäre)?

Kardinal Quellet, der zum innersten Vertrautenkreis des Papstes gehört, hat gesagt: Dieses Amt ist ein Albtraum. Und Kardinal Koch hat bemerkt, dass er ein schlechtes Gewissen habe, wenn er mit seiner Stimme helfe, jemandem dieses Amt aufzubürden. Solche Aussagen aus dem innersten Machtkreis zeigen, wie problematisch die römisch-katholische Kirchenstruktur ist. Sie sind wohl ein Hinweis darauf, dass man auch in der höchsten Hierarchie Zentralismus und Papstdogmen wenigstens andeutungsweise zu hinterfragen beginnt. Wir Alt-Katholiken würden schlicht sagen, dass die straffe hierarchische Struktur der römisch-katholischen Kirche eigentlich dem innersten Wesen von Bibel, Tradition und Kirche widerspricht.

Dass dieser machtpolitische und theologische Zentralismus nicht mehr zeitgemäß ist, zeigt sich auch daran, dass in den verschiedenen Teilen der Welt völlig verschiedene Probleme im Vordergrund stehen: Bei uns im Westen sind es zum Beispiel die Stellung der Frau in der Kirche, Sexualmoral, Homosexualität, Umgang mit Geschiedenen, Zölibat, Eucharistiegemeinschaft, demokratischere Strukturen etc. In Afrika und Südamerika sind es hingegen Fragen der Gerechtigkeit, der Armut, der Eindämmung von Gewalt, der Ausbeutung der Schöpfung, der Unterdrückung durch Kriminelle und Diktatoren. Dazu kommt in Afrika die Angst vor einem aggressiven Islamismus und in Südamerika die schwierige Auseinandersetzung mit den fundamentalistisch-evangelikalen Freikirchen (Pfingstler).

Das alles zeigt, dass sich die römisch-katholische Kirche bei allem Einfluss und bei aller spirituellen Tiefe in einer sehr schwierigen Situation befindet. Ein so vielfältiges Gebilde von 1,6 Milliarden Menschen aus verschiedensten Kulturen, Völkern, moralischen Traditionen, religiösen Welten, wirtschaftlichen Systemen und verschiedenen Entwicklungsstufen kann wohl nicht zentralistisch zusammen gehalten werden. Dass Benedikt XVI. entkräftet zurücktritt, weist in diese Richtung. Kardinal Quellet hat Recht: Das Amt ist ein Albtraum. Es kann gar nicht anders sein.

 

Bischof Hans Gerny