Tod, wo ist dein Stachel?

 

Im Rahmen meines Studiums wurde mir folgende Frage gestellt: „Bist Du ein weihnachtlicher oder bist Du ein österlicher Mensch“? Zunächst schien mir diese Frage doch recht banal. Gibt es denn eine Unterscheidung, gibt es da zwei „Arten“ von Christenmenschen? Unterscheiden sie sich so, wie es verschiedene Konfessionen gibt? Lange habe ich über diese Frage immer wieder nachgedacht, bis ich mir meiner Antwort ganz sicher war: „Ich bin ein österlicher Mensch, ein österlicher Christ“.

Weihnachten, und so denke ich bis heute, ist ein eher romantisches Fest, mit dem Kind in der Krippe, den Schafen und Hirten und glückseligem Gesang. Ein wichtiges Fest, keine Frage, und für unseren Glauben von großer Bedeutung. Aber Ostern erst macht aus dem Menschen Jesus von Nazareth diesen Jesus, den Christus. Die Auferstehung und das, was da bereits geschehen war, das Abendmahl, der Verrat, das Verhör, die Verurteilung, die Kreuzigung und was noch folgte, der Stein, der vom Grab weg gerollt war, das nun leere Grab. Die Begegnung Jesu mit Maria Magdalena im Garten und deren direkte Ansprache, der Lauf des Petrus und des Johannes zum leeren Grab, die spätere Begegnung mit dem Apostel Thomas („Mein Herr und mein Gott“), das Erscheinen vor den Jüngern im Abendmahlsaal, die Bekehrung des Saulus und noch viele andere Geschehnisse sollen uns letztendlich die Augen für unseren Glauben öffnen.

Der Glaube aller Christen, die in Jesus den wahren Gott und den wahren Menschen sehen, muss, um nicht alleine bei dem „guten Menschen“ Jesus stehen zu bleiben, was ja auch schon einiges bedeutet nach über 2000 Jahren, den Sprung über die Osternacht machen. Die Osternacht und der Glaube daran, dass das, was uns in der Bibel geschildert und überliefert ist, wirklich geschehen ist, manifestiert den christlichen Glauben. Der Tod Jesu, so grausam und unmenschlich er auch war, ist somit unabdingbare Voraussetzung für den Glauben, „der uns zum Leben und zur Liebe befreit“. Christlicher Glaube ist Leben in Hülle und Fülle, ist optimistisch und realitätsnah. Er drängt sich nicht auf, bietet aber allen die Möglichkeit, ihm ganz nahe zu kommen, weil er freiwillig gegangen werden darf. Der Glaube ist kraftvoll, würdevoll, liebevoll, voll Hingabe, tatkräftig, besänftigend, er fordert Gerechtigkeit und lädt uns ein zum Glauben an die Liebe, die Kraft, die das Schlechte überwindet, und an das unendliche Leben bei und mit Gott. Auch und gerade in den Zeiten, wo alle meinen, Gott sei nicht da, nicht präsent, er sehe und höre nichts, er sage nichts. In Zeiten, in denen man sich wie im Stich gelassen fühlt, wenn man sich nun Zeit nimmt, ein wenig Wasser ins Meer fließen lässt, hat man die Chance, Gott und seine Liebe wieder zu spüren.

 

Manchmal dauert es, und wir sind ja von Natur aus ungeduldig, aber ich vermute, viele werden es schon in ihrem Glaubensleben erlebt haben, plötzlich nimmt man wahr „ER ist da“! Und eigentlich war er auch niemals weg, oder doch? Wer diesen steinigen Weg bis zum Ende gehen darf oder muss, geht auch meist gestärkt aus diesem steinigen Weg wieder heraus. Solch einen Weg muss aber jede und jeder alleine gehen. So schmerzvoll er auch ist.

 

Durch meinen Glaubensweg bin ich ein durch und durch österlicher Mensch, der Weihnachten schätzt, die Fastenzeit als wichtige Phase zu Ostern hin wahrnimmt, den Passionsweg mit Entsetzen verfolgt und sich immer wieder fragt: Was können Menschen Menschen nur antun? Ein Mensch, der oftmals keine Antwort findet, der aber mit großer Freude den Osterjubel anstimmt. In der Überwindung des Todes, auch wenn ihn jeder erleben muss, liegt die Kraft des christlichen Glaubens. Nicht auf die Unendlichkeit schielen, sondern im Hier und Heute leben, nicht Gott einen guten Mann sein lassen, sondern handeln, weil er auch auf dieser Erde gehandelt hat, Ungerechtigkeiten wahrnehmen und versuchen, dagegen etwas zu unternehmen.

Ostern ist unser prächtigstes Fest, und ausgerechnet der Tod gehört dazu, er behält aber eben nicht die Oberhand, er wird zum Steigbügelhalter des Lebens. So möchte man gerne mit Paulus ausrufen: „Tod, wo ist dein Stachel“? Der Stachel ist stecken geblieben im Tod des Jesus von Nazareth, denn er hat uns befreit zum Leben, zum Leben in Fülle. Da kann man auch gerne mal laut ein Halleluja singen, aus ganzem Herzen und mit ganzer Seele. Da darf man tanzen und fröhlich sein, der Tod wird nicht siegen. Der Tod hat weiter seinen Schrecken für jeden, den er anstarrt, aber dahinter ist es hell, ganz hell!

 

Dirk Hemmerich