Ein Gesicht, hart wie ein Kiesel

 

Es gibt im Lukas-Evangelium einen Text, der die Menschen damals wie heute, die Jesus nachfolgen wollen, verstören kann: Als die Zeit herankam, in der er (in den Himmel) aufgenommen werden sollte, entschloss sich Jesus, nach Jerusalem zu gehen. […] Als sie auf ihrem Weg weiterzogen, redete ein Mann Jesus an und sagte: Ich will dir folgen, wohin du auch gehst. Jesus antwortete ihm: Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann. Zu einem anderen sagte er: Folge mir nach! Der erwiderte: Lass mich zuerst heimgehen und meinen Vater begraben. Jesus sagte zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes! Wieder ein anderer sagte: Ich will dir nachfolgen, Herr. Zuvor aber lass mich von meiner Familie Abschied nehmen. Jesus erwiderte ihm: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes. (Lukas 9,51.57-62).

 

Dieser Text passt so gar nicht in das Bild, das die meisten Menschen von Jesus haben. Da sieht es doch so aus, als wäre Jesus gegen die einfachsten Dienste der Nächstenliebe, wie das Bestatten der Toten. Es sieht so aus, als würde er die exkommunizieren, die noch ein bisschen zögerlich sind, ein bisschen ängstlich. Da sieht es so aus, als wäre das Christentum von vornherein nichts für Leute wie wir, die wir uns doch sehnen nach einem gemütlichen Zimmer, einer Wohnung, einem Haus, nach irgendetwas, von dem ich weiß, da bin ich zu Hause, das darf ich gestalten, wie ich will, da fühle ich mich wohl.

Ein Schlüssel zum Verstehen liegt vielleicht gleich im ersten Satz. In der Version der Einheitsübersetzung ist er allerdings schwer zu erkennen. Nicht „Als die Zeit herankam, in der Jesus in den Himmel aufgenommen werden sollte, entschloss er sich, nach Jerusalem zu gehen“, heißt es, wenn man genau übersetzt, sondern „Als die Zeit erfüllt war, dass er hinaufgenommen werden sollte.“ Die Zeit erfüllt! Ein Hinweis darauf, dass jetzt etwas völlig Neues anbricht, dass das, was jetzt kommt, völlig neue Qualität besitzt, dass jetzt die entscheidende Zeit für Jesus gekommen ist.

Als die Zeit erfüllt ist, da entschließt er sich nicht mal so eben, nach Jerusalem zu gehen, als die Zeit erfüllt ist, da „macht er sein Gesicht hart und wendet sich nach Jerusalem“. Dieser Ausdruck lässt ein bisschen davon verstehen, was in Jesus vor sich geht. Er lässt etwas sehen von dem Ringen, das sich vorher abgespielt haben muss. Er lässt verstehen, dass Jesus sich der vollen Konsequenz seines Tuns bewusst ist, und dass er jetzt entscheidet, sehenden Auges seiner Berufung zu folgen.

Dass sein Weg ihn nach Jerusalem führen muss, ist wohl schon länger klar. Aber jetzt hat die Zeit sich erfüllt: Jetzt weiß er, dass jetzt der Zeitpunkt da ist zu gehen. Jetzt weiß er, dass die schwerste Zeit seines Lebens auf ihn wartet, und Jesus weiß nicht, wie er diese Zeit bestehen wird. Auch Jesus weiß nicht, ob er das Vertrauen, das er seinen Jüngern zu vermitteln versuchte, wird durchhalten können angesichts von Folter und Tod.

Wenn nun ein Mensch daherkommt und ihm folgen will, hat auch das neue Qualität. Wenn nun ein Mensch daherkommt und ihm folgen will, dann muss er wissen, dass er einem Heimatlosen folgt, muss er wissen, dass er mit einem zieht, der keine äußere Geborgenheit geben kann.

Wenn nun einer daherkommt, der eine Kuschelgruppe sucht, eine Gemeinschaft sucht, die ihn stützt, muss er wissen, dass die Gemeinschaft der Jünger Jesu auf die äußerste Probe gestellt werden wird und dass in der Nachfolge nur bleiben wird, wer Vertrauen zum Leben nicht nur aus der Zuwendung anderer Menschen bezieht, sondern in dessen Ich es bereits tiefe Wurzeln geschlagen hat.

Wenn ein Mensch diese letzte Strecke des Weges mit Jesus gehen will, muss er wissen, dass es möglich ist, dass das Reich Gottes keine anderen Rücksichten mehr zulässt, nicht einmal mehr die normalen Dinge, die eigentlich geboten sind von der Liebe zu den Mitmenschen. Wer die Hand an den Pflug legt und zurück schaut, wird aus der Bahn kommen. Wer sich nur an der Vergangenheit orientiert und nicht das Ziel im Auge hat, wird nicht säen können für das Reich Gottes. Nicht dass man aus der Vergangenheit keine Lehre ziehen soll, ist hier gemeint. Sondern dass der Mut zu neuen Schritten, zum Aufbruch nötig ist, ohne immer dem hinterherzutrauern, was man verlassen muss.

 

Es ist ein hartes Evangelium. Es ist hart für uns, die wir uns doch danach sehnen, angenommen zu werden, verstanden zu werden auch mit den Verwundungen, die uns begleiten aus der Vergangenheit und auf die zurückzuschauen uns manchmal sehr nottut. Aber hier ist nicht die Rede von einem schlechten Psychologen, der uns raten will, zu verdrängen, was uns von früher her belastet. Sondern hier ist die Rede von einem Mann, der gerade sein Gesicht hart gemacht hat, um einen harten Entschluss zu fassen.

Vielleicht ist deshalb dieser Evangelientext wirklich nur zu fassen von Menschen, die in einer ähnlichen Lage sind. Vielleicht ist es das Evangelium für Dietrich Bonhoeffer, Oscar Romero, Alberto Ramento und alle Christen in einer ähnlichen Situation. Für sie ist es möglicherweise nicht hart, sondern ermutigend. Ihnen sagt es, dass sie ihren Weg gehen müssen ohne zurückzuschauen, das Ziel fest im Blick. Ihnen sagt es, dass es ein Ziel gibt, und dieses ist das Reich Gottes.

Es gibt auch die Situationen, durch die man hindurch muss – es gibt sie nicht nur für Jesus oder Bonhoeffer oder Romero, sondern auch für uns. Es gibt auch die Situationen, in denen wir uns ent-wurzelt fühlen, heimatlos, ausgestoßen. Dann ist es vielleicht gut zu wissen, dass Jesus auch in diesen Zeiten unser Bruder ist. Dann ist es nicht leicht, ihm nachzufolgen, und doch ist gut zu wissen, dass er diesen Weg schon einmal gegangen und dass er an sein Ziel gelangt ist.

In solchen schweren Zeiten kann dieses Evangelium auch zu unserem Evangelium werden, zur Frohbotschaft, nicht zum unverständlichen Ausdruck von Lieblosigkeit. Es mag sein, wir sind heute nicht in einer Lage, in der dieses Evangelium uns viel sagt. Aber es kann sein, es kommt einmal ein Zeitpunkt, an dem wir froh sind, uns daran erinnern zu können, daran, dass der Weg viel Entschiedenheit braucht, aber auch, dass er ein Ziel hat: Gottes Reich.

 

Gerhard Ruisch