Mein Gott, mein Gott ...

Eine Karfreitagsmeditation

 

„Warum musste sie früher gehen als ich?“, fragt der alte, gebrechliche Mann im Altenheim. Seine Augen voller Einsamkeit, kaum fähig, vergangene Freuden zu empfinden. Angesichts seiner Verlassenheit, auf die Krankenschwester wartend.

„Warum merken sie nicht, was in mir vorgeht?“, fragt das junge Mädchen, aus Angst vor der Zukunft. Mama, Papa ich liebe euch, will sie sagen, kann es aber nicht. Sie setzt die Heroinspritze an.

„Warum bin ich ihr Opfer?“, fragt der dicke, unsportliche Junge. Gemobbt. Im Internet. Gedemütigt. Alle sehen hin und doch weg. Erfreuen sich. Und schaudern.

„Warum die Kälte?“, fragt der Obdachlose im Winter. Er friert. Sitzt auf der Parkbank, längst verlassen. Die Welt sitzt im Warmen. Einige hier draußen. Warum bin ich es, der wegrationalisiert wurde? Warum ich, dessen Arbeit nichts mehr wert war? Danke für Ihre langjährige Mitarbeit. Alles Gute!

„Warum Krebs?“, fragt die Frau. Am Krankenbett ihr kleines Kind. Den Teddy im Arm. Der Mann hält es und lächelt. Leere Augen.

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

 

Es rührt mich am meisten, dieses Wort Jesu am Kreuz. Als er auf den Tod wartet, sein Leben zieht an ihm vorbei. Die Tage in Ägypten, die Heimkehr nach Nazareth, die Arbeit mit Josef, dann der Aufbruch, seine Taufe, die Jünger, sein Auftrag, sein Gott. Kein Ausweg mehr. Sie schauen zu: Die Angst hatten, weil er ihre Ordnung durcheinander brachte. Die zweifelten, wegen seiner Taten und Worte. Die ihn verspotteten, als er am Kreuz hing.

Verlassen von denen, die er lehrte, die um ihn waren. Verlassen von Gott. Warum dieses Leben, wenn das Wirken nicht weitergeht?

Die Frage „Warum?“ wird zum Ausdruck für das Nicht-Begreifen.

 

„Und in der neunten Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eloi, eloi, lama sabachtani!, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ (Mk 15,34). Heute sind wir es gewohnt, „lama“ mit dem Fragewort „warum?“ zu übersetzen. Doch wörtlich bedeutet es „wozu?“ oder „zu welchem Zweck?“

Es ist nicht nur der Blick auf das Unbegreifliche. Wir bleiben nicht stehen in der Vergangenheit. Wir bleiben nicht stehen bei uns. Die Verzweiflung, die Verlassenheit, die Angst, die wir in aussichtslosen Momenten empfinden, lassen unseren Blick auf uns selbst ruhen. Das „Warum?“ hält uns gefangen. „Wozu?“ möchte  unseren Blick auf den lenken, der unsere Zukunft ist.

Mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen? Vorbei zieht an Jesus sein Leben, die Menschen, die er heilte, zusammenbrachte, mit denen er aß und feierte. Mein Gott, mein Gott, was soll daraus werden?

In der Todesstunde Jesu ist der Blick nicht nur auf die Vergangenheit gerichtet, sondern auf die Zukunft hin. Gott hört den Hilfeschrei. „Auf dich vertrauten unsere Vorfahren, sie vertrauten und du hast sie befreit“ (Ps 22,5). So betet der Verzweifelte und erinnert sich an die Vergangenheit. Die Erinnerung wandelt den Blick in die Zukunft.

Im Anblick des Leides, das der Psalmist und Jesus erfahren, ist die Frage an Gott gerichtet. Ihm traut Jesus zu, das Leid zu verwandeln, ihm einen Sinn zu geben. Weil Jesus Gott als den Gerechten erfährt, vertraut er ihm sich an. Die Geschichte selbst endet nicht mit dem Schrei Jesu, mit seiner oder unserer Verzweiflung. „Denn er hat nicht verachtet noch verabscheut des Elenden Elend, hat sein Angesicht nicht verborgen, und da er schrie, erhörte er ihn“(Ps 22,25). 

Wie für Jesus, so endet es auch für uns mit der Initiative Gottes, die Liebe ist, die wir am Ostermorgen erfahren. Auch wenn die Lage aussichtslos scheint, vielleicht erinnert Ostern auch uns, und wir stellen die Frage anders: Mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen?

 

Tobias Henrich