Bin ich erlöst?

 

Jetzt, wo ich die Frage schwarz auf weiß vor mir auf dem Papier sehe, überkommen mich Bedenken, ob ich als gestandener Christenmensch mir eine solche Frage überhaupt erlauben darf. Dazu noch öffentlich in einem Kirchenblatt. Seit ich denken, besser: seit ich glauben kann, lehrt mich die Kirche, dass Gott bereits alles unternommen hat, um mich zu erlösen. Er hat seinen Sohn in die Welt gesandt, der die Menschheit und damit auch mich am Kreuz erlöst hat, ich bin getauft und damit in die Kirche eingegliedert worden, was mich, nach Augustinus, von der Erbschuld befreite.

Wenn ich ehrlich sein soll – ich fühle mich aufgrund dieser in Jahrhunderten erdachten und überdachten dogmatischen und theologischen Versicherungen nicht sonderlich erlöst. Möglicherweise würde Friedrich Nietzsche, könnte ich ihm heute begegnen, auch von mir sagen, ich müsste erlöster aussehen, wenn er mir diesen Glauben abnehmen sollte? Mir kommt der Gedanke, dass meine mangelnde Erlösungsgewissheit etwas mit meinem mangelnden Erlösungsbedürfnis zu tun haben könnte. Ich will mich keineswegs auf dieses banal-kokette „wir sind alle kleine Sünderlein“ hinausreden, und ich meine auch nicht, dass ich hoffnungslos dem Zeitgeist verfallen wäre, für den Schuld und Sünde Fremdwörter geworden sind. Doch es ist schon so, dass ich mich nicht ständig als Sünder sehe. Mir ist durchaus bewusst, dass ich täglich hinter dem zurückbleibe, was ich mir als Mensch und als Christ als Maßstäbe gesetzt habe. Da gibt es überhaupt nichts zu beschönigen. Mit der Vorstellung, diese Defizite würden mich von Gott als dem Urgrund meines Daseins trennen können, tue ich mich schwer. Erst recht schwer fällt mir, fiel mir schon immer, die Vorstellung, dass um meiner „Erlösung“ willen Gottes Sohn am Kreuz hat sterben müssen und dass ich durch seinen Tod erlöst bin.

Diese Vorstellung eines ein für alle Mal Erlöstseins will mir auch nicht recht zu dem Gebet passen, das Jesus uns gelehrt hat. Wenn er uns aufträgt, immer wieder die Bitte an unseren himmlischen Vater zu richten “…und erlöse uns von dem Bösen“, dann geht er für mich davon aus, dass wir immer wieder neu der Erlösung und Befreiung bedürfen und dass wir diese auch immer wieder erlangen, wie von einem gütigen, liebenden Vater eben. Mir scheint, dass Jesus stets mehr das konkrete menschliche Leben im Blick hatte als religiöse Thesen mit „Ewigkeitswert“. Er sah, welche Lasten die Menschen täglich zu tragen hatten, nicht nur religiöse oder ethische, sondern auch soziale und sozusagen naturgegebene, und er zeigte ihnen einen Gott, den man unablässig bitten darf, er möge einem diese Lasten abnehmen, sie mittragen oder helfen, sie loszuwerden.

Das bezeugen für mich auch die Erzählungen der Evangelien, in denen Jesus den Menschen Heilung und Vergebung zuspricht. In allen diesen Geschichten geschieht, wenn ich es recht sehe, Erlösung und Befreiung nicht ausschließlich durch ein göttliches Machtwort. Oft heißt es da: „Dein Glaube hat dich gesund gemacht“ oder „dein Glaube hat dir geholfen“. Jesus erscheint mir hier nicht als der göttliche Alleskönner, sondern vielmehr als der, der den Menschen dazu verhilft, die ihnen innewohnenden Lebenskräfte, Kräfte des Glaubens, des Vertrauens zu aktivieren und so Erlöste zu werden. Erlöste nicht nur von persönlicher Sünde, sondern von allem, was das Leben schwer macht und unerträglich. „Gott steht für all das, was uns ermutigt“, so formulierte es Eugen Drewermann in seiner Betrachtung „Jesu Glaube und das Vaterunser“ (Publik-Forum, 2002).

Tatsächlich erfahre ich Jesus so auch gelegentlich in meinem eigenen Christenleben, wenn ich meiner Lieb-, Fried- und Hilflosigkeiten, meiner Eitelkeiten, meiner Verirrungen und Schwächen, meiner Krankheiten und Ängste gewahr werde und mich ihm zuwende und ihm manchmal sogar folge – dann fühle ich mich befreit und erlöst und dann „möchte ich singen vor lauter Freude“.

Ich fühle mich von Jesus aufgerufen, eingeladen zu einem erlöst(er)en, befreit(er)en Dasein, immer wieder neu, in immer wieder neuen Situationen - aber nicht ein für alle Mal. Es gibt Rückfälle - Indizien dafür, dass ich Erlösung nicht „habe“ als etwas, das ich „getrost nach Hause tragen“ könnte. Das macht mir aber im Blick auf mein endliches Dasein, auf ein Leben nach dem Tod keine Angst. Denn das hat der Mann aus Nazaret mit seinem Leben und Sprechen mich auch gelehrt: dass ich nicht herausfallen kann aus der Liebe Gottes.

Solche individuellen Wahrnehmungen unterscheiden sich vielleicht beträchtlich von der dogmatisch-theologisch begründeten Erlösungsgewissheit, die mir die Kirche verkündet und wie ich sie eingangs kurz zu skizzieren versuchte. Damit kann ich leben – und ich bin zuversichtlich, dass es auch die Kirche kann.

Zurück noch einmal zu der Vaterunser-Bitte. In seiner schon erwähnten Betrachtung formuliert Eugen Drewermann sie so: „…sondern entreiße uns dem Bösen“ und fährt dann fort:

Denn das ist

Der einzig wirklich Böse:

Der Geist der Angst,

der das Werden nicht will,

der die Wandlung verweigert

und die Verantwortung flieht.

Ja, lass uns lieber irren,

als niemals dabei zu lernen.

Lass uns lieber Fehler begehen,

als an lauter Richtigkeiten zu ersticken,

lass uns lieber an fernen Küsten stranden und scheitern

als die Reise ins Unbekannte

niemals anzutreten.

 

Veit Schäfer