Der Kreuzestod Jesu – eine Zumutung

 

Der Schriftsteller Elie Wiesel, der als vierzehnjähriger jüdischer Junge aus dem KZ befreit worden war, beschäftigte sich in seinem gesamten Werk, für das er den Literaturnobelpreis erhielt, mit dem Holocaust. Der ist in seinen Erzählungen zumindest der Hintergrund, so auch in einem Buch über biblische Urgestalten (Adam oder das Geheimnis des Anfangs, deutsch 1980). Darin reflektiert er auch die Szene, die christlich oft als „Opferung Isaaks“ bezeichnet und als Vorausbild des Kreuzestodes Jesu gedeutet wurde. Diese Verknüpfung lehnt Wiesel entschieden ab. „Für den Juden kommt jede Wahrheit aus dem Leben und nicht aus dem Tode. Die Kreuzigung stellt für uns keinen Fortschritt, sondern einen Rückschritt dar,“ nämlich in die Ära des rituellen Tötens. Dementsprechend habe Isaak für den Juden keineswegs Bedeutung erlangt wegen seiner „Aufbindung auf den Altar“ (Akeda) – schließlich ist Isaak letztlich auch nicht wirklich geopfert worden – oder wegen seiner Todesangst. Für die jüdische Tradition sei der Tod kein Mittel, Gott zu verherrlichen. Niemand habe das Recht, einen Menschen, die „lebendige Ewigkeit“ zu opfern, nicht einmal Gott. Der gewaltsame Tod ist für Wiesel, ganz besonders nach der Erfahrung von Auschwitz, Ärgernis und Wahnsinn. Deswegen sind auch in seinen Geschichten viele Gestalten Wahnsinnige. Leiden und Tod bergen mithin für den Juden keinen erlösenden Sinn.

Aus dem Judentum heraus oder aus allgemein menschlichen Erfahrungen lässt sich der Kreuzestod Jesu nicht deuten. Das bestätigt gerade Paulus, für den eine Theologie des Kreuzes zentral ist. „Wir verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ (1Kor 1, 23f).

 

Vorherrschend bei heutigen theologischen Deutungsversuchen ist der Gedanke der Solidarität: Gott ist am Kreuz mit den Leidenden und Sterbenden solidarisch geworden und trägt damit den Schmerz mit und lässt so die Lage, wenn er sie schon nicht verstehen lässt, so doch bestehen. Der Gedanke der Solidarität Gottes ist auch dem Judentum nicht gänzlich fremd. Die Gedankenwelt der jüdischen Mystik ist beherrscht von der Vorstellung, dass Gott seine Kinder in die Verbannung begleitet, so dass deren Leiden ihre Fortsetzung im Leiden ihres Schöpfers finden. Elie Wiesel findet allerdings eine solche Solidarität nicht plausibel, und er fragt: „Hilft uns der Gedanke, dass Gott auch leidet, mit uns, also unseretwegen?“ Können wir dann unsere Not leichter ertragen? Seine Antwort lautet zu Recht: Nein! „Leid, das aus verschiedenen Quellen zusammenfließt, häuft sich an und wächst. Es gleicht sich nicht aus.“ Gottes Leid kann des Menschen Leid somit nicht lindern oder trösten.

 

Die Frage nach der Heilsbedeutung des Kreuzes Jesu an sich muss also an die Grenzen des menschlichen Erkenntnisstrebens stoßen. Sie ist und bleibt eine Zumutung für unser Denken. Für die Jünger Jesu aber kommen alle Annäherungen an ein Verständnis aus der Erfahrung der Auferweckung Jesu. Sie haben Jesus nach seinem Kreuzestod als lebendig wirkend erlebt. Beispielhaft zeigt dies eine Episode aus der Apostelgeschichte (3,1-10). Petrus und Johannes sind auf dem Weg zum Beten im Tempel. Auf dem Tempelhof sitzt ein gelähmter Bettler und bittet sie um eine Gabe. Petrus muss ihm sagen, dass sie weder Gold noch Silber besitzen. Er könne ihm aber etwas Kostbareres geben. Voll Vertrauen auf die Gegenwart Christi gebietet er im Namen Jesu dem Gelähmten aufzustehen und umher zu gehen. Als wieder Kraft in dessen Gelenke gekommen war, fanden die Jünger bestätigt: Es ist der Herr, der hier gewirkt hat.

 

Diese und andere Geschichten stehen im Einklang mit solchen, die aus dem Leben Jesu erzählt werden. Um Leib und Leben eines Menschen geht es Jesus bei seinen Krankenheilungen. Um die Förderung der Lebensmöglichkeiten geht es auch, wenn er von der lebensbedrohenden Sünde errettet. In der Auferweckung des Gekreuzigten bestätigt Gott den Lebensentwurf Jesu als richtig. Er identifiziert sich mit dem Gekreuzigten. Jesu Tod erscheint dann – unter den Bedingungen der Menschenwelt, wie sie tatsächlich ist, nämlich mörderisch – als letzte Konsequenz seines Lebensentwurfes. Der besteht im Loslassen von sich selbst und in unbedingter vertrauender Hingabe an Gott, selbst dann noch, wenn Menschen ihn in religiöser Selbstgewissheit und Selbstbehauptung, die sie durch ihn bedroht sehen, zu liquidieren suchten. Damit erscheint er, „dem sich Gottes Wesen eingeprägt hat“ (Hebr 1,3), als Offenbarung der Gestalt der Liebe Gottes, die bis zur letzten Hingabe an die Menschen willens ist.

 

Klaus Rohmann