Durchbruch zum Leben

Für uns gestorben und zum Leben auferweckt: Leben für andere – bis in den Tod

 

„Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe“ (Markus 1,15) – das ist die Mitte der Verkündigung Jesu. Er spricht von einem Reich, in dem Gottes Wille auch auf Erden geschieht. Arme, Hungernde und Weinende gelangen zu ihrem Recht. Schmerz und Tod sind überwunden. Die Königsherrschaft Gottes ist so anders als alles, was wir kennen, dass nur in Gleichnissen davon gesprochen werden kann: die reife Ernte, die Rettung des Verlorenen, das festliche Mahl.

 

Und doch ist diese neue Herrschaft bereits angebrochen: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (Lukas 17,21). Mit Jesus wird es hier und jetzt schon Wirklichkeit. Es erweist sich geradewegs als Gegenteil von dem, was man gemeinhin „Herrschaft“ nennt: „Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken […]. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein“ (Markus 10,42-44). Ein Leben in jenem Licht, das vom kommenden Gottesreich auf die Gegenwart scheint, ist also ein Leben der Schwäche, des Dienens und der Gewaltlosigkeit – ein Leben für andere. Doch die paradoxe Erfahrung ist: Wer Jesus nachfolgt und sein Leben wirklich für andere hergibt, kann in Gemeinschaft mit ihm ein neues, das eigentliche Leben finden (Lukas 17,33) – ein Leben, das sogar, wunderbarerweise, die zerstörerischen Kräfte dieser Welt bezwingt: „Blinde sehen wieder, Lahme gehen, Taube hören, Tote stehen auf, und den Armen wird die frohe Botschaft verkündet“ (Lukas 7,22).

 

Aber dann kommt es zum offenen Konflikt mit den religiösen und politischen Autoritäten Jerusalems. Und da scheint es auf einmal, als sei die Wundermacht dieses neuen Lebens doch begrenzt. Trotzdem hält Jesus daran fest – auch dann noch, als seine Lage immer aussichtsloser wird. So geschieht schließlich, was geschehen „muss“: Man nimmt Jesus gefangen; man macht ihm den Prozess; man exekutiert ihn auf brutale Weise. Damit ist, wofür Jesus gelebt hat, ins Unrecht gesetzt. Und ins Unrecht gesetzt sind auch die Jüngerinnen und Jünger, die sein Leben mit ihm teilten.

 

Sterben für andere – und das neue Leben

 

Doch dies ist eben nicht das Ende. Der Foltertod bleibt nicht das letzte Wort: Gott erweckt Jesus zu neuem Leben. „Der Herr ist wahrhaftig auferstanden“ (Lukas 24,34)! Aus dieser Gewissheit heraus können die Jüngerinnen und Jünger das Leben weiterführen, zu dem Jesus ihnen den Weg gewiesen hat. Und nun sind sie sicher, dass ihnen Grausamkeit und Tod nichts anhaben können. Jesus Christus hat die Macht der Sünde und des Todes besiegt.

 

Durch das Ostererlebnis kann damit selbst die Hinrichtung am Kreuz eine positive Deutung finden. Die Texte des Neuen Testamentes greifen dazu auf die paradoxe Grunderfahrung zurück, die schon für den vorösterlichen Jesus bestimmend war: Jesus gibt sich ganz für andere hin. Dadurch schafft er eine Gemeinschaft, in der jeder, der ihm nachfolgt, wahres Leben entdecken kann. Diese Erfahrung ist nach Ostern auch in Jesu Tod und Auferstehung wiederzuerkennen: Wie Jesus für uns gelebt hat, so ist er auch für uns gestorben – damit wir mit ihm trotz aller Todesmächte leben können.

 

Um kenntlich zu machen, was dieses Für-uns-Gestorben näherhin bedeutet, benutzen die Schriften des Neuen Testaments ganz unterschiedliche Bilder – etwa das Bild vom Sklaven, der aus der Gefangenschaft losgekauft wird: Was für ein Aufatmen, der Unterdrückung entkommen zu sein! Genauso sind auch wir befreit von der Übermacht der Sünde und des Todes. Jesu Lebenshingabe wird dann auch, ganz in der Konsequenz dieses Bildes, mit dem „Lösegeld“ verglichen, mit dem der Sklavenbesitzer abzufinden war (Markus 10,45); und da das Blut als Lebensträger gilt, kann es auch heißen, unsre Freiheit sei mit „Christi Blut“ erkauft (1. Petrus 18f.).

 

Was Jesu Tod für uns bedeutet, versucht auch das Bild der Stellvertretung auszudrücken (z. B. Römer 5,7-9): In der antiken Welt war denkbar, dass ein Mensch für seinen Freund eine Strafe auf sich nahm, vielleicht sogar den Tod. Nun ist Jesus, an dem keine Schuld zu finden war, wie ein schlimmer Übeltäter hingerichtet worden. Durch seine Auferstehung haben wir trotz unserer Schuld ganz unverdient am neuen Leben Anteil. Ist das nicht ähnlich, wie unerwartet einer Strafe zu entgehen, weil ein anderer sie bereits für uns erlitten hat?

 

Oft wird Jesu Tod auch mit rituellen Opfern in Zusammenhang gebracht. Nach der Überlieferung vom letzten Mahl reicht Jesus seinen Jüngern den Kelch mit den Worten: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut“ (1. Korinther 11,25). Damit wird auf ein Ritual angespielt, mit dem am Sinai der Bund zwischen Gott und Israel bekräftigt wurde (Exodus 24,3-8): Mose schlachtete junge Stiere und bespritzte das Volk mit ihrem Blut; so war die Gemeinschaft zwischen Gott und Israel besiegelt. Ebenso wird durch Jesu Blut der „neue Bund“ für immer unaufhebbar – der gewaltsame Tod kann die Gemeinschaft zwischen ihm und seinen Jüngern nicht zerstören.

 

Der Evangelist Matthäus erinnert zudem daran, dass man Opfern auch die Fähigkeit zuschrieb, Versöhnung zwischen Gott und Mensch und unter den Menschen herbeizuführen. Genau das bewirken Jesu Tod und Auferstehung ein für alle Mal. Also fügt Matthäus dem Kelchwort hinzu, Jesu Blut sei vergossen „zur Vergebung der Sünden“ (Matthäus 26,28). Auch in den übrigen neutestamentlichen Schriften spielt die Sündenvergebung eine große Rolle. Der Hebräerbrief begründet damit, dass man Opfer künftig nicht mehr brauchen wird (Hebräer 10,10).

 

Redeweisen, die nicht „nur“ symbolisch sind

 

Jesu Tod als Lösegeld, als stellvertretendes Leiden, als Opfer – viele stoßen sich an diesen Bildern. Haben wir es etwa mit einem zynischen Händler zu tun, der Jesu Sterben als Kaufpreis für unsere Freilassung verlangt? Warum gibt es Erlösung von Sünde und Tod nur dann, wenn jemand stellvertretend dafür leiden muss? Wie kann Gott seinen eigenen Sohn als Opfer fordern?

 

Ich meine, dass solche Fragen erst durch ein Missverständnis möglich werden, an dem sich leider auch die Theologie beteiligt hat: Man nimmt bildhaftes Sprechen unmittelbar beim Wort. Dabei ist ein Loskauf etwas ganz anderes als eine Stellvertretung, und diese wieder etwas anderes als ein Opfer; ein und derselbe Vorgang aber kann unmöglich all dies zugleich sein. Zudem lassen die neutestamentlichen Texte keinen Zweifel daran, dass für Jesu Tod niemand eine Gegenleistung erhalten hat; dass er für (vermeintlich) eigene Vergehen verurteilt wurde und nicht für die Verbrechen anderer; und dass auch die Kreuzigung nichts mit einem rituellen Opfer gemeinsam hatte. Wenn dieses Ereignis trotzdem mit Loskauf, Stellvertretung und Opfer in Verbindung gebracht wird, haben wir es mit indirekten Sprechweisen zu tun: Es handelt sich um sprachliche Symbole, die auf verschiedene Aspekte einer Erfahrung deuten, um deren Verständnis gerungen wird, weil sie die Grenzen des Verstehbaren sprengt.

 

Behaupte ich damit, dass jene Begriffe „nur“ symbolisch zu verstehen seien? – Das „nur“ enthält eine Unterstellung: Das, worauf sich symbolische Rede beziehe, müsse weniger wirklich und weniger bedeutsam sein als das, worüber man im „Klartext“ sprechen könne. Ich teile diese Unterstellung nicht. Ich meine, dass unser Dasein Dimensionen kennt, die nicht anders als in Symbolen auszudrücken sind – Symbole, die uns gerade deshalb immer neu zu denken geben, weil sie etwas zeigen, das durch keine noch so kluge Überlegung völlig einzuholen ist. Der Philosoph Paul Ricœur hat dargelegt, dass es sich bei der Existenz des Bösen um ein solches nie ganz entwirrbares Rätsel handelt. Auch Lösegeld, Stellvertretung und Opfer sind Symbole, die in ihren erschreckenden Aspekten mit diesem Rätsel zu tun haben; mit Recht können sie verstören, eben weil sie eine verstörende Wirklichkeit erkennen lassen. Dabei verweisen sie aber, wie das Kreuz Jesu selbst, nicht nur auf das Rätsel des Bösen, sondern zugleich auf das noch größere Geheimnis: Dass Gott gegen den Sieg menschlicher Niedertracht am Ende doch dem Leben zum Durchbruch verhilft.

 

Andreas Krebs