E-Mails aus Busan

 

In E-Mails hat Ina Nikol aus Freiburg, die Delegierte unseres Bistums bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Busan, Südkorea, ihre Eindrücke festgehalten. Ein ausführlicher Bericht von der eigentlichen Versammlung wird in der nächsten Ausgabe von Christen heute erscheinen. Hier ein Ausschnitt aus ihren Mails von der Vorversammlung. Die ganzen Texte einschließlich der Eindrücke von der Anreise können Sie auf der Internetseite des baf nachlesen (www.baf-im-netz.de).

 

 

Busan, Südkorea

Vorversammlung der Frauen

 

Montag

 

So, nun ist es Montagabend und ich versuche, einen Eindruck vom ersten Tag der Vorversammlung der Frauen festzuhalten. Vorweg: Es war ein spannender, prall gefüllter Tag und ich fühle mich gut dabei, mich vom Geschehen und den etwa 200 Frauen um mich herum mittragen zu lassen. Morgens feierten wir eine schwungvolle Andacht, erhielten eine Einführung in koreanische Geschichte; dazwischen sang ein Chor und es wurden Tänze mit Tüchern und wilde Trommeleinlagen aufgeführt.

 

Auch die Vorträge und Gespräche der „Vorversammlung der Frauen und Männer“ hatten es in sich. In einem Vortrag ging es um die Denkmuster, innerhalb derer Gesellschaften sich entwickeln, in denen Frauen unterdrückt werden: Im ersten Schritt geht es darum, unterdrückende Zustände konkret zu erkennen und zu benennen. So sind etwa 60 Prozent der Armen Frauen. Anstatt nun die Ursache zu individualisieren und bei den einzelnen Betroffenen zu suchen, kann man in einem zweiten Schritt schauen, woran dies liegt. Frauen erhalten zum Beispiel in der Schweiz für die gleiche Arbeit 18 Prozent weniger Lohn als Männer (bei uns ist es ähnlich). Aus einem einzigen Grund: weil sie Frauen sind. Dahinter steckt die Vorstellung, dass die Arbeit, wenn sie von Frauen erledigt wird, weniger wert ist.

 

Wer so etwas behauptet, denkt in patriarchalen Mustern, die Beziehungen von Menschen nur als Machtverhältnis, als Unter- und Überordnung, wahrnehmen können und sich durchsetzen, indem sie die Betroffenen beschämen und für ihr Unglück selbst verantwortlich machen. Hat man dies erkannt, geht es im dritten Schritt darum, die ungerechten Verhältnisse konkret zu ändern – und nicht etwa durch ein Dutzend weiterer statistischer Erhebungen endlos weiter zu dokumentieren, wie dies Politiker oft tun. Ich habe hier den Dreischritt „Sehen – Urteilen – Handeln“ wiedererkannt. Es geht dabei darum, das Leben von Frauen und Männern grundlegend zu ändern, um eine „Transformation“, wobei mir das altmodische Wort „Umkehr“ besser gefällt.

Gut fand ich auch, dass die Männer ausdrücklich mit angesprochen waren als Opfer dieses Unterdrückung hervorrufenden Denkens, in dem auch der Sexismus heimisch ist. Ändern können Frauen dies dann, wenn sie sich dem patriarchalischen System verweigern und sich zusammen auf den Weg machen. Kirchen können diesen Prozess unterstützen, indem sie immer wieder ganz genau hinschauen, wo sich solche Unterdrückungsmechanismen finden lassen, und sie dann ändern. Auf diesem Weg hilft es, die Geschichten der Bibel zu lesen, in denen immer wieder von Befreiung der Unterdrückten zu lesen ist.

 

Dienstag

 

Nach einer eher nüchternen Andacht haben die Afrikanerinnen morgens am Dienstag die Stimmung gerettet. Es wurde laut und schwungvoll gesungen, so dass alle standen, mitsangen, mitklatschten.

 

Anschließend gab’s ein „kontextuelles Bibellesen“, bei dem in Kleingruppen gesprochen wurde und die Highlights der Gespräche dann am Mikrofon ins Plenum gestellt werden konnten. Beeindruckt war ich von einer alten Dame, die den griechischen Text aus dem iPad zauberte und die Übersetzung ganz wesentlich verbesserte. Es handelte sich um eine Theologie-Professorin aus Cambridge. Später erzählte sie mir, dass es, als sie studierte, drei Frauen an der theologischen Fakultät gab, und das in unterschiedlichen Jahrgängen, so dass sie einander nie getroffen haben. Heute sind, soviel ich weiß, mehr als die Hälfte der Theologiestudierenden Frauen. Es ist auch Verdienst von Frauenverbänden wie baf und dem Ökumenischen Forum Christlicher Frauen in Europa, das von den baf-Frauen mitgegründet wurde, dass dies heute möglich und selbstverständlich ist. Danke, baf!

 

In der Mittagspause ging ich raus – bei herrlichem Sonnenschein und spätsommerlichen Temperaturen. Draußen schmetterten Weltkirchenratsgegner geistliche Lieder, riefen Parolen und liefen mit Anti-WCC-T-Shirts herum. (WCC = „World Council of Churches, das gleiche wie ÖRK, „Ökumenischer Rat der Kirchen“). Aha, deswegen die vielen Polizisten und die Suchhunde. Später erfuhr ich, dass man sich mit ihnen auf drei Tage friedlichen Protest geeinigt hat. Ich nehme ein Papier mit ihren Anliegen entgegen, finde aber keine Möglichkeit zu einem Gespräch. Es ist ein eigenartiges Gefühl. Als wir später zusammen mit den TeilnehmerInnen der Vorversammlung der behinderten Menschen, der Jugend und der indigenen Völker zum Foto auf der Treppe standen, hielten wir mit „We shall overcome“ dagegen.

 

Nachmittags ging’s dann mit Informationen über Sklaverei und Vergewaltigung als Kriegswaffe weiter. Einige Frauen aus Afrika und Asien haben vom Schicksal von Freundinnen und Verwandten erzählt. Es war ein emotional sehr aufwühlendes Plenum. Als die wichtigen Punkte der anschließenden Gespräche erinnert wurden, habe ich gesagt, dass man Gerechtigkeit daran erkennt, dass alle „Nein“ sagen können, wenn sie nicht einverstanden sind. Eine Frau hat mich später darauf angesprochen und sich dafür bedankt. So eine Rückmeldung gibt mir Mut, mich weiter einzubringen,  und tut richtig gut! Sehr ergreifend war auch der Moment, in dem Victor das Statement verlas, das die Männer bei der Männergruppe am Montag ausgearbeitet hatten. Ja, zum ersten Mal seit 60 Jahren waren Männer bei der Frauenversammlung dabei. Es war ein historischer Moment, als wir uns alle an den Händen hielten und Victor zuhörten. Der Text ist als Anfang gedacht. Fand ich gut. Denn auch Männer leiden unter den Mechanismen, die zur Unterdrückung der Frauen führen.

Zu meiner Überraschung fand ich das abendliche, als eher trocken und geschäftlich angekündigte Programm dann noch einmal richtig spannend. Es ging darum, wie auf der Vollversammlung gearbeitet wird und was in den Plenarsitzungen, ökumenischen Gesprächen und den Kommissionen passiert. Mary Tanner, eine frühere Präsidentin des WCC, stellte dann noch vor, wie im Konsensverfahren ein Konsens ohne Abstimmung gefunden wird. Hier gibt es im Gegensatz zu „parlamentarischen“ Abstimmungen keine Verlierer. Das war richtig spannend! – Man hebt ein rotes oder ein blaues Schild für „zustimmend“ oder „ablehnend“ und kreuzt sie, wenn man zu keiner Meinung findet. Die Moderatoren sehen an der Farbe, wie die Stimmung ist, und richten sich in der Gesprächsmoderation danach, bis entweder alle einverstanden sind, alle ablehnen oder vermerkt wird, dass man keine Einigung gefunden hat. Dass es keinen Einigungszwang gibt, hat mich sehr erleichtert. Ich bin gespannt, wie sich dieser Meinungsfindungsprozess in der Praxis anfühlt.

 

Irgendwann habe ich dann noch Judith Lampe aus der Karlsruher Gemeinde getroffen, die als Helferin, „Steward“, auf der Vollversammlung ist und jede Menge zu tun hat.

 

Ina Nikol