„Advent, Advent ein Lichtlein brennt“

oder: Im Kaufrausch über den Weihnachtsmarkt

 

Advent ist die viel gepriesene Zeit der Besinnung. Also besinnen Sie sich: Welche Geschenke haben Sie nötig, was wünschen sich im Gegenzug Tante Emma, die Blagen und der Rest der buckligen Verwandtschaft?

 

Noch weitgehend unbekannt ist, wie meditativ sich der Bummel über den Weihnachtsmarkt gestalten kann. Tante Kasper (die Mütze ist gemäß der Saison rot) nutzt dafür die Zeit zwischen 23 und 5 Uhr (denn siehe, es heißt ja auch gar nicht Weih-tags-markt). Die Budengassen sind zwar nicht sauber gefegt, dafür aber wie leer gefegt.

 

Um einen Blick auf die guten Gaben werfen zu können, die über Nacht hinter den Fensterläden der Kabäuschen eingesperrt sind, empfiehlt sich die Anreise zum Weih-nachts-markt mit einem Brecheisen im Gepäck. Wie sonst sollten Sie schließlich prüfen können, welches Geschenk sich am besten eignet?!

 

Natürlich müssen Sie zu dieser nachtschlafenden Zeit das “Jingle Bells“ und “Leise rieselt der Schnee“ entbehren. Aber auch hier können Sie vorsorgen. Bringen Sie für Ihren kleinen besinnlichen Einkaufsbummel eine Handglocke mit, oder einen Kassettenrekorder mit den “alle Jahre wieder“ ergreifenden Liedern. Glasklar erklingend, ohne das Karussellgetöse, wird es Ihnen die Anwohnerschaft sicher auch noch danken.

 

Machen Sie es sich richtig gemütlich. Bringen Sie eine Thermoskanne voll Glühwein und Ihre eigene Rostbratwurst mit. Veranstalten Sie nach erfolgter Budendurchsuchung (sofern die Polizeistreife Sie nicht schon vorher verfrachtet hat) ein richtig tolles Gelage. Breiten Sie sich aus, werfen Sie mit den verzehruntauglichen Überresten fleißig um sich. Die anderen Gäste haben ja schon die Grundlage gelegt. Jetzt sind Sie dran. Das ist recht und billig.

 

Und wenn Ihnen nach diesem besinnlichen Weih-nachts-markt immer noch kein Geschenk einfällt, gehen Sie doch einfach in ein Schuhgeschäft und fragen nach dem neusten Hit: vegetarische Schuhe (für alle, die ihre Gräten nicht in die übliche Haut vom toten Tier stecken wollen, sondern lieber in ein Ersatztextil).

 

Wundern Sie sich aber bitte nicht, wenn das Verkaufspersonal einen Schreikrampf kriegt. Bei exzentrischen Sonderwünschen könnte das in dieser stressigen Zeit (wieso eigentlich?) leicht passieren.

 

Und falls Sie ohne ein Geschenk saumselig ins selige Konsumfest gehen wollen, brauchen Sie vielleicht noch einen Beleg, dass Sie sich zumindest im Trubel darauf besonnen haben: Allerorten stehen Weihnachtsmänner parat, mit denen Sie sich ablichten lassen können - ganz individuell, versteht sich, auf Skiern, Schlitten, vor Marktbuden oder auf Wolke sieben. Dann haben Sie doch wenigstens der Fotofilmindustrie und dem Fotoladen ein Geschenk gemacht. Und darum geht es doch letztendlich, stimmt’s? Na, nichts für ungut.

 

Francine Schwertfeger

(Aus: „Suppe mit Haar“. Lach und Sachgeschichten. Selbstverlag)