Aus für den Nikolaus?

Dem niederländischen Sinterklaas wird Rassismus unterstellt

 

Der Vorwurf kommt von einer Expertengruppe der Vereinten Nationen: Das traditionelle Nikolausfest in den Niederlanden sei rassistisch und solle zum Jahr 2014 abgeschafft werden. Prompte Reaktion der Niederländer: Fast zwei Millionen protestierten innerhalb von zwei Tagen in einer sogenannten „Pietition“ im sozialen Netzwerk Facebook für ihre Tradition.

 

Stein des Anstoßes: der Helfer des Sinterklaas, der „Zwarte Piet“. Die Vorsitzende der Rassismus-Arbeitsgruppe, die jamaikanische Professorin für Sozialgeschichte, Verene Shepherd, forderte im Fernsehen, die Niederländer müssten einsehen, dass dieses Fest eine Rückkehr zur Sklaverei sei und im 21. Jahrhundert aufhören müsse.

 

Ärger um das Sinterklaasfest gab es früher schon: Kirchenkreise hatten nach dem niederländischen Aufstand gegen Philipp von Spanien im 16. Jahrhundert versucht, das Fest abzuschaffen, weil es zu viele heidnische und katholische Elemente enthielte, kamen aber sogar bei der überwiegend protestantischen Bevölkerung nicht damit durch, weil der Brauch zu populär war. Um 1600 wurde die Feier nur in Delft und weiteren Gemeinden verboten. Auch Martin Luther wetterte dagegen. Und 2004 verbot ein Pastor im nordlimburgischen Weil die Feier, weil er die Kirche für kirchliche Belange brauche. Begründung: Nirgends stehe geschrieben, dass Sinterklaas der Kirchenheilige Nikolaus sei.

Im Jahr 2011 zeigten zwei dunkelhäutige Niederländer beim Einzug des Sinterklaas ein Transparent („Die Niederlande können es besser“) und, als ihnen das von der Polizei untersagt wurde, ihre T-Shirts („Zwarte Piet is racisme“). Die Folgen waren einen Handgemenge und Arrest.

 

Der Zwarte Piet wurde im 19. Jahrhundert dem Sinterklaas als kraushaariger, dunkelhäutiger Diener in orientalischer Anmutung beigesellt, wahrscheinlich als Folge der Sitte im 17. und 18. Jahrhundert, da sich hohe Herrschaften mit ihren Sklaven als Statussymbol abbilden ließen. Die jamaikanische Professorin Shepherd fordert, den Zwarten Piet abzuschaffen, weil er das Stereotyp aufrecht halte, dass Menschen afrikanischer Herkunft als zweitklassige Bürger dargestellt würden, und weil er Rassismus wecke.

 

Nach Ansicht von Literaturwissenschaftlerin Marleen de Vries, festgehalten am 24. Oktober in der niederländischen Zeitung De Volkskrant, ist der Zwarte Piet auf die Mauren zurückzuführen, die Spanien besetzt hatten (ab 711 bis 1492) und Jahrhunderte lang auf dem Kontinent präsent waren. Sein Vorbild seien die gefürchteten Sarazenen gewesen und die Darstellung des Mohren Teil der europäischen Kulturgeschichte seit 700 Jahren. Der Hinweis auf die Sklaverei führt nach Ansicht von de Vries in die Irre.

 

Dagegen gab Peter Jan Magry, Professor für Ethnologie in Amsterdam, anlässlich des Rassismusvorwurfs im Algemeen Dagblad am 24.Oktober zu bedenken: „Pieterbaas hat sich in den letzten Jahrzehnten durchaus von einem dummen Buhmann in einen schlauen Kinderfreund verwandelt, aber er ist immer noch mit Kraushaar, Puffhose, roten Lippen und großen Ohrringen ausgestattet. Für Außenstehende“ (gemeint die UN-Arbeitsgruppe) „ist er ein schwarzes Stereotyp, das als rassistisch erfahren wird.“

 

Sein Äußeres habe sich unzureichend mit der Gesellschaft verändert: Vom Knecht sei er zum Freund des Sinterklaas geworden, habe keine Rute mehr, spreche nicht mehr in krummen Sätzen und sei kein dummer Grimassenschneider mehr. Aber es müsse sich ändern, dass er immer noch so aussehe, wie sich ein Weißer 1858 einen Schwarzen vorgestellt habe.

 

In der Tat sammelte 2013 Een Vandaag vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk Äußerungen von dunkelhäutigen Niederländern, die eben nicht nur von selbst erlebten schönen Sinterklaasfesten in ihrer Kindheit berichteten, sondern auch von rassistischen Bemerkungen - sowohl von Erwachsenen wie auch von Kindern - anlässlich ihrer Hautfarbe, die als „Witze“ verharmlost würden: Manche würden außerhalb der Sinterklaaszeit fragen, ob sie nicht zu früh ins Land gekommen seien oder vielleicht das Boot zurück nach Spanien verpasst hätten. In der Kindersendung „Sesamstraße“ beklagte schon 1987 eine dunkelhäutige Niederländerin, in der Sinterklaaszeit als „Zwarte Piet“ angesprochen zu werden.

 

Im Zuge der Diskussion glaubt Innenminister Ronald Plasterk von den Sozialdemokraten, es würde den Kindern nicht weniger Spaß machen, wenn künftig zwischen den schwarzen auch ein paar grüne oder blaue Pieten mitliefen. Ob dann keine Witze mehr über die dunkelhäutigen Niederländer gemacht werden, sei dahin gestellt.

 

Francine Schwertfeger / Wikipedia

 

 

 

Das Sinterklaas-Fest

 

Der Sinterklaas, die niederländische Bezeichnung für den Nikolaus von Myra (Sterbetag 6. Dezember), reitet der Überlieferung nach in voller Bischofsmontur, rotem Talar und mit Bischofsstab auf einem Schimmel über die Dächer und kommt mit seinem Helfer, dem „Zwarte Piet“ durch den Kamin, um den Kindern Geschenke zu bringen. Der „Schwarze Piet“ ist vergleichbar dem Knecht Ruprecht in deutschen Landen.

 

Ursprünglich wurde Sint-Nicolaas nur im Osten gefeiert, im 13. Jahrhundert aber auch im Westen übernommen als Sinterklaasfest, einem gesetzlichen Feiertag. So wurden zum Beispiel in Utrecht die Schuhe von armen Kindern mit Geldstücken gefüllt und es wurde auch woanders viel für die Armen getan. Der gesetzliche Feiertag ist heute weltweit abgeschafft.

 

Im 15. Jahrhundert kam die Tradition des „Pakjesavond“ (Päckchenabend) auf, zunächst in der Kirche mit Opfergaben der Reichen für die Armen. So wurden in der Utrechter Sint-Nicolaas-Kirche am 5. Dezember, dem Päckchenabend, Schuhe aufgestellt.

 

Seit dem 16. Jahrhundert stellen Kinder die Schuhe daheim auf, um Kuchen, Süßigkeiten und Spielzeug zu erhalten. Die offizielle Ankunft des Sinterklaas mit dem Schiff (der Überlieferung nach aus Spanien) am ersten Samstag nach dem Martinstag im November wird jedes Jahr im Fernsehen übertragen. Von da an bis zum Abend des 5. Dezember stellen die Kinder ein- bis zweimal pro Woche Schuhe vor dem Kamin, der Heizung oder an der Hintertür auf und leeren sie am nächsten Morgen (Pakjesochtend). Der Pakjesavond geht zurück auf einen vorchristlichen Brauch, bei dem Geschenke wie auch Äpfel und Nüsse als herbstliche Symbole der Fruchtbarkeit des Bodens in die Runde verteilt wurden.

 

fs/Wikipedia