Das höchste Fest

 

Fragt man eine christliche Theologin oder einen Theologen, welches das höchste Fest im Kirchenjahr ist, so bekommt man wahrscheinlich zu hören, das sei Ostern. Die Auferstehung Jesu sei das Wichtigste, was wir zu feiern haben, denn sie eröffne uns die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod auch für uns alle. An zweiter Stelle kämen Weihnachten und Pfingsten, denn ohne die Menschwerdung Jesu und ohne den Heiligen Geist sei auch Ostern nicht denkbar.

 

Ganz anders sieht das allerdings aus, wenn man die nicht theologisch ausgebildeten Christen befragt. Gut, auf eine wirkliche Umfrage kann ich mich nicht stützen. Aber es ist vermutlich nicht abwegig davon auszugehen, dass am wichtigsten Fest auch die Meisten mitfeiern werden. Die Beteiligung spricht eine eindeutige Sprache: An Weihnachten machen sich sogar viele von denjenigen auf den Weg in die Kirche, die das im Jahreslauf kaum einmal schaffen oder für nötig halten. An zweiter Stelle in einem solchen „Ranking“ der christlichen Feste steht dann – aber weit abgeschlagen! – Ostern. Denn da kommen zwar auch mehr Menschen als an einem normalen Sonntag, aber nur noch wenige von denen, die sonst nie kommen. Vielmehr beteiligen sich da so ziemlich alle, die auch sonst gelegentlich teilnehmen. Und Pfingsten, das landet auf dem letzten Platz. Was da gefeiert wird, wissen viele nicht einmal mehr. Außerdem ist dann die erste große Urlaubszeit im Jahr. Was dazu führt, dass weniger Menschen kommen als an einem normalen Sonntag und deutlich weniger als etwa an Erntedank.

 

Manches spricht dafür, dass diese Entwicklung mit dem zu tun hat, wie sich unsere Gesellschaft der Feste, nun, sagen wir mal neutral, angenommen hat. Was will man an einem so wenig greifbaren und begreifbaren Fest wie Pfingsten schon verkaufen? Und was soll man an Ostern schon umsetzen außer Schokoladeosterhasen? Aber das romantische Weihnachtsfest, in der dunkelsten Zeit, gegen die mit Lichtern, grünen Bäumen, Gebäck und Glühwein angegangen wird, ein Fest des Sieges des Lichts, ein Geburtsfest, ein Fest, an dem man sich beschenkt, das eignet sich, um Gefühle anzusprechen und um zum Schenken zu animieren – von Geschenken, die vorher natürlich gekauft werden müssen. Diese Kommerzialisierung des Festes geschah durchaus skrupellos, wie die Okkupation des Advents und seine Umwandlung von der ruhigen Zeit zur heillos geschäftigen Vorweihnachtszeit zeigen.

Dass viele an Weihnachten verdienen und deshalb ein Interesse daran haben, dass es als wichtiges Fest wahrgenommen wird, das ist die eine Antwort auf die Frage, warum Weihnachten so viel mehr Zuspruch findet als jedes andere christliche Fest. Eine andere hat Walter Jungbauer in seinem Leitartikel gegeben: Weihnachten ist ein frohes Fest. Ostern ist ohne den Karfreitag nicht zu haben, der Sieg des Lebens kann nur gefeiert werden, wenn man zuvor die Realität des Todes ernst nimmt. So gehört zum Osterjubel ein ernster Zug unbedingt dazu. Und Pfingsten? Ein Fest, das so wenig Gefühle ansprechen kann, kann auch nicht groß Freude wecken.

 

Das Gespür der Gläubigen

 

Doch ich möchte die Frage stellen, ob diese beiden mehr psychologischen Antworten genügen. Gibt es vielleicht auch theologische Gründe? Immerhin ist es doch so, dass der sensus fidelium, der gemeinsame Glaubenssinn der Gläubigen, bei den Theologen als hohe Autorität gilt. Nicht nur die Theologen, sondern alle Christen sind von Gott zum Glauben erwählt worden. Sie alle haben in der Taufe und der Firmung den Auftrag erhalten, den Glauben zu bezeugen. Nicht nur Amtsträger nehmen teil an der Hirtenschaft Jesu Christi, sondern alle, die glauben und getauft sind, sollen als Hirten an den Menschen handeln wie Christus (Hermann Stenger). Deshalb bestimmen sie alle, was der Glaube der Kirche ist. Das Lehramt kann feststellen, was der Glaube der Kirche ist, nämlich was die Gemeinschaft der Glaubenden glaubt, aber es kann es nicht festlegen und vorschreiben. Dass das Lehramt der kirchlichen Amtsträger diesen Unterschied keineswegs immer beachtet hat und sich immer wieder angemaßt hat zu diktieren, was die anderen zu glauben haben, ändert nichts an der Bedeutung des sensus fidelium.

Deshalb ist es durchaus von Bedeutung, dass nicht nur den Gleichgültigen und den Ungläubigen in unserem Land Weihnachten als das wichtigere Fest gilt, sondern auch der großen Mehrheit der gläubigen Christen.

 

Nun tendiere ich wie vielleicht die meisten Theologen dazu, ein solches „Ranking“ eher unnötig zu finden, weil ja jedes einzelne Fest des Kirchenjahres nur einen anderen Aspekt des einen großen Festes Gottes mit seinem Volk zum Ausdruck bringt. Sie hängen schließlich alle zusammen: Wie könnten wir des Leidens, Sterbens und Auferstehens Jesu gedenken, wenn der Retter nicht zuvor geboren worden wäre? Wie könnten wir an Pfingsten das Fest des Heiligen Geistes feiern, wenn der Auferstandene seinen Jüngern nicht den Geist gegeben hätte? Aber auch: Wie könnten wir Weihnachten feiern, wenn nicht das Wort des Engels an Maria gälte: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“ (Lukas 1,35)?

Aber auch wenn es zweifellos theologisch richtig ist, dass alle Feste eine Einheit bilden, ist es eine Tatsache und ist es legitim, dass die Menschen in verschiedenen Zeiten verschiedene Zugänge zum einen Fest Gottes mit uns gefunden haben und dass sie deshalb verschiedene Akzente gesetzt haben. Matthias Morgenroth kommt in seinen Büchern Weihnachts-Christentum und Heiligabend-Religion zu der Auffassung, dass unter den Bedingungen der Moderne gerade ein Paradigmenwechsel in der christlichen Frömmigkeit stattfindet. Das typisch moderne Weihnachtschristentum löse das passionszentrierte Christentum früherer Zeiten ab.

 

In einem Interview mit der Zeitschrift Fenster-Magazin (4/2004) sagt der Theologe und Germanist: „Schimpfen und Klagen übers Weihnachtsfest gehören selbst schon zum Brauchtum dazu. Früher war‘s besser, sagen wir, und meinen damit: Bei all dem Geschenkrummel und Konsumterror kann man sich ja gar nicht richtig auf das Wesentliche besinnen! Und da merken Sie schon: Das Weihnachtsfest wird in einem geheimen Winkel von den allermeisten Menschen geliebt. Das ist ja auch kein Wunder. Denn es ist unser modernes religiöses Fest. Es ist eben das Christfest der Moderne.“ Zwar gebe es Weihnachten schon seit dem 4. Jahrhundert. Doch unsere Art zu feiern sei typisch modern: Weihnachtsbaum, Adventskranz, Krippe im Wohnzimmer, Geschenke, Familientrubel, Weihnachtsmänner und Christkinder, das sei alles erst mit der bürgerlichen Welt entstanden, in der wir bis heute leben. „Die Gedanken, die wir uns zu Weihnachten machen, sind typisch modern. Auch die besondere Betonung des Weihnachtsfests im Jahreslauf gibt es erst seit zweihundert Jahren. Unsere Religion hat sich eben verändert.“

 

Gefährliche Entwicklung?

 

Es fragt sich, ob das nicht bedenklich ist, wenn der Akzent sich verschiebt. Es ist ja gewiss nicht ohne Grund, dass die Kirche so betont hat, dass Passion und Ostern der Höhepunkt von Gottes Heilshandeln an uns Menschen ist. Mir selbst als einem Menschen, für dessen Spiritualität die Überwindung des Todes in der Auferstehung Jesu wichtig ist und bei jeder miterlebten oder selbst gestalteten Trauerfeier neu bedeutsam wird, wäre äußerst unwohl, wenn dieser Aspekt unseres Glaubens plötzlich in die zweite Reihe abgeschoben würde.

Morgenroth ist sich sicher, dass eine Verschiebung des Zugangs zum Christentum nach Weihnachten hin kein Grund zur Klage ist. „An Weihnachten findet sich heute in konzentrierter Form, was früher über das ganze Jahr verteilt war: Leben mit dem Kalender, Geschichtenlesen, Liedersingen, in die Kirche gehen, besinnlich sein. An Weihnachten kristallisiert sich heraus, was uns Modernen heute heilig ist. Die heilige Geburt, die heilige Kindheit, die heilige Familie, die heilige Nacht, die Engel – all das spielt eine Rolle dabei. Nur, das alles ist nicht nur die Selbstbeweihräucherung der bürgerlichen Kultur. Sondern zugleich wird dabei symbolträchtig in Szene gesetzt, dass wir nicht aus uns selbst leben. Dass wir bedürftige Wesen sind.“

 

Heute diene eher die Geschichte von der Geburt zu Bethlehem dazu, sein eigenes Leben zu deuten, nicht mehr Passion und Ostern. Anstatt zu klagen, solle man vielmehr versuchen, die Stärken dieser modernen religiösen Position herauszufinden. „Es ist eben Weihnachten das Christfest, nicht Ostern“, so Matthias Morgenroth.

 

Vielleicht müssen wir es ja nicht so hoch hängen, dass wir sagen, der gemeinsame Glaubenssinn der Gläubigen verlange eine neue theologische Akzentsetzung. Als Theologe fühle ich mich wohler bei dem genannten Gedanken, alle kirchlichen Feste seien Momente des einen Festes Gottes, das er mit uns feiert. Aus dem „Ranking“, das sich aus der An- oder Abwesenheit der Gläubigen ergibt, müssen wir nicht gleich ein Dogma machen. Es genügt ja mit Morgenroth festzustellen: Die Menschen haben heute einen anderen Zugang zum Glauben als in früheren Zeiten. Das ist kein Skandal, sondern eine Selbstverständlichkeit. Genau wie früher ist es ihre Sehnsucht, die ihnen den Zugang schafft und den Weg weist.

Für die Zunft der Theologen heißt das: Sie sollen offen sein für das, was die Menschen brauchen. Sie sollen sie ansprechen in ihren Sehnsüchten. Sie sollen ihnen helfen, wie Morgenroth sagt, ihr Leben von der Geschichte von Betlehem her zu deuten. Eines sollte ihnen dabei helfen: Sie sind ja selbst Kinder ihrer Zeit, selbst geprägt von der Moderne, tragen selbst die Sehnsüchte in sich. Sie suchen die Antworten nicht nur für die anderen, während sie selbst längst alles erkannt hätten, sondern sie suchen sie auch für sich. Diese Antworten, die der christliche Glaube gibt, zu suchen, zu finden und weiterzusagen, in all dem Gedudel und Jingle-Gebelle allerorten, ist durchaus eine anspruchsvolle Aufgabe für unsereinen.

 

Gerhard Ruisch