Ein Auge, das alles sieht...

auch wenn´s in dunkler Nacht geschieht!

 

Ich gehöre noch zu der Generation, in der dieser Spruch oder besser gesagt: diese Drohung noch quasi als volksreligiöses Hausmittel der Kindererziehung galt, nicht selten zu hören von Müttern und Vätern und Pfarrern. Sie warnten damit vor alltäglichen wie moralischen Unbotmäßigkeiten von Kindern und Heranwachsenden. Nirgendwo warst du sicher vor diesem unheimlich wachen, allgegenwärtigen Auge, das sogar die Dunkelheit durchdrang, dem nichts, aber auch gar nichts verborgen blieb, das dir ins Herz, ins Hirn und auch unter die Bettdecke schauen konnte. Bis heute, wenn ich in einer Kirche über dem Hochaltar das „Auge Gottes“ dargestellt sehe, gemalt oder in Stein oder Holz gemeißelt, fällt mir der Spruch wieder ein; anscheinend werde ich die Vorstellung eines Voyeur-Gottes nie mehr ganz los. Ich vermute, dass dieses Auge da oben auch für die gesamte Gemeinde als Disziplinierungsmittel zu dienen hatte.

 

Bei der Internetsuche nach der Quelle dieses Spruchs stieß ich rasch auf Hebräerbrief 4,13: „Und es gibt nichts Geschaffenes, das vor ihm verborgen wäre, vielmehr liegt alles bloß und enthüllt da vor den Augen dessen, vor dem wir Rechenschaft abzulegen haben“. So falsch wird’s nicht sein, hier den biblischen Hintergrund für das allgegenwärtige Auge Gottes zu sehen.

 

In jüngster Zeit kommt mir der alte Spruch aber wieder öfter in den Sinn, wenn ich Nachrichten sehe oder höre. Es vergeht ja seit dem Sommer kaum noch ein Tag, an dem nicht neue Enthüllungen über die angeblichen oder tatsächlichen Abhörpraktiken des US-Geheimdienstes NSA bekannt werden. Zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Beitrags schlagen gerade die innen- und außenpolitischen Wellen hoch über die Vermutung, dass die Gespräche der Bundeskanzlerin via Mobiltelefon seit Jahren von der NSA ausspioniert wurden. Im Sommer, als durch die Enthüllungen Edward Snowdons bekannt wurde, dass die NSA in ganz großem Stil die Telefongespräche und den Mailverkehr praktisch aller Bürger erfasst, löste das weit, weit weniger politischen Aufruhr der politischen Klasse aus, und nach kurzer Zeit schon wurde die Angelegenheit arg voreilig gar als beendet erklärt. Jetzt, in unserer global vernetzten Menschheit, ist das „Auge, das alles sieht“ keine Sache des Glaubens mehr, sondern eine sehr irdische, wenn auch virtuelle Realität! Niemand mehr kann sicher sein, dass seine oder ihre Äußerungen, zumindest soweit sie über Telefon- oder Internetverbindungen artikuliert werden, nicht ungefragt von irgendwelchen „Mächten und Gewalten“ mitgehört, mitgelesen, ausgewertet und gespeichert werden! Mich beunruhigt das sehr, offenkundig im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen, die die Praktiken der „Dienste“ (wie die NSA verfahren ja mehr oder weniger alle anderen, auch die deutschen) ziemlich cool nehmen. Ganz oft ist dann zu hören: „Ich hab ja nix zu verbergen“. Ja, ich habe Bekannte, welche die internationale Datensammelwut geradezu als Garantie für ihre persönliche Sicherheit betrachten. Und von Demonstrationen gegen die flächendeckende Verletzung des Grundrechts der Unverletzlichkeit des Brief-, Post und Fernmeldegeheimnisses (Art. 10 GG) habe ich bisher wenig bis nichts gehört.

 

Vielleicht hängt ja die allgemeine Sorglosigkeit, mit der nicht nur unverfängliche Daten, sondern oft auch höchst Persönliches „im Netz“ preisgegeben und verbreitet werden, damit zusammen, dass die meisten Menschen eben nicht mehr mit dem obigen Spruch „geimpft“ worden sind, demzufolge auch keinen voyeuristischen Gott fürchten und erst recht keine nach Allwissenheit strebenden Geheimdienste? Oder könnte es sein, dass diese allgemeine Vertrauensseligkeit, mit der man sich heutzutage in „sozialen Netzwerken“ offenbart, auch damit zusammenhängt, dass bei der großen Mehrheit der Menschen keine Erfahrungen und dementsprechend kein Bewusstsein mehr davon vorhanden ist, wie schnell politische Entwicklungen die Demokratie gefährden können? Das Bewusstsein scheint zu schwinden, dass die im Grundgesetz verbürgten Grundrechte aus den bitteren Erfahrungen einer schrecklichen Diktatur heraus formuliert wurden! Ganz abgesehen von den politischen Implikationen: In der ARD-Gesprächsrunde bei Günther Jauch zu dem Thema der Bespitzelung der Kanzlerin am 27. Oktober wies die Juristin und Autorin Juli Zeh sehr treffend darauf hin, dass die massenhafte Ausspähung der Bürger auch eine gesellschaftlich-ethische Seite hat. Die Reifung zum Erwachsenen, sagte sie, gehe entscheidend mit der Abgrenzung von Bezugspersonen wie Eltern und mit dem Aufbau einer Intimsphäre einher. Geheimnisse zu haben und zu hüten gehöre wesentlich zum Menschsein, und das Eindringen in diesen ureigenen Bereich sei eine Verletzung der Menschenwürde.

 

Mein Gottesbild wird heute nicht mehr wirklich von jenem Spruch beeinträchtigt. Ich will es deshalb eher positiv werten, dass so viele meiner Mitmenschen heute weder ein alles sehendes göttliches Auge fürchten noch Orwells „Großen Bruder“, der sich ihrer via Internet bemächtigt. Und ich hoffe, ihr Vertrauen darauf, dass keinerlei Mächte oder Gewalten Böses gegen sie im Schilde führen, möge nicht enttäuscht werden.

 

Getröstet hat mich, als ich bei meiner Internetsuche nach dem „Auge Gottes“ mehrfach auch auf das 1. Samuelbuch 16,7 verwiesen wurde: „Der Mensch sieht nur auf das Augenfällige. Gott aber sieht auf das Herz.“ Da hab ich dann doch bei allen meinen Unzulänglichkeiten eine Chance vor ihm, glaube ich. Bei den geheimen „Diensten“ bin ich mir da keineswegs so sicher.

 

Veit Schäfer