Weihnachtschristentum

Die Lust, ein Christ zu sein

 

Schwerpunkt dieser Ausgabe von Christen heute ist das Thema „Weihnachtschristentum“. Da liegt die Versuchung nahe, in ein Lamento darüber zu verfallen, dass „alle Jahre wieder“ nur zum Weihnachtsfestgottesdienst am 24. Dezember ‚endlich mal’ die Kirchenbänke voll besetzt sind, teilweise die Kirche schon fast so aus den Nähten zu bersten droht, dass man eigentlich am liebsten Platzkarten vergeben möchte, aber im restlichen Kirchenjahr die Schar derer, die sich in den Gottesdienst verirren, doch recht überschaubar bleibt. Denn schon am ersten Weihnachtsfeiertag schrumpft die Zahl derer wieder merklich, die in den Gottesdienst kommen.

Also: Lassen Sie uns alle mal schnell ob dieser Tatsache einen Riesenseufzer ausstoßen – S E U F Z – und im Anschluss ernsthaft darüber nachdenken, woran diese Gottesdienst-Besuchenden-Unwucht wohl liegen mag.

 

Viele gute Gründe werden uns beim Nachgrübeln durch den Kopf gehen: So suchen beispielsweise am Heiligabend nicht nur Christinnen und Christen den Weg in die Kirche. Nein, auch Menschen, die längst die kirchliche Gemeinschaft verlassen haben, singen im Gottesdienst gerne christliche Weihnachtslieder. Für sie gehört das ganz einfach zu Weihnachten dazu, als ein Teil von Kultur und Tradition. Vielleicht sogar vollkommen unabhängig von jeglichem religiösen Empfinden. Andere Menschen wiederum überkommt möglicherweise gerade zur Weihnachtszeit, ausgelöst durch die kommerziell unterfütterte und geförderte weihnachtliche Atmosphäre, welche alles in dieser Zeit durchtränkt, eine melancholische Stimmung, die sie in die Gottesdienste führt. Die Konsequenz sind dann so volle Kirchen, dass vor einigen Jahren Politiker schon gefordert haben, Kirchensteuerzahlende müssten in den Weihnachtsgottesdiensten eine speziell für sie vorgesehene Sitzplatzgarantie in Anspruch nehmen können.

 

Parole: Frohsinn

 

Aber ist es wirklich nur auf Kultur und Tradition oder eine melancholische Stimmung zurückzuführen, dass die Menschen sich zur Weihnacht in einen der festlichen Gottesdienste begeben? Könnte es nicht möglicherweise auch sein, dass man an Weihnachten ein anderes Christentum erleben kann als im kirchlichen Alltag? Ein entspannteres, gelösteres, befreiteres, heitereres, fröhlicheres Christentum als sonst?

Schon der Philosoph Friedrich Nietzsche hat in seinem Werk ‚Also sprach Zarathustra’ über die christlichen Priester geschrieben: „Bessere Lieder müßten sie mir singen, daß ich an ihren Erlöser glauben lerne: erlöster müßten mir seine Jünger aussehen!“ – an Weihnachten kann es einem begegnen, dieses „erlöster aussehen“.

 

Im Alltag der Gemeinden erleben wir dagegen nicht selten auch Streit und Auseinandersetzungen, die leider auch mit Verbissenheit, Rechthaberei und Engstirnigkeit verbunden sein können. Da wirken die Jüngerinnen und Jünger dann – und ich beziehe das nicht wie Nietzsche nur auf die Geistlichen, sondern auf das ganze Volk Gottes – nicht sonderlich erlöst und befreit, sondern eher von ganz diesseitigen Interessen und Gedanken bestimmt. Wir machen dann wenig Lust darauf, Christin oder Christ zu sein. Kann man es da den „Weihnachtschristinnen und Weihnachtschristen“ verübeln, dass sie viel lieber dann kommen, wenn die Kirche feierlich und fröhlich ist – und den Rest des kirchlichen Alltags getrost beiseite lassen?

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich finde es wichtig und richtig, dass sich Gemeinde auseinandersetzt, dass sie sich auch streitet, wenn es um wichtige Fragen geht. In einer synodalen Kirche, in der alle mitreden und mitbestimmen dürfen, gehört das miteinander Ringen um den richtigen gemeinsamen Weg geradezu zum Wesenskern. Allein: Ein wenig mehr heitere Gelassenheit und Vertrauen auf Gottes Führung bei allen Auseinandersetzungen würde uns sicherlich so manches Mal gut zu Gesicht stehen.

 

Vielleicht liegt die Verbissenheit, mit der manches Mal gefochten wird, daran, dass die Menschen mit sich selbst und mit ihrem Leben im Letzten nicht so zufrieden sind wie es manchmal scheint – und wie man es selbst sich vielleicht vormacht.

Der Benediktinerpater Anselm Grün hat mir in einem seiner Bücher einen Gedanken mitgegeben, der mich seitdem nicht mehr losgelassen hat: Gott hat mit jedem Menschen ein einzigartiges und unverwechselbares Wort in diese Welt gesprochen. Ich bin von Gott bei meinem Namen gerufen. Mit einem unverwechselbaren Namen. Um in sich zu ruhen, zufrieden und glücklich, heiter und gelassen, erlöst zu werden, ist es daher notwendig, erst mal eine Ahnung von diesem einmaligen Wort Gottes in mir zu bekommen. Bei mir selber anzukommen. Mich in meinem Innersten zu erkennen. Zu erkennen, wer die Person ist, die Gott mit mir gewollt hat. Das Wort, das einzigartige Wort zu hören, welches Gott mit mir in diese Welt gesprochen hat. Zu hören, zu was Gott mich gerufen, zu was er mich berufen hat.

 

Ich vermute: Wenn wir dieses Wort in unserem Inneren hörten und mit unserem Leben erhörten, dann würden wir Christinnen und Christen alle wesentlich ‚erlöster’ sein. Eine Erlöstheit, die ausstrahlt auch in unsere Umgebung hinein, die Menschen anzieht. So sehr, dass es Menschen geben wird, die kommen und sagen: „Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört: Gott ist mit euch“ (Sacharja 8,23). Eine Ausstrahlung, die Lust darauf macht, Christ beziehungsweise Christin zu sein.

Um es mit dem Wort eines bistumsweit bekannten Pfarrers kurz zusammenfassend zu beschreiben würde dann unsere Parole vielleicht öfters auch im kirchlichen Alltag lauten: Frohsinn!

 

Walter Jungbauer