Jünger, als wir vielleicht denken...

 

Ausgesprochen viele Reaktionen hat die neue Broschüre über die alt-katholische Kirche ausgelöst. Christian Flügel geht nun einen Schritt tiefer und fragt nach den Ursachen für die mehrfach bemängelte Einseitigkeit.

 

Mehrere Kommentatoren haben eine neue Broschüre über unsere Kirche kritisiert; vor allem wird bemängelt, dass diese Selbstdarstellung sich nur um unsere Liturgie drehe, während die diakonische Arbeit der alt-katholischen Kirche überhaupt nicht erwähnt werde. Ist dies nur eine Art journalistische Schwäche dieser Informationsschrift? Oder erkennen wir in der Überbetonung von Liturgie und Martyria (Zeugnis ablegen für die frohe Botschaft) und in der relativen Vernachlässigung des „Diakonischen“ ein Symptom für eine wirkliche „Krankheit“ unserer Kirche? Dann reicht es nicht, nur die Diagnose zu nennen oder gar anzuprangern. Sonst laufen wir Gefahr, in wohlmeinendem Aktionismus die äußere Erscheinung zu bekämpfen, ohne die Ursachen wirklich zu erkennen. Es soll nicht darum gehen, dass unsere Kirche ein paar „alibimäßige“ diakonische Projekte betreibt und nach außen präsentiert. Wenn Franz Segbers in seiner Ansichtssache von einer „selbstbezüglichen Kirche“ spricht, nennt er ein ernst zu nehmendes Symptom. Papst Franziskus hat in einer viel beachteten Predigt zu Beginn seines Pontifikates für die römische Weltkirche „theologischen Narzissmus“ diagnostiziert.

 

Schon der Begriff macht klar: Es handelt sich um eine Krankheit, nicht um etwas Schuldhaftes. Wenn wir uns also ehrlich um Ursachenforschung bemühen, dann geht es nicht um Ent-„Schuldigungen“. In der Medizin beginnt das Bemühen um Verstehen mit der Anamnese. Von der Entstehungsgeschichte des Alt-Katholizismus her kann man feststellen, dass die ausschlaggebenden Gründe für die kirchliche Eigenständigkeit tatsächlich kaum diakonische Motive waren. Hingegen waren das Zeugnis gegen den Vorherrschaftsanspruch des Papstes und die Aufrechterhaltung eines eigenen liturgischen Lebens für die exkommunizierten Katholiken, welche die päpstliche Unfehlbarkeit nicht annehmen konnten, die eigentlichen Antrittsanliegen.

 

 

Heute scheint mir die Diasporasituation ein Grund zu sein, warum Diakonie oft wenig in unseren Gemeindestrukturen gelebt wird; wer einmal pro Woche einen lange Anfahrtsweg zum Gottesdienst hat, wird praktisch nicht oft in der Woche noch ein karitatives Projekt im Raum der alt-katholischen Gemeinde betreiben. Aber heißt das, dass nicht in einem ganz anderen Umfeld „Diakonie“ dennoch gelebt wird? Meine Tochter zum Beispiel zieht als Sternsingerin mit ihren römisch-katholischen Mitschülern in unserem Wohnort zu den Menschen – und nicht in der viele Kilometer entfernten alt-katholischen Gemeinde. Das ist auch Diakonie, allerdings nicht unter dem Label „alt-katholisch“. Ich kann mir vorstellen, dass dies in vielen Gemeinden ähnlich ist. Einen weiteren Grund vermute ich im unseligen Erbe unserer Kirche im Sinne des „unpolitischen Katholizismus“. Diakonie ist immer politisch, sie ergreift Partei für die Bedürftigen und Ausgebeuteten, die mit Hartz IV oder unterhalb eines Mindestlohnes abgespeist werden. Wenn wir authentisch Diakonie betreiben, mischen wir uns ein und benennen klar, wie wir zu Rüstungsexporten, zur Sozialpolitik und zur Chancengleichheit stehen. Das stört jede Kuschelkirchen-Sehnsucht, das kann richtig Streit geben!

 

„Jünger als Sie vielleicht denken“ könnte insofern ungewollt eine Aussage über den Entwicklungsstatus unserer Kirche sein. Wir wollen oft „schon groß“ sein, wir geben uns Strukturen wie die „Großkirchen“, wir wollen den Ansprüchen einer erwachsenen Kirche genügen, alle kirchlichen Grundfunktionen (leiturgia, martyria und diakonia) sollen aus eigenem Potenzial erfüllt werden. Stehen wir doch zu unseren real existierenden Schwächen und nutzen wir unsere Stärken, um wahrhaftig auch mit den Defiziten umzugehen! Wir sind eine ökumenische Kirche: Eine vor Ort gelebte geschwisterliche Diakonie im Verband mit evangelischen, römisch-katholischen Mitchristen oder muslimischen Nachbarn scheint mir ehrlicher zu sein als das Festhalten an einem „Das kann ich ganz allein!“. Diakonie ist nach meiner Überzeugung in erster Linie eine innere Haltung, eine Überzeugung, aus der wir handeln, eine selbstverständliche Zuwendung zu den Bedürftigen dieser Welt, in denen wir Christus begegnen. Wenn wir ernsthaft Christen sind, werden wir automatisch diakonisch tätig. Oder wie Käsemann pointiert: Gnade, die nicht tätig wird, ist Einbildung!

 

Christian Flügel