Wer nicht glaubt, wird verrückt

 

Ich joggte an einem Frühherbstmorgen durch den Hamburger Stadtpark und bemerkte zu Beginn meines Laufs einen Mann, der erstaunt auf eine große und dicke Eiche starrte. Als ich bei der zweiten Laufrunde an der gleichen Stelle vorbeikam, sah ich den Mann immer noch staunend vor dieser Eiche stehen. Ich stoppte und frage ihn, ob ich helfen könne. Er fragte, wie so ein riesiger Baum aus dem Boden kommen könne. Erstaunt darüber, dass es offenbar Menschen gibt, die sich mit dem Wachstum von Bäumen nicht auskennen, hob ich eine kleine Eichel hoch und sagte, dass dieser Baum aus so einer Eichel wachsen würde. Er nahm die Eichel in die Hand, musterte sie, schaute auf den Baum und fragte, wie aus so einer winzigen Eichel ein tonnenschwerer Baum werden könne. Das sei das Normalste von der Welt und wisse hierzulande jedes Kind, erwiderte ich. Er bat mich, dieses Zauberwerk zu erklären. Was ich eben noch als das Normalste von der Welt bezeichnet hatte, brachte mich dann doch in Erklärungsnot. Ich stammelte etwas zusammen, dass Wasser, Erde, Luft, Sonnenlicht eine biochemische Reaktion erzeugten und den Keim, der in der Eichel stecke, zum Wachsen bringe. Der Mann schaute sich den Boden um den Baum an und sagte, dass er gar keinen Krater sehen könne, denn irgendwoher müsse doch die Materie bezogen werden, damit so ein tonnenschwerer Baum entsteht. Für den Bau eines Hauses brauche man schließlich die gleiche Masse an Material wie das Gewicht des Hauses. Er gestand mir, dass er meine Erklärungen ziemlich unplausibel fände.

 

Ich musste gestehen, dass ich den Vorgang, wie aus so einer kleinen Eichel so ein Baum werden kann, nicht wirklich erklären konnte, und hatte dies der Kategorie „das ist eben so“ zugeordnet. Der Mann fragte mich etwas verzweifelt, wo denn die Eichel herkäme. Ich zeigte auf den Baum und sagte, dass die Eiche Früchte hervorbringe, die man Eicheln nennt. Sie fallen auf den Boden und daraus wachsen neue Bäume. Der Mann sah mich ungläubig an und sagte, dass ein Tonnen schwerer Baum also nicht nur aus einem winzigen Ding entstehe, sondern sich selbst reproduziere. Ganz so sei es nicht, erwiderte ich. Damit eine Eichel entsteht, müssten die Blüten der Eiche erst von anderen Bäumen bestäubt werden. Ach so, sagte der Mann etwas ironisch, Fernsex mit Staub, und dann entstehen diese kleinen runden Kugeln auf dem Baum, die dann runterfallen, und mit ein bisschen Sonne und Wasser wachse so ein riesiger Baum, ohne dass die umliegende Materie aufgenommen wird. Der Mann hielt meine Erklärungen für reichlich esoterisch. Es gesellte sich eine junge Frau zu uns und sagte, dass sie von der Bank aus dem Gespräch gelauscht habe. Sie sei Biochemikerin und könne vielleicht helfen. Sie erklärte die Theorie hinter dem Entstehen eines Baumes, gestand aber, dass auch die Wissenschaft noch nicht ganz präzise das Phänomen des Wachstums erklären könne. Der Mann schüttelte ungläubig den Kopf und fand das alles merkwürdige Denkkonzepte; er verlange einen empirischen Beweis. Die Frau schlug vor, dass er sich eine Eichel mit nach Hause nehmen, sie in die Erde pflanzen und an einen hellen Ort stellen möge und die Vorgänge beobachten. Man brauche die richtigen Bedingungen für das Wachstum eines Baumes. Darüber hinaus ganz viel Zeit und Geduld. Der Mann schrieb mir nach etwa einem Jahr aus der Wüste, wo er offenbar zu Hause zu sein schien, und berichtete, dass er drei Eicheln in den Wüstensand gepflanzt habe. Sonne und Boden gäbe es in der Wüste reichlich und er würde die Pflanze regelmäßig gießen. Bei keiner dieser drei Eicheln sei etwas herausgekommen. Die Theorie sei damit falsch.

 

Ohne Glauben gelingt kein Leben

 

Die allermeisten Vorgänge, die mir als normal erscheinen, nehme ich ohne Hinterfragung hin. Genaugenommen ist das in den Bildungsinstituten Erlernte kein Wissen, sondern ein Glaube an die Aussage von Menschen, die ich nicht einmal persönlich kennengelernt habe und bei denen wir dennoch meinen, dass sie es wissen müssten. Der Mensch ist auf Vertrauen, besser noch auf Glauben angewiesen. Ein Mensch ohne Glauben ist ein Mensch ohne Vertrauen. Ohne Vertrauen aber wird ein Mensch verrückt. Ohne Vertrauen würden wir uns nicht einmal trauen, bei Grün die Straße zu überqueren. Es scheint, als sei der Mensch auf Vertrauen hin angelegt, um sein Leben meistern zu können. Jeder Mensch glaubt, ja er ist darauf angewiesen, um sein Leben gestalten zu können. Wir vertrauen auf die Aussagen von Menschen, weil wir in Beziehung zu Menschen stehen, sie identifizierten und erkennen und im Großen und Ganzen die Erfahrung gemacht haben, dass man Menschen vertrauen kann.  Können wir aber an einen Gott glauben, von dem in der Bibel berichtet und über den gerüchteweise erzählt wird und den wir aufgrund unseres begrenzten Erfassungsvermögens nicht zu identifizieren in der Lage sind?

Menschen machen im Glauben zu allen Zeiten Erfahrungen, und diese Erfahrungen sind unter anderem in der Heiligen Schrift niedergeschrieben; sie fanden in großartigem Denken, in verschiedensten spirituellen Formen, in Kunst und - ganz wichtig - in der Hinwendung zu den Armen und Beladenen ihren sichtbaren Niederschlag. Der Glaube ist offenbar keine tote Materie, sondern eine höchst lebendige Energie im Menschen.

 

Es scheint also, dass Menschen im Glauben von etwas berührt werden. Die Erfahrung im Glauben ist vor allem eine Begegnung mit der Liebe. Die Frage, wer Gott für uns Menschen ist, entscheidet sich wesentlich am Menschenbild, so sagt der Konzilstheologe Karl Rahner: „Liebe zu einem Menschen um Gottes willen führt nicht aus dem geliebten Menschen heraus, sondern in ihn hinein. Gott ist nicht ein anderer neben dem Menschen. Er ist das Innerste, die Wesensmitte des geliebten Menschen … Von ihm her kann man den Menschen lieben, seine innerste unzugängliche Mitte lässt sich nur von Gott her lieben. Wer diesen Gott liebt, sein eigen Wesen in Gott hinein gibt, der ist damit in der innersten Mitte auch des geliebten Menschen. Der ist hinter das letzte Geheimnis des Menschen geraten, weil er dort steht, wo Gott ist.“ Gott greift also u.a. durch seinen Beziehungsreichtum zum Menschen und von Mensch zu Mensch in diese Welt ein. In Jesus Christus zeigt sich dieser unfassbar große Gott ganz nahbar.

Glaube braucht Zeit und Pflege

 

Der 38-jährige Bernd Ruffing hatte kurz vor Pfingsten 2012 den Provinzial des Steyler-Ordens um Aufnahme gebeten. Er bekannte, dass er keine großen Berufungserlebnisse hatte, sondern eher in den Glauben und den Orden hineingewachsen sei. Den meisten Menschen ergeht es bei der Glaubenssuche vermutlich wohl ähnlich und nicht so wie dem hl. Paulus, der von einer Minute auf die andere vom Christenverfolger zum Apostel wurde. Für die meisten Menschen war und bleibt der Glaube eine Entwicklung, vielleicht ganz ähnlich wie das Wachsen eines Baumes. Die Gewissheit, dass aus einer Eichel ein riesiger Baum wird, erhält man erst nach langer Zeit des geduldigen Wartens, der Erkenntnis über die richtigen Bedingungen und die Pflege eines Baumes. Im irdischen Leben entwickeln wir uns durch den Glauben auf Gott zu, unsere Äste und Zweige sind die verschiedenen Facetten der Liebe. Im Tod erhalten wir die Gewissheit, dass in den Worten der Parabel aus einer Eichel ein riesiger Baum wird. Mit biblischen Worten ausgedrückt: „Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist“ (1 Joh 3, 2). Aber seien wir realistisch. Ein Baum ist Gefahren ausgesetzt, zum Beispiel durch Krankheit, durch falsche Behandlung - und er kann durch andere abgeholzt werden, und so bleibt es ein Kernauftrag der Kirche Jesu Christi, das Wachstum im Glauben, das heißt die Liebe unter den Menschen, zu fördern.

 

Eckhard Thomes