Der gute Papst

 

Eine Frage, die Reiner Klick aus Bochum in seinem Leserbrief (siehe hinten S. 261) aufwirft, hat mich nachdenklich gemacht: Gönnen wir Alt-Katholiken den römisch-katholischen Geschwistern keinen guten Papst?

Tatsächlich hat uns Papst Franziskus in eine neue Situation gebracht. In wie vielen Diskussionen mit überzeugten römischen Katholiken, die ihre Hoffnung auf einen neuen, „guten Papst“ zum Ausdruck gebracht haben, habe ich nicht versucht zu vermitteln, dass das eine unwürdige Haltung ist, weil der Fehler im System liegt. Anstatt selbst Einfluss nehmen zu können, immer nur die Hoffnung, dass ein Zufall oder Gottes Fügung einmal einen offeneren Mann nach oben spült? Ich habe auch versucht, klarzumachen, dass die Hoffnung nur gering sein kann, weil das System sich fortzeugt: Der Papst ernennt (fast ausschließlich konservative) Bischöfe zu Kardinälen, und die wählen einen von sich zum neuen Papst. Woher soll da der „gute Papst“ kommen?

 

Und jetzt ist er da, zumindest wird er so wahrgenommen, und wir Alt-Katholiken müssen damit umgehen. Da ist hoffentlich aufrichtige Mitfreude vorhanden, dass ein Aufatmen durch die große Schwesterkirche geht, dass wieder freier gesprochen werden kann, dass ein neuer Stil einzieht – Bescheidenheit und einfach ein Stück normaler, menschlicher Umgang. Da gibt es aber auch, das können wir wohl nicht leugnen, die Versuchung, Dinge zu suchen, an denen wir mäkeln können. Wenn wir das tun, sind wir wirklich kleinlich und präsentieren uns als nörgelnde Splittergruppe, in der viele noch ihre Wunden lecken, die sie als ehemalige Mitglieder der Römisch-Katholischen Kirche erhalten haben. Ich glaube, wir sollten da aufpassen, was wir tun und wie wir reden oder schreiben, damit wir merken, wenn wir unreif unangemessene Boxhiebe austeilen.

 

Allerdings ist das nur die eine Seite. Die andere ist, dass unsere Kirche seit 1870 ihr Bewusstsein dafür geschärft hat, wie wichtig ein System ist, in dem das Entscheidungsrecht beim Volk Gottes liegt, und wie gefährlich es ist, wenn sich die Macht in der Hand einiger weniger konzentriert. Das ist unser Platz im Gefüge der Ökumene, diesem Anliegen eine Stimme zu geben, ist unsere Aufgabe – nicht alleine, die Kirchen der Reformation haben das schon vor uns getan, aber für den katholischen Raum sehe ich da unsere „Spezialität“. Wir müssen also die Balance finden zwischen Nörgeln, das wir uns tunlichst verkneifen sollten, und opportunistischem Schweigen, wenn unser geschulter Blick gravierende Verstöße gegen das Mitspracherecht der Gläubigen entdeckt.

 

Stil und Inhalt

 

Und da fallen mir zwei Dinge auf bei Papst Franziskus, die ich wirklich nicht nur als Herummäkeln sehen kann. Das eine ist, dass Stil und Inhalt bei ihm auseinanderfallen. Es ist ja in den letzten Wochen viel diskutiert und geschrieben worden über das Interview, das der Papst der Jesuitenzeitschrift Civiltà cattolica gegeben hat. Sehr sympathisch und offen spricht er darin Fehler an, die er gemacht hat, oder Mängel in seiner Persönlichkeit. Doch bei manchen, die dem Interview Hinweise auf einen theologischen Richtungswechsel entnommen haben, frage ich mich, ob sie den Text eigentlich gelesen haben.

 

Eine Gruppe wie „Homosexuelle und Kirche“ leitet zum Beispiel aus der Äußerung, dass es keine kirchliche „spirituelle Einmischung in das persönliche Leben geben“ soll, gleich die Hoffnung auf eine völlig neue Einschätzung von Homosexualität ab - und ignoriert dabei offensichtlich, dass Papst Franziskus zugleich seine Treue zur Morallehre der Kirche bekannt hat, deren Positionen schließlich hinreichend bekannt seien. Das päpstliche Bekenntnis zu dem, was im Katechismus der katholischen Kirche steht, lässt eigentlich keinen Spielraum für die Erwartung, in moraltheologischen Fragen oder auch bei der Zulassung der Frauen zum geistlichen Amt könne sich bald etwas ändern.

 

„Autoritäre und schnelle Art“

 

Der für das alt-katholische Anliegen bedeutsamere Punkt liegt jedoch darin, dass Papst Franziskus in dem Interview bekennt: „Meine autoritäre und schnelle Art, Entscheidungen zu treffen, hat mir ernste Probleme und die Beschuldigung eingebracht, ultrakonservativ zu sein.“ Er betont, dass er nie einer von den ganz Rechten war, aber die „autoritäre und schnelle Art“ ist gepaart mit dem Jurisdiktionsprimat eine brisante Mischung.

Wie das praktisch aussehen kann, hat der Freiburger Kirchenrechtsprofessor Georg Bier in einem Leserbrief in der Badischen Zeitung vom 30. September gezeigt. Erzbischof Robert Zollitsch hat gemäß dem geltenden Recht nach seinem 75. Geburtstag seinen Rücktritt angeboten. Franziskus hat ihn angenommen und ihn zugleich als Administrator, also Verwalter des Bistums eingesetzt bis zur Wahl seines Nachfolgers; dazu hat er ihm erlaubt, weiter Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz zu sein.  Doch Bier macht aufmerksam: „Mit seiner Entscheidung hat Papst Franziskus geltendes Kirchenrecht mindestens zweifach geändert: Er hat erstens für diesmal das Recht des Domkapitels kassiert, den Diözesanverwalter selbst zu wählen; er hat zweitens davon abgesehen, dass nach dem Statut der Deutschen Bischofskonferenz nur ein amtierender Diözesanbischof Vorsitzender sein kann.“

 

Bier stellt fest: „Papst Franziskus hat im vorliegenden Fall von seiner Höchstgewalt Gebrauch gemacht. Beachtlicherweise stößt er damit auf Zustimmung auch bei jenen (ZdK, „Wir sind Kirche“), die die Inanspruchnahme des päpstlichen Primats nicht immer kritiklos hinnehmen mochten. Ob ihm der Beifall auch erhalten bleibt, wenn künftige Entscheidungen weniger populär ausfallen, als es die jetzt getroffene in den Augen vieler zu sein scheint?“

Ich glaube, es ist legitim und kein Genörgel, wenn wir Alt-Katholiken ein Auge darauf haben werden, wie der Umgang mit dem Primat in Zukunft aussehen wird.

 

Strukturreformen?

 

Fest steht bereits jetzt, dass es spannend bleibt. Man kann natürlich sagen, der Papst hat „nur“ einen neuen Stil in die Kirche gebracht, inhaltlich hält er ja am Alten fest. Aber wir sollten nicht unterschätzen, wie viel ein neuer Stil ins Rollen bringen kann. Es ist ganz viel wert, wenn Franziskus gegen die Überwachungsmentalität angeht, die seit langer Zeit die vatikanischen Behörden bestimmt, und sagt, dass sie keine „Zensurstellen“ sein dürfen. Wenn das Duckmäusertum endet, wenn in der Kirche angstfreier und offener gedacht und gesprochen werden kann, hat das natürlich auch Einfluss auf die Inhalte.

Außerdem hat der Papst in einem Gespräch mit dem Gründungsherausgeber der eher linken Zeitung La Repubblica bereits deutlich erklärt, dass es ihm nicht nur um einen neuen Stil, sondern um Strukturreformen geht. Die Kirche dürfe nicht nur vertikal organisiert, sondern müsse auch horizontal ausgerichtet sein, hat er gesagt. Der Weg dahin, mit einem besonderen Akzent auf Konzilien und Synoden, sei lang und schwierig. Franziskus räumte ein, dass es in der Kurie Höflinge gebe und manche Leiter von ihren Mitarbeitern umschmeichelt und falsch informiert würden. Diese Mentalität sei „die Lepra des Papsttums“. Wenn das nicht deutliche Worte sind! Franziskus beklagte weiter, der Kurienapparat sei „zu vatikanzentriert“. Er kümmere sich um die Interessen des Vatikans und vernachlässige die ihn umgebende Welt. „Ich teile diese Sicht nicht und werde alles tun, um sie zu ändern,“ so der Papst.

Und dann wieder eine Äußerung, die mich aufhorchen lässt: Für die Strukturreform habe er eine Gruppe von acht Kardinälen als Berater ausgewählt - „nicht Höflinge, sondern kluge Persönlichkeiten, die meine Vorstellungen teilen“. Ja, richtig, er braucht dafür keine Ja-Sager und Höflinge, sondern eigenständige Persönlichkeiten. Aber auch falsch: Er braucht doch keine, die denken wie er! Das ist doch gerade der Fehler bei vielen, die oben stehen, auch in der Politik, dass sie sich Berater suchen, die sie nicht korrigieren und in Frage stellen, sondern bestärken. Wenn es fruchtbar sein soll, dann muss ich mir doch unbequeme Berater (und Beraterinnen!) suchen, die ihre Stärken da haben, wo meine Defizite liegen.

 

Hoffen wir, dass diese päpstliche Auswahl von Personen, die seine „Vorstellungen teilen“, nicht schon das Ende des Reformprozesses einleitet. Dann kann durchaus sein, dass dieser menschenfreundliche und volksnahe Konservative auf dem Päpstlichen Stuhl einmal als großer Reformer in die Kirchengeschichte eingeht, nicht wegen eigener revolutionärer Ansichten, sondern weil er das Denken wieder erlaubt hat. Genauso kann ein autoritärer Mensch, als der sich Franziskus bekannt hat, ausgestattet mit absoluter Macht, Schlimmes anrichten. Dass Papst Franziskus sich dialogfähig zeigt und sich „wirkliche Konsultationen“ wünscht, lässt hoffen, dass er das vermeiden wird, so dass auch die Menschen späterer Jahrzehnte ihn als einen „guten Papst“ in Erinnerung behalten werden.

 

Gerhard Ruisch