Das Volk Israel lebt noch

 

Vor vielen Jahren habe ich als 21-jähriger Theologiestudent zusammen mit einigen Mitstudenten eine Reise nach Israel unternommen, fünf Wochen lang. All die wichtigen Stätten der jüdischen und christlichen Geschichte haben wir besucht, auch die Halbinsel Sinai, die damals politisch zu Israel gehörte, mit dem Mosesberg, dem Berg Sinai. Und natürlich Jerusalem mit dem Tempelberg und der Klagemauer, die als einziger Teil vom antiken Tempel noch steht. Diese Reise war eines der eindrücklichsten und prägendsten Ereignisse in meinem Leben.

 

Sofort im Anschluss ging ich für zwei Semester zum Studium nach Rom. Dort stand natürlich bald auch ein Besuch der Überreste des Forum Romanum auf dem Programm. Ich erinnere mich noch gut, wie sehr mich der Anblick des Titusbogens betroffen gemacht hat, gerade dadurch, dass ich unmittelbar zuvor in Jerusalem gewesen war.

Der Titusbogen, der kleinste der erhaltenen Triumphbögen, war dem Feldherrn und späteren Kaiser Titus gewidmet worden als Dank für seinen Sieg im jüdisch-römischen Krieg im Jahr 70 n. Chr., eben diesem Krieg, in dem weite Teile von Jerusalem mitsamt dem Tempel zerstört worden waren.

Eindrucksvoll und gut erhalten sieht man in einem Relief des Bogens dargestellt, wie der Tempel geplündert wird, wie der siebenarmige Leuchter aus dem Tempel geschleppt wird. Ein einzigartiges, schreckliches Zeugnis einer der dunkelsten Stunden des jüdischen Volkes.

 

Wenige Jahre später, nach meiner Weihe zum Diakon, habe ich 1983 mit einer Gruppe Jugendlicher eine Fahrt nach Rom unternommen. Selbstverständlich gehörte auch da der Besuch des Forum Romanum zum Programm. Als wir zum Titusbogen kamen, sah ich: Unter dem Relief war etwas deutlich sichtbar in hebräischen Buchstaben hineingekratzt. Mein Hebräisch war nie besonders gut, aber ein Studienkollege konnte es mir übersetzen. Es hieß: „Das Volk Israel lebt noch“.

 

Ich kann ja Graffiti allenfalls an irgendwelchen seelenlosen Betonbrücken leiden. Wenn jemand, wie gerade letzte Woche wieder geschehen, die Wand unserer St.-Ursula-Kirche in Freiburg beschmiert, dann empfinde ich das als eine Schandtat an einem alten Gebäude. Und wenn gar jemand ein antikes Kunstwerk beschädigt – und wenn ihm zehnmal der Inhalt des Dargestellten nicht gefällt hat -, dann gibt es für mich keine Rechtfertigung.

Und trotzdem hat mich berührt, was da hineingeritzt worden war. Das Volk Israel lebt noch. Das ist das Entscheidende.

 

Wenige Völker können auf eine so lange Geschichte zurückblicken wie das Volk Israel. Und bei wenigen wissen wir so gut Bescheid über die Geschichte. Es ist eine Geschichte voll von Kunst, Kultur und Wissenschaft, aber auch eine Geschichte voll von Gewalt und Verfolgung. Von den Gewalttaten der Assyrer, Babylonier, der Seleukiden, der Römer und vieler anderer berichtet die Bibel. Sie erzählt auch, dass das jüdische Volk oft selbst nicht mehr an eine Rettung geglaubt hat. Und doch galt immer wieder: Das Volk Israel lebt noch.

Von der langen Reihe der Judenverfolgungen in Deutschland wissen wir aus der eigenen Geschichte, aber auch von Wellen von Verfolgung in ganz Europa. Viele mussten ihr Leben lassen, Tausende. Und doch galt: Das Volk Israel lebt noch.

 

Von allen Verfolgungen die grausamste und umfassendste war ohne Zweifel die Verfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus, die mit der Reichspogromnacht vor 75 Jahren einen ersten Höhepunkt erreichte. Es gibt immer wieder Versuche, das Entsetzen von damals in Worten oder in Bildern, zum Beispiel in Filmen, einzufangen – ich glaube, all unsere Fantasie reicht nicht an die Wirklichkeit heran.

Auch die Worte, die ich dafür finden kann, sind zu schwach, deshalb leihe ich mir bessere aus der Bibel, aus dem 22. Psalm. Vor Jahrtausenden hat ein Mensch seine Not und Verzweiflung ins Wort gefasst, aber auch seine Hoffnung, dass Gott ihn entgegen allem Anschein nicht wirklich verlässt.

 

Hier der Psalm in der Übertragung von Martin Buber.

 

 

Mein Gott, mein Gott,

warum hast du mich verlassen?

Fern bleiben meiner Befreiung

die Worte meines Notschreis.

„Meine Gottheit!“ rufe ich tags

und du antwortest nicht,

nachts, und nicht wird mir Stillung.

 

O Heiliger du,

auf Jisraels Preisungen thronend,

an dir wussten unsere Väter sich sicher,

sicher, und du ließest sie entrinnen,

zu dir schrien sie und durften entschlüpfen,

an dir gesichert wurden nie sie beschämt.

 

Ich aber, Wurm und nicht Mensch,

Hohn der Leute, verachtet vom Volk, -

die mich sehn, spotten mein alle,

verziehn die Lippe, schütteln den Kopf:

„Wälz es auf IHN!“ – „Der lässt ihn entrinnen,

rettet ihn, denn er hat an ihm Lust!“

 

Ja, du bists,

der aus dem Leib mich hervorbrechen ließ,

mich sicherte an der Brust der Mutter.

Auf dich bin ich vom Schoß an geworfen,

vom Leib meiner Mutter her bist du mein Gott.

Nimmer bleibe mir fern,

nah ja ist die Bedrängnis,

da ist ja kein Helfer!

Ich bin hingeschüttet wie Wasser,

trennen wollen sich all meine Knochen,

mein Herz ist geworden wie Wachs,

in meinen Eingeweiden zerflossen,

meine Kraft ist dürr wie ein Scherben,

an meinen Schlund geklebt meine Zunge.

 

Du rückst mich ja in den Staub des Todes!

Hunde haben mich ja umringt,

umkreist mich eine Rotte von Bösgesinnten,

sie fesseln mir Hände und Füße,

zählen kann ich all meine Knochen.

Jene blicken herzu, sie besehn mich,

sie teilen unter sich meine Kleider,

über mein Gewand lassen sie fallen das Los.

 

Oh DU,

nimmer bleibe fern!

du mein Wesensstand,

zu meiner Hilfe eile!

Rette meine Seele vorm Schwert,

meine Einzige vor der Tatze des Hundes,

befreie mich aus dem Maul des Löwen, -

wider Wisenthörner gibst du mir Antwort!

 

Ich will von deinem Namen meinen Brüdern erzählen,

inmitten der Versammlung will ich dich preisen:

„Ihr ihn Fürchtenden preist ihn,

aller Same Jaakobs, preiset ihn,

aller Same Jaakobs, ehret ihn,

erschauert vor ihm, aller Same Jisraels!

Denn er hat nicht missachtet

hat nicht verschmäht

die Gebeugtheit des Gebeugten,

hat sein Antlitz vor ihm nicht versteckt,

hat gehört, wenn er zu ihm gestöhnt hat.“

Vor ihm her ist mein Preisen

in großer Versammlung.

 

Solange im Volk Israel solche Gebete leben, gilt: Das Volk Israel lebt noch.

 

Gerhard Ruisch