Der 9. November – ein deutsches Datum

Plädoyer für einen neuen Nationalfeiertag

 

Ich habe den 3. Oktober in diesem Jahr als Verlängerung des Wochenendes und als einen geschenkten Urlaubstag genutzt, denn in Rheinland-Pfalz begannen in diesem Jahr die Herbstferien am 4. Oktober. Den 3. Oktober als „Tag der deutschen Einheit“ zu feiern, kommt mir nicht in den Sinn. Zu technokratisch und parteipolitisch motiviert ist dieses Datum für mich noch immer. Es ist der Tag, an dem formaljuristisch die Länder der DDR dem Grundgesetz beigetreten sind und damit Teil der Bundesrepublik Deutschland wurden. Der 3. Oktober hat keinen Bezug zur deutschen Geschichte, er wurde gewählt, damit zwei Monate später der erste „gesamtdeutsche“ Bundestag gewählt werden konnte.

 

Diesen „Beitrittstag“ zum „Tag der deutschen Einheit“ zu verklären, halte ich für unhistorisch, denn der Weg zur Einheit begann viel früher. Die Ereignisse des 9. November 1989 sind den Menschen, die damals lebten, in ihr individuelles Gedächtnis eingebrannt. Ich erinnere mich gut an diese Stunden, obwohl ich weit weg von Berlin und der innerdeutschen Grenze lebte und lebe, weiß, was ich in den 24 Stunden seit der historischen Pressekonferenz getan habe.

 

Doch der 9. November sei belastet; denn am 9. November 1937 brannten die Synagogen in Deutschland, wurden jüdische Geschäfte gestürmt und demoliert, wurde spätestens jedem, der sehen wollte, deutlich, dass die Nationalsozialisten es mit der Verfolgung und der Vernichtung der Juden in Deutschland ernst meinten.

 

Es ist kein Zufall, dass die Nationalsozialisten den 9. November für diesen Pogrom nutzten; der 9. November 1937 hat eine Vorgeschichte, die die Widersprüchlichkeit der deutschen Geschichte offenlegt.

 

Am 9. November 1918 erklärte Reichskanzler Maximilian von Baden Kaiser Wilhelm II. für abgesetzt und seinen Rücktritt als Kanzler. Er ernannte den Sozialdemokraten Friedrich Ebert zum neuen Reichskanzler und übertrug ihm die Regierungsgeschäfte. Zuvor hatte die SPD am frühen Morgen des 9.11.1918 unter Führung von Ebert und Scheidemann die arbeitende  Bevölkerung zu einem Generalstreik aufgerufen, nachdem Tage zuvor die Matrosen mit ihrem Aufstand in Kiel gegen eine Weiterführung des Krieges streikten. Am frühen Nachmittag des 9.11. rief Philipp Scheidemann vom Balkon des Reichstages, des heutigen Bundestages, die Republik aus. Karl Liebknecht, Sprecher des Spartakusbundes, ein Vorläufer der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), lehnte eine Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten ab, er forderte die deutsche Räterepublik. Zwei Tage später – am 11.11.1918 -  kapitulierte die Deutsche Wehrmacht.

So wurde die „Dolchstoßlegende  geboren: Das deutsche Heer, „im Felde unbesiegt“, sei von den Feinden des Kaisertums rücklings „erdolcht“ worden. Die Träger der Weimarer Republik wurden in dieser Propaganda zu „Vaterlandsverrätern“ und zu den „Novemberverbrechern“, die in diesem Denken verantwortlich  für die nicht-bezahlbaren Reparationsleistungen an die Alliierten gemacht wurden.

 

So wird mit den Ereignissen des 9. November 1918 der Keim für den Untergang der gerade erst entstehenden ersten deutschen Republik gelegt. Die Kaisertreuen und die anti-republikanischen Kräfte sehen in den Aufständen der arbeitenden Bevölkerung und der revoltierenden Matrosen die Ursachen für die Kapitulation; die linken Kräfte glauben, die Sozialdemokraten hätten mit der Übernahme der Regierungsverantwortung und der Ausrufung der Republik die Chance für eine grundsätzlich sozialistische Neuordnung verspielt. Die entstehende erste deutsche Republik – die Weimarer Republik – wurde von rechts wie von links abgelehnt, und ihre Repräsentanten wurden bekämpft.

Adolf Hitler nährt diesen „Keim des Untergangs“ der von ihm verhassten Weimarer Republik, indem er  die „Dolchstoßlegende“ aufgreift und die „Novemberverbrecher“ zu den „Totengräbern des deutschen Volkes“ macht. Als er glaubt, mit den Wirren, die die Superinflation 1923 in Deutschland auslöste, sei der Augenblick der Machtergreifung gekommen, versucht er am 9. November 1923 einen Putsch in Bayern, der aber scheitert.

Zwei Jahre später gründet Hitler sehr bewusst wieder am 9.11. seine „Schutzstaffeln“,  die SS, die in den folgenden Jahren Angst und Schrecken in Deutschland und später in Europa verbreiteten. Am 9.11.1936 wird das Denkmal für den jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy in Leipzig zerstört, ein Jahr später werden alle jüdischen Gebäude angegriffen und zerstört. Der 9. November war für den Nationalsozialismus ein besonderer Tag.

 

Vor diesem Hintergrund wählen die Westalliierten  den 9.11.1949 aus, um an diesem Tag die Verhandlungen mit der ersten frei gewählten Regierung der BRD zu führen. Ergebnis ist das Petersberger Abkommen, das Grundlage für die Ausgestaltung des souveränen westdeutschen Staates war. Dass 40 Jahre später – also am 9.11.1989 - die Mauer fällt und damit die Wiedervereinigung möglich wird, ist sicherlich von keinem geplant worden, sondern eher eine „List der Geschichte“.

 

Doch ich denke, die zweite deutsche Republik kann mit Selbstbewusstsein auf ihre Entwicklung schauen und ist auch bereit, die Widersprüchlichkeiten ihrer eigenen Vorgeschichte zu deuten und zu tragen. Der 9. November repräsentiert mit seinen Erinnerungen deutlich mehr die deutsche Geschichte als der 3. Oktober. Ich plädiere für eine erneute Diskussion um das Gedenken und Erinnern.

 

Bernhard Scholten