Die Angst vor den Juden

Die Landauer Katharinenkapelle erinnert an den tausendjährigen Antijudaismus

 

„Dass die Nazis die Juden umbringen, konnte doch keiner wissen“ – eine Aussage, die ich als Kind und Jugendlicher in den sechziger Jahren öfter hörte, wenn in der Schule oder in der Nachbarschaft über die Vernichtung der Juden gesprochen wurde. Nein, die Vernichtung wollte man nicht, aber irgendetwas war schon dran an der Vermutung, dass das europäische Judentum „uns Deutsche“ schädigen wollte. Verschwörungstheorien dieser Art gab es noch lange nach dem 2. Weltkrieg, und sie waren auch noch virulent, als ich in den achtziger Jahren Mitglied in der alt-katholischen Gemeinde wurde. Als Zugezogener lernte ich allmählich: Landau hatte bis zum 2. Weltkrieg eine recht große jüdische Gemeinde. In der Reichspogromnacht brannte die jüdische Synagoge, neben der Stifts- und der Marienkirche das drittgrößte sakrale Gebäude der Stadt. Heute erinnert nur ein kleiner Gedenkstein an dieses mächtige Bauwerk.

 

Was haben die Alt-Katholiken mit dem Hass auf die Landauer Juden zu tun? Mehr, als ich ursprünglich dachte, denn die Katharinenkapelle, in der die Alt-Katholiken ihren Gottesdienst feiern, ist ein Mahnmal für den tausendjährigen Antijudaismus in Landau und Deutschland.

 

Die Katharinenkapelle wurde in der Mitte des 14. Jahrhunderts von der Stadt für den weltlichen Frauenorden der Beginen gebaut. Die Beginen sorgten sich um das Wohl armer und kranker Menschen. Sie gründeten das erste Hospiz in Landau, einen Ort für Menschen, die Fürsorge brauchten. Die Beginen wurden von der Kirche argwöhnisch beobachtet, waren es doch Frauen, die hier, soweit dies im Spätmittelalter möglich war, selbstständig und unabhängig von der männlich geprägten kirchlichen Hierarchie arbeiteten und zusammenlebten. Das soziale Engagement dieser Frauen um die Benachteiligten in der Gesellschaft ist beeindruckend, doch beim genaueren Betrachten irritiert die Einstellung dieser Frauen zur jüdischen Gemeinschaft. So wurde die Katharinenkapelle am Ende der Judengasse gebaut - just während der ersten großen Pestepidemie.

 

Die Pest, das war für die Menschen im Mittelalter klar, wurde von den Juden verursacht. Sie waren schuld an diesem Leid, und so begannen die ersten Judenpogrome in Südwestdeutschland. Menschen, deren Vorfahren seit Generationen in Landau, Speyer oder Worms gelebt hatten, mussten ihre Wohnungen und ihre Ortschaften verlassen. Sie wurden vertrieben, verfolgt, ihr Hab und Gut wurde ihnen genommen. In der Katharinenkapelle spiegelt sich dieser Hass auf die Juden in den Seccomalereien im Chorraum der Kirche wider:

 

Die Bilder zeigen die Passion Jesu. Er wird gegeißelt, mit Dornen gekrönt und ans Kreuz genagelt. Es sind Juden, die dies tun. Die Schergen, die Jesus martern, tragen die charakteristischen Judenhüte, die die Juden des Mittelalters trugen, denn auch vor der Pest und dem Pogrom waren Juden nicht vollgültige Mitglieder der städtischen Gesellschaft, sondern sie waren Außenseiter – erkennbar durch ihre Kleidung.

Die Seccomalereien geben Zeugnis von dem Antijudaismus des Mittelalters, sie erinnern und gemahnen uns an dieses düstere Kapitel deutscher Geschichte. Die Vernichtung des europäischen Judentums ist nicht nur die Tat des Nationalsozialismus, sondern wurzelt in der über tausendjährigen christlich-jüdischen Geschichte. Bilder dieser Seccomalereien finden sich in der Ständigen Ausstellung zur Erinnerung an die Vernichtung der europäischen Juden in Berlin-Wannsee und im Anne-Frank-Haus in Amsterdam; denn im weiteren Lauf der Landauer Geschichte wurde die Katharinenkapelle Teil des jüdischen Stadtteils. Die jüdische Gemeinde dehnte sich zu Beginn der Neuzeit weiter aus. Die beiden jüdischen Kaufmannsfamilien Loeb und Frank bauten gleich gegenüber der Katharinenkapelle ein großes Handelshaus mit einer Schenke für die Fuhrleute, die heutige Gaststätte „Zur Blum“. Hier lebte also die Familie Frank und damit der Urgroßvater von Anne Frank, die durch ihr Tagebuch weltbekannt wurde, aber dennoch der Tötung nicht hatte entgehen können. Dieses Haus der Kaufmannsfamilien Loeb und Frank wurde 1942 zum Sammelort der jüdischen Familien, bevor sie in das Lager nach Gurs transportiert wurden. Sie wurden aus ihren Wohnungen in den Innenhof dieses Hauses zusammengetrieben, nächtigten hier, bevor sie dann zum Bahnhof zogen und von dort in das Lager.

 

Dieses Haus verfiel nach dem 2. Weltkrieg, lange Zeit herrschte Schweigen in der Stadt, wenn die Frage nach dem Schicksal der Landauer Juden gestellt wurde. Viele Landauer – auch Alt-Katholiken – hatten von der „Arisierung“ jüdischen Eigentums nach der Reichspogromnacht und nach dem Abtransport der Juden profitiert. Als der Abriss des Hauses geplant wurde, regte sich erster Widerstand – und einer Bürgerinitiative gelang es, Gelder zu sammeln und das Haus wieder aufzubauen. Das heutige Frank-Loebsche-Haus erinnert mit einem kleinen Museum an die Geschichte der Landauer Juden und in einem besonderen Teil auch an die Geschichte der Landauer Sinti und Roma. Es ist gemeinsam mit dem Alten Kaufhaus und der Katharinenkapelle Teil des Landauer Kulturdreiecks, gemeinsam mahnen und erinnern sie uns Nachgeborene an die tiefen Wurzeln des Antijudaismus in Deutschland.

 

Bernhard Scholten