Unsere älteren Geschwister: die Juden

Konflikte in der Geschichte - Versöhnung und Verständigung heute

 

I. Gegensätze und Verurteilungen im ersten Jahrhundert

Die Geschichte des Verhältnisses zwischen Juden und Christen kann man über weite Strecken nicht anders als eine unheilvolle bezeichnen. Betroffen macht vor allem, dass es schon in den ersten Jahrzehnten nach Christi Tod zu Spannungen kam zwischen dem Teil der Juden, der an Beschneidung und Thora festhielt, und dem anderen Teil, der in  Jesus den Messias und Sohn Gottes erblickte. Denn es ging um die entscheidende Frage: Wer ist das wahre Israel? Ist es das Judentum, das durch den Abrahambund gestiftet und durch die Gesetzgebung am Sinai öffentlich konstituiert wurde, oder verwirklicht es sich in dem neuen Bund, der durch die Erlösungstat Christi am Kreuz an die Stelle des alten getreten ist.

 

Dieser Gegensatz findet seine wohl schärfste Ausprägung in der Kontroverse Jesu mit den Juden im 8. Kapitel des Johannes-Evangeliums. In ihr geht es dem Verfasser des vierten Evangeliums um die Frage: Woher kommen die Juden eigentlich, und – damit verbunden – bestimmt das Woher nicht auch ihre Taten? Die Juden sagen zu Jesus: „Unser Vater ist Abraham.“ Jesus aber schleudert ihnen den harten Satz entgegen: „Ihr habt den Teufel zum Vater, und ihr wollt das tun, wonach es euren Vater verlangt. Er war ein Mörder von Anfang an.“ (8,39.44) Hinter dieser Anschuldigung, die einen heutigen Leser natürlich betroffen machen muss, verbirgt sich der Hinweis darauf, dass die Verantwortlichen des jüdischen Volkes schon längst die Absicht hatten, Jesus töten zu wollen.

 

Das Johannes-Evangelium ist zwischen 90 und 100 n. Chr. geschrieben und spiegelt eine Situation wider, in der die Trennung zwischen Juden- und Christentum praktisch vollzogen ist. Die Juden hatten in ihrem täglichen Achtzehn-Bitt-Gebet eine Verfluchung der Christen eingeführt: „Alle Ruchlosen (damit waren die Christen gemeint) mögen in einem Augenblick untergehen, alle mögen sie rasch ausgerottet werden. Die Trotzigen schnell entwurzle, zerschmettere, wirf nieder und demütige sie schnell in unseren Tagen.“ Auf der anderen Seite hatte  der Apostel Paulus bereits in seinem frühesten Brief, dem ersten Brief an die Thessalonicher (geschrieben um 50 n. Chr.), die Juden als Feinde Gottes und der Menschen und als Widersacher der frohen Botschaft charakterisiert. Deshalb spricht er eine Verfluchung aus: „Sie (die Juden) missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen; sie hindern uns daran, den Heiden das Evangelium zu verkünden und ihnen so das Heil zu bringen. Dadurch machen sie das Maß ihrer Sünden voll. Aber der ganze Zorn (Gottes) ist schon über sie gekommen“ (1 Thessalonicher 2,15-16). Mit anderen Worten, die ungläubigen Juden sind rettungslos verloren, sie sind bereits dem Strafgericht Gottes verfallen.

Beide Seiten standen sich also in nichts nach und waren nicht zimperlich in der Beurteilung oder Verurteilung des Gegners. Denn alles stand hier auf dem Spiel: die Kindschaft Abrahams, der Bund, die heiligen Schriften, letztlich die Zugehörigkeit zum wahren Israel. Für die Juden war diese durch Geburt quasi garantiert. Für die Christen aber war sie durch deren Weigerung, Jesus als Messias anzuerkennen, aufgehoben. Das wird an verschiedenen Stellen in den Evangelien deutlich, zum Beispiel im Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl (Matthäus 22,1-14) und dem Gleichnis von den bösen Winzern (vgl. Markus 12,1-12; Matthäus 21,33-46; Lukas 20,9-19). In all diesen Texten wird ein tief greifender Paradigmenwechsel deutlich: An die Stelle der Juden als den zuerst von Gott Angesprochenen sind andere, nämlich die Heiden getreten, oder noch schärfer formuliert: Die christliche Kirche ist das wahre Israel.

 

Aber neben diesen judenkritischen Äußerungen finden wir im Neuen Testament eine erstaunliche Vision, die die Rettung ganz Israels verheißt. Es ist ausgerechnet Paulus, von dem wir bereits die Verfluchungsworte gehört haben, der jedoch im Römerbrief, dem letzten Schreiben an eine Gemeinde (geschrieben 55/56 n. Chr.), ein völlig anderes Bild vom Weg Gottes mit seinem Volk zeichnet. In den berühmten Kapiteln 9 - 11 erläutert er mit Hilfe des Gleichnisses vom Ölbaum, dass die Auserwählung Israels durch Gott bis in alle Zeiten fortbesteht. Denn die Wurzel des Baumes, gebildet durch Abraham, Isaak und Jakob, ist heilig, weshalb auch die Zweige heilig sind (vgl. Römer 11,16ff). Aber wie ein Gärtner zu bestimmten Zeiten einige Zweige aus dem Baum herausschneidet und andere einpfropft, so hat auch Gott die Juden wegen ihres Unglaubens eine Zeit lang verworfen, dafür die Heiden aber dem Ölbaum hinzugefügt, um am Ende alle, Heiden und Juden, an dem einen Baum wachsen und erblühen zu lassen.

 

Mit den Kapiteln 9 - 11 des Römerbriefes hat der Apostel Paulus seinen Mitchristen bis heute ein Dokument hinterlassen, das bis in die letzte Zeile davon ausgeht, dass die Erwählung Israels niemals erlöschen wird. Allerdings hat diese bedeutende Aussage das theologische Denken kaum beeinflusst oder das politische Handeln der christlichen Kirche beeindruckt. In der offiziellen kirchlichen Theologie hatten sich eine total negative Bewertung Israels und eine Verachtung der Juden durchgesetzt. Erst das Zweite Vatikanische Konzil wird wieder zum Paulus des Römerbriefes zurückkehren, wenn es die entscheidenden Texte der Kapitel 9 – 11, vor allem das Bild von der gemeinsamen Wurzel, ausdrücklich zitiert (Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, Nr. 4).


II. Versöhnung und Verständigung heute

 

Oremus pro perfidis Judaeis“ – „Wir beten für die treulosen Juden“! Noch lange beteten katholische Christen auch nach dem Zweiten Weltkrieg und nach dem Holocaust am Karfreitag für die Bekehrung der Juden. Sie beteten es so lange, wie Papst Pius XII. lebte und regierte. 1958 starb er und Papst Johannes XXIII. trat seine Nachfolge an. Das kirchliche Klima veränderte sich und ermöglichte auch eine neue Standortbestimmung im Verhältnis zu den Juden. Ein Jahr nach Amtsantritt schaffte der neue Papst die Karfreitagsfürbitte ab und ersetzte sie durch eine Form, die die Juden nicht mehr verletzen konnte. Am 25. Januar 1959 gab der Papst seine Absicht bekannt, ein Konzil für die Weltkirche einzuberufen. Er beauftragte Kardinal Bea, ein Schema über die Juden vorzubereiten, um dem in der Kirche tief verwurzelten Antisemitismus ein Ende zu setzen und das Verhältnis zwischen Juden und Christen auf eine neue Basis zu stellen. Diese Judenerklärung sollte allerdings zum größten Streitobjekt im Vorfeld des Konzils werden. Konservative Amtsträger der Kurie und Diplomaten arabischer Staaten verbündeten sich im gemeinsamen Kampf gegen Kardinal Bea und die Herausgabe des Judenschemas.

Das Dokument kam nicht wie von Kardinal Bea gewünscht in das Schema über den Ökumenismus, sondern wurde in mehrfach ausgedünnter Form als vierter Artikel in die „Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen – Nostra Aetate“ eingefügt. Am 28. Oktober 1965 wurde die endgültige Fassung von einer großen Mehrheit der Konzilsväter angenommen (2.221 Ja- gegen 88 Nein-Stimmen) und feierlich verkündet. Auch in seiner jetzigen, sehr knappen Form ist der Konzilstext ein bedeutendes Dokument und markiert einen historischen Neuanfang in den Beziehungen zwischen Christen und Juden. Zum ersten Mal räumt ein kirchlicher Text mit dem verhängnisvollen Vorwurf der „Kollektivschuld“ auf:

 

„Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen. Gewiss ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern.“

 

Richtungsweisend sind weiterhin die Aussagen über die enge Verwandtschaft zwischen Judentum und Christentum sowie über das Erbe, das Juden und Christen gemeinsam ist. Der christliche Glaube wurzelt im Mutterboden der Patriarchen, des Mose und der Propheten. Mit einem Pauluswort aus dem Römerbrief spricht der Text das fundamentale Bekenntnis aus, dass Gottes Liebe, seine Gnadengaben und seine Berufung den Juden „unwiderruflich“ gelten:

 

„Die Kirche kann nicht vergessen, dass sie durch jenes Volk, mit dem Gott aus unsagbarem Erbarmen den Alten Bund geschlossen hat, die Offenbarung des Alten Testamentes empfing und genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaums, in dem die Heiden als wilde Schösslinge eingepfropft sind“.

Deshalb fordert die Erklärung dazu auf, in der Verkündigung und in der Katechese nichts zu lehren, was dem Evangelium und dem Geiste Jesu widerspricht. Die Kirche – so heißt es abschließend – beklage „alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemandem gegen die Juden gerichtet haben.“

 

In den siebziger und achtziger Jahren wurden von katholischer und evangelischer Kirche zahlreiche Verlautbarungen mit tief gehenden theologischen Reflexionen und konkreten Anregungen für einen positiven christlich-jüdischen Dialog herausgegeben. Ein weiterer Fortschritt besteht darin, dass heute nicht mehr nur in Papieren über das Judentum, sondern in zahlreichen Gremien mit den Juden gesprochen wird. In der „Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit“ finden sich Juden und Christen zu gemeinsamen Gesprächen zusammen. Das Leitungsgremium bildet der „Deutsche Koordinierungsrat“ (DKR)aus Rabbinen und evangelischen und katholischen Bischöfen, der die einmal im Jahr stattfindende „Woche der Brüderlichkeit“ in der Bundesrepublik ausrichtet.

 

Trotz wachsender Nähe ist die zarte Pflanze der christlich-jüdischen Beziehungen immer wieder bedroht durch mancherlei Irritationen. Unkluge kirchenpolitische Entscheidungen haben in den letzten Jahren wieder zu Belastungen und zur zeitweiligen Entfremdung geführt. Dazu gehören die Neuauflage der alten Form der Karfreitagsfürbitte durch Papst Benedikt XVI. und die Aufhebung der Exkommunikation der vier Bischöfe der traditionalistischen Lefèbvre-Kirche (Priesterbruderschaft St. Pius X.). Zu ihren theologischen Standards gehört, dass die Juden Gottesmörder seien und ihre Erlösung nur durch Bekehrung zum Christentum erlangen können.

 

Konflikte in der Geschichte, Versöhnung und Verständigung heute, so lautet unser Thema. Wir haben zurückgeschaut auf die Anfänge der Konflikte, auf den Beginn der Trennung und müssen – wenn wir realistisch sind – erkennen, dass die theologischen Differenzen auf Grund der unterschiedlichen Einstellung zur Person und Bedeutung Jesu Christi eine erhebliche Tiefendimension erreichen. Aber sie gehen nicht bis an die Wurzel. Diese ist uns, Juden wie Christen, gemeinsam. Wegen der gemeinsamen Wurzel können wir miteinander sprechen, in den genannten Gruppen zusammen arbeiten, Freundschaften schließen und vor allem: gemeinsam an der Welt arbeiten, dass sie mehr und mehr zur Welt Gottes und damit zu einer menschenwürdigen und friedlichen Welt wird.

 

Hans-Jürgen van der Minde