Die neue Zurück-zur-Natur-Begeisterung

Oder: Wie werden unsere Kirchen voller?

 

Wie Pilze schießen sie aus dem Boden: Outdoor-Urlaube, Steinzeitcamps, Schwitzhütten-Zeremonien, Wildnisküche, Waldklassenzimmer oder Überlebenstrainings. Weg von reklamebunter Städte Mauern in das provinzielle Hinterland – etwa in den Buchenwald neben dem Rapsacker? Als Einstieg durchaus geeignet! Kurz bevor der deutsche Wald neben Romantik, Sauerstofferzeugung und holzwirtschaftlicher Planung gar keine Bedeutung mehr für den Stadtmenschen hat, wird ihm Nacht und Tag mit Stirnlampen-Joggen, Baumwipfel-Parcours und Geocaching zu Leibe gerückt. Neben Beschaulicherem wie Lehmofenbau und Wildgemüse-Kochen.

 

Doch suchen diejenigen, die ohne sportliche Ambitionen in die Natur wollen und geduldig mittels Drehholz Feuer entzünden, dasselbe wie der windschlüpfrig gekleidete Trailrunnig-Sportler und seine Schnellschnür-System-Schuhe?

Die Natur an sich ranzulassen wird in beiden Fällen zum Ereignis. Am Besten bei Kälte oder mit diversen Insekten spüren, wie es ist, mit weniger Sauberkeit zurechtzukommen beim Übernachten im Freien. Komforteinbußen regen neue Gedankengänge an. Könnte man sogar etwas Neues spüren? Woher kommt die Dankbarkeit, wenn plötzlich essbare Beeren gefunden werden oder die erste Marathon-Distanz geschafft wurde? Ist das etwa Glück, gerade jetzt ein Tier beobachten zu können? Was empfinde ich beim Lauschen auf nicht menschengemachte Geräusche wie Bachplätschern oder Windböen? Gott kommt dabei vielleicht auch irgendwo vor.

 

Ab und zu entrückt zu sein, Abstand vom Alltag zu gewinnen. Raus aus der Stadt! Gemach, erstmal geht es nicht ohne City: Wer nicht bei Ötzi24.de bestellen will, muss in das städtische Outdoorgeschäft, einen in China genähten Schlafsack kaufen, um danach inmitten von Felsen hinter unwegsamen Bergdörfern unterwegs zu sein und Instant-Suppe mit optimiertem Packmaß mittels gaskartuschenerhitzten Wassers zu konsumieren. Kleine Zugeständnisse an den Körper.

Aber die Grenzen können erweitert werden. Beim Schamanentrommelbau oder dem Steinzeit-Camp mit Paleo-Food wird direkter das Spirituelle berührt. Außerhalb von Kirchenmauern und Gemeindesälen lebt eine Glaubenssuche auf, die enorme Wirtschaftskraft entwickelt. Die Abenteuer-Camps sind nie umsonst zu haben; man kann sich für 380 Euro am Tag in einer Schwitzhütte heißen Steinen hingeben oder woanders Bewusstseinserweiterung für 110 Euro pro 24 Stunden kaufen. Also sich aufmachen, einer Gruppe anschließen und sich auf das einlassen können, was da passiert. Das kann in anderer Weise auch bei den Trapper- und Indianerfreunden e.V. ohne kommerzielle Kalkulation stattfinden.

 

Im Verlauf der Zeiten werden manche von Teilnehmenden zu Führenden, belegen gegen Bezahlung Kurse in Schluchtenführung, geistiger Aurachirurgie oder auch Waldpädagogik, um ihre Erfahrungen weitergeben zu können. Auch hier tragen die verschiedenen „Glaubensrichtungen” Sorge, nicht in einen Topf geworfen zu werden. Doch ob mit Esoterik oder ohne – sie haben einen starken Partner: die mitteleuropäische Rest-Wildnis, die man sehen, hören und fühlen kann. Und die Dynamik einer Gruppe, denn so ganz alleine machen sich die wenigstens auf ins Entrückt-Sein. Doch die Grenzen können nochmals erweitert werden. Wenn Menschen sich mit Weltwärts-Gedanken über die Engagement-Landkarte hermachen, um von ihrem Reichtum abzugeben und ihre Talente und Arbeitskraft in den Dienst einer guten Sache zu stellen, kommt Gott wieder ins Spiel. Das sind nicht nur Tausende junger Menschen, schon längst gibt es auch Senioren-Experten-Services. Man könnte also auch im Gottesdienst mal davon hören.

 

Constanze Spranger