Nur drei Stunden...

Besucherdienst in der Bonner Namen-Jesu-Kirche

 

Jeden Tag außer Montag ist die Namen-Jesu-Kirche in der Bonngasse für Besucher von 11.30 bis 14.30 Uhr, am Sonntag von 13 bis 15 Uhr geöffnet. Heute habe ich Besucher-Dienst mit Gaby. Spätestens um 10.45 Uhr muss ich zum Bus, um rechtzeitig in der Kirche zu sein. Gaby holt heute den Kirchenschlüssel; ich treffe sie vor der Kirche.

 

Lüften und Jubilate Deo

 

Die Luft in der Kirche ist muffig, schwül, stickig. Deshalb machen wir als Erstes mal Querdurchzug, dann folgt der rituelle Rundgang: Kerzenständer parat machen, Blumenkontrolle (welke Blüten und Blätter weg, Wasser erneuern), Eichentüren wieder schließen, Namensschilder an die Brust, Blick und Eintrag ins dicke Buch, Zähler in die Jackentasche. Überwältigend schön fällt das Sonnenlicht in den Chorraum; wir haben noch vier Minuten. Spontan stellen wir uns vor den Altar und singen: „Jubilate Deo!“ Es ist schön, mit Gaby zu singen, wir singen auch im Chor zusammen. Die Uhr zeigt jetzt halb zwölf: Türen aufschließen, die großen Ständer vor die Kirche schleppen. Die ersten Besucher drängen schon in die Kirche.

 

Glockengeläut und Mittagsgebet

 

Bis zwölf Uhr haben wir schon fast 80 Besucher gezählt. Heute spricht Gaby das Mittagsgebet. Dazu zünden wir die dicke Gebetskerze auf dem Altar an und laden alle Besucher ein, mit uns das Vaterunser zu sprechen und Gottes Segen für uns und unseren Nächsten zu erbitten. Einige Besucher verlassen hier die Kirche, andere beten gerne mit uns und bedanken sich auch für das Angebot des Mittagsgebetes.

 

Kunst und Kathedra

 

Inzwischen sind neben Einzelbesuchern zahlreiche Touristengruppen durch die Kirche gegangen. Wir beantworten Fragen zu den Sedilien und zu den Prinzipalien aus der dicken Eiche, deren Geschichte sich herumgesprochen hat und immer neue Besucher aus der Region anzieht. Ehrfürchtig werden die Risse, Färbungen des Eichenholzes bestaunt, der mächtige Querriss im Altar, der innen geschwärzte Ambo, die markanten Zacken, die ungewöhnliche Kathedra. Kinder finden die Holzwurmlöcher und die Blitzspuren besonders interessant.

 

Eine junge Familie steuert zielgerichtet den Altar aus der dicken Eiche an: Vater mit Kinderwagen, Mutter mit lebhaftem Kleinkind an der Hand. Der Mann will alles genau begreifen. Er spannt seine Arme quer über den Altar, umfasst fest die gegen-überliegende Altarkante, dann versenkt er eine Hand ganz im Altarkreuz. Der Kinderwagen parkt neben dem Altar. Ich mache mich auf den Weg. Bevor ich den Altar erreicht habe, hat dieser Mann die Kredenz im Griff, rüttelt den schweren Eichenblock, prüft ihn auf Standfestigkeit. Das Kleinkind ist inzwischen auf die Kathedra geklettert, trommelt mit den Füßen gegen das Holz des Sitzes. (Ganz ruhig bleiben!) Ich spreche die Eltern an, bitte das Kind, die Kathedra des Bischofs zu verlassen, erkläre Funktion und Bedeutung der „Kirchenmöbel“. „Wir dachten, das wäre Kunst, diese Höckerchen und Holzblöcke!“ Die Mutter versucht, ihr Verhalten zu erklären. Sie ist offensichtlich unsicher, braucht Hilfestellung, bedankt sich später für die Erklärungen.

 

Fragen, Infos und Kerzengeld

 

„Sind Sie alt-katholisch, können Sie mir den Unterschied zu katholisch erklären? Kann man sich hier beerdigen lassen? Jeder? Wo? Kann man da reingehen? Wie verläuft so eine Beerdigung? Haben Sie hier kein Kruzifix? Wo ist hier das Weihwasser?“ Gaby und ich sind an diesem Mittag gut beschäftigt: Fragen richtig stellen, Fragen beantworten, Info-Material verteilen, Namenstafeln der Verstorbenen am Pfeiler zeigen, das unscheinbare, versteckte Weihwasserbecken zeigen, die sieben „Sandkästen“ im Auge behalten, Kerzenstummel entfernen, zu dicht stehende Kerzen separieren, die Besucher im Blick haben. Ein „Stammkunde“ von speziellem Äußeren geht stracks auf den Hauptaltar los. Gaby ist schneller. Das Körbchen mit dem Kerzengeld hat sie rasch entleert. Das zweite Körbchen gleich am Eingang habe ich entleert, denn die „ Stammkunden“ waren zu Zweit gekommen. Auch das gibt es in der Namen-Jesu-Kirche. Das freundliche Lächeln von Frau B. entspannt uns. Frau B. kommt oft, besucht ihren Mann, stellt frische Blumen vor seine Namenstafel, wechselt mit uns ein paar Worte. Wir füllen Prospekte nach, teilen Veranstaltungspläne aus und fühlen nach spätestens zwei Stunden auf Steinboden schmerzlich unsere alten Knochen. Mit Pause machen wechseln wir uns ab: Kurz sitzen, einen Schluck trinken, einen Bissen essen, zurück in den Kirchenraum.

 

Gott und die Welt, Blau und Gold

 

Die meist gestellte Frage ist sicherlich: “Warum ist hier alles in Blau und Gold?“ Aber auch Fragen nach der alt-katholischen Kirche und nach unserer Liturgie werden oft an uns gerichtet. „Hier hatten wir unsere Schulmessen“ - aha, er war auf dem Beethoven-Gymnasium. „Inzwischen bin ich ausgetreten; wann werden hier Messen gefeiert?“ Aus solchen Äußerungen entwickeln sich interessante Gespräche über Gott und die Welt. Man erhält Einblicke in Lebensläufe. Manchmal ist hier auch das Ende einer Suche und der Neuanfang in unserer Kirche, und es ergibt sich die Gelegenheit, auf andere Gemeinden unseres Bistums zu verweisen.

 

Um halb drei beginnt unser Schlussprogramm: Ständer wieder reinholen, Außentür abschließen, die letzten Besucher herauslassen, Kerzen löschen, „Sandkästen“ säubern, Kerzengeld einsammeln, blaue Decken auf den Bänken glatt streichen und wieder gerade legen, Zähler ablesen, Eintrag ins dicke Buch, Hände waschen, Namensschild zurück in den Schrank, alle Türen abschließen, Schlüssel zurückbringen. Eigentlich wollten wir noch mal singen, dazu waren wir aber zu müde, haben es vergessen.

Inzwischen ist es 15 Uhr geworden. Ein Mittwoch im August: 487 Besucher, viele schöne Erlebnisse und Gespräche. Nicht nur drei Stunden.

 

Brigitte Dickten-Struck