Was ist ein Ideal wert?

„Der arme Poet“ von Carl Spitzweg in einer Betrachtung

 

Das Bildnis „Der arme Poet“ des Malers und Dichters Carl Spitzweg (eigentlich Franz Carl Spitzweg) ist eine seiner beliebtesten und bekanntesten Darstellungen. Spitzweg (1808-1885), Autodidakt und eigentlich Apotheker aus nicht armen elterlichen Verhältnissen, hatte schon 1823 als Zeichner früh Talent erkennen lassen, sich aber erst nach einem Kuraufenthalt wegen Roter Ruhr, nämlich 1833, nur noch der Malerei gewidmet. Er war durch ein Erbe finanziell unabhängig.

 

Als seine Spezialität entwickelte er die so genannten Pointenbilder, kleinformatige witzig-ironische Darstellungen von charakteristisch treffenden Szenen seiner Zeit. Dazu zählt auch „Der arme Poet“. Es ist die Darstellung eines Dichters, der im Schlafrock und mit Schlafmütze in seiner Dachstube auf einem Matratzenlager aus weißen Kissen und Decken liegt, über sich aufgespannt einen kaputten schwarzen Regenschirm, wohl um sich vor dem undichten Dach zu schützen. Umgeben ist sein Bett von auf dem Boden lagernden Büchern, darunter eines, das im Titel identifiziert wird als „Gradus ad Parnassum“ (Weg zum Parnass, dem Musenberg oder Reich der Dichtkunst).

 

Offensichtlich dienen Manuskript-blätter, die aus dem Ofen schauen, als Heizmaterial. Außer einer Schüssel auf dem Ofen und einer Leine quer durchs Zimmer, auf der ein Tuch trocknet, ist nur noch die an einem Nagel aufgehängte Garderobe des Poeten zu sehen. Die einzige Bewegung im Bild findet sich in der Handhaltung des Poeten, der zwei Finger zusammenlegt. Dies wird oftmals als Deklamieren gedeutet, aber wegen des Schreib-Federkiels, quer im Mund, zeigt es wohl doch eher das Zerquetschen eines Flohs.

 

Nun sind Spitzwegs Pointenbilder später oft zur Idylle der Biedermeierzeit verklärt worden. Seine Zeitgenossen haben aber angeblich den „armen Poeten“ sehr wohl als Satire verstanden und abgelehnt. Spitzweg seziert hier die brotlose Kunst als Idealismus, der weltfremd wird, wenn gleichzeitig die geschaffenen Manuskripte aus Mangel an Holz verheizt werden müssen. Er verspottet jene Dichter, die sich krampfhaft am Leitfaden (wie dem „Gradus ad Parnassus“) festhalten, obwohl der Gipfel der Dichtkunst das materielle Überleben nicht zu sichern vermag.

 

Weshalb das zeitgenössische Publikum diese ironisierende Darstellung ablehnte, mag daraus zu erklären sein, dass zu jener Zeit der neu entstehenden Kunst und Kultur des Bürgertums solche Dichter beliebt waren, die sich dem Ideal der Kunst widmeten und darüber hinaus keine Ansprüche stellten. Es zeigt sich darin eine Verklärung des Ideals.

 

So wird auch in der Biedermeierzeit das christliche Armutsideal noch großen Wert gehabt haben. Aber Spitzweg ironisiert auf weltlicher Ebene einen fehlgeleiteten Glauben des Künstlers an sich selbst, der jeden Blick dafür verliert, dass er sich sein eigenes Unglück schafft und daran fest hält. Warum das 38 x 45 cm kleine Öl-auf-Leinwand-Bildnis (ausgestellt in der Neuen Pinakothek in München und eine Schenkung des Neffen Spitzwegs) heute zu den beliebtesten zählt, lässt sich mit der Romantisierung erklären, die das Flair verschlafener verwinkelter Städtchen aus Spitzwegs Darstellungen vermittelt. Das Motiv ist auf einer deutschen Sonderbriefmarke und einer 10-Euro-Silbergedenkmünze zum 200. Geburtstag des Malers 2008 wiedergegeben. 1935 wurde Knipp, der arme Poet, verewigt als Schauspielfigur in „Das kleine Hofkonzert“, einem musikalischen Lustspiel in drei Akten mit Musik von Edmund Nick. Darin wird der ehrbare Poet, der sich nicht bestechen lässt, der nach ihrem Vater suchenden Christine den Vater zu mimen, in den Adelstand erhoben. Ein Jahr später verfilmte erstmals die Ufa „Das kleine Hofkonzert“, später noch andere. Spitzweg selbst führte im Kulturbetrieb des 19. Jahrhunderts eine Außenseiterposition, konnte aber zwei erste Bilder 1837 verkaufen und zu Lebzeiten etwa 400, vor allem an die Bürgerschaft. Er dichtete zu einigen seiner Bilder humorvolle Verse. So hat er sich vielleicht auch selbst die Frage gestellt, ob er seine Kunst um jeden Preis ausführen würde. Aber vermutlich schuf er, weil er es sich leisten konnte.

 

Francine Schwertfeger