Vom Erntedanktag zum Erntegedenktag

 

Die Ernte des Jahres 2013 ist nahezu eingefahren. Insgesamt bezeichnen Agrarfachleute die deutschlandweiten Ergebnisse der Getreideernte als zufriedenstellend, nachdem Kälte, Regen, großflächige Überschwemmungen in der ersten Jahreshälfte gar nichts Gutes hatten erwarten lassen. Mecklenburg-Vorpommern spricht sogar von einer Rekordernte bei Getreide und Raps. Auch weltweit und in der EU wird mit einer Rekord-Getreideernte gerechnet, was die Preise stabil hält.

 

Die Kartoffelernte hingegen wird die Vorjahresergebnisse deutlich unterschreiten, ebenso die Apfelernte; sie ist wetterbedingt um ein Drittel geringer ausgefallen als im Vorjahr. Bei Birnen, Pflaumen und Kirschen erwartet der Deutsche Bauernverband sogar bessere Ergebnisse als im Jahr 2012. Auch wenn es bei einzelnen Sparten der Landwirtschaft und des Obst- und Gemüseanbaus Einbußen gab, droht kein Mangel; vielleicht werden die Preise für manche Produkte steigen. Betrachtet man die riesigen Mengen, die da an Getreide, Obst und Gemüse geerntet werden, darf man dennoch gewiss von Überfluss reden.

 

Grund zur Dankbarkeit…

 

Es gibt also allen Grund dankbar zu sein, dass die Grundlagen unseres leiblichen Daseins, unserer Lebens-Mittel, ein weiteres Jahr gesichert sein werden. Christen, aber nicht nur sie, drücken seit jeher ihren Dank an den Schöpfer für eine gute Ernte und ihre Freude darüber in einem eigenen Fest aus. In der römischen Kirche ist ein Erntedankfest seit dem dritten Jahrhundert bekannt. Obwohl in unseren Breiten Aussaat, Fruchtpflege und Ernte weithin agrarindustrielle Prozesse geworden sind, werden am Erntedankfest die Altäre in unseren Kirchen bis heute wie zu den Zeiten, als die Menschen Getreide, Gemüse, Obst und Beeren noch selber aufzogen und ernteten, mit den „Früchten der Erde“ geschmückt.  Das ist gut so, denn es soll ja nicht so weit kommen, dass wir am Ende Grundnahrungsmittel nur noch in verarbeiteter Form vor uns haben; manche Kinder  wissen schon nicht mehr, woraus Brot entsteht. Andererseits finden wir auf den Erntealtären auch Brotlaibe, Marmelade, Butter; Produkte menschlicher Arbeit eben. Beides gehört zusammen, wie wir es ja auch bei der Bereitung der Gaben zur Eucharistiefeier liturgisch sagen.

 

… aber nicht zur (Selbst-) Zufriedenheit

 

Von den derzeit über 7 Milliarden Menschen hungern nach Schätzungen des UN-Welternährungsprogramms 870 Millionen, über 90 Prozent davon in Entwicklungsländern. Dabei ist Hunger nicht zuerst auf Missernten oder fehlende Nahrungsmittel zurückzuführen, wie die Sachverständigengruppe „Weltwirtschaft und Sozialethik“ bei der Katholischen Deutschen Bischofskonferenz im Juli 2012 betonte, sondern ist „eine Folge verschiedener, sich wechselseitig verstärkender politischer und ökonomischer Fehlentwicklungen sowohl in den einzelnen Ländern selbst wie auch auf internationaler Ebene“. Aber auch in Deutschland wird eine halbe Million Kinder regelmäßig nicht ausreichend ernährt, alarmierte der Verband der Kinder- und Jugendärzte schon 2011; teils, weil die Familien nicht mit ihren Einkünften auskommen, teils weil sie nicht um die vernünftige Ernährung der Kinder kümmern.

 

Es gibt also am Erntedankfest keinen Grund, sich dankbar und (selbst-)zufrieden zurückzulehnen, solange Menschen chronisch hungern oder sich dauerhaft nicht ausgewogen ernähren können. Es wäre geradezu zynisch, Gott für unsere guten Ernten zu danken, wenn wir diese Zusammenhänge nicht in den Blick nähmen. Der Auftrag Jesu an seine Jünger „Gebt ihr ihnen zu essen!“ (Mt 14,13-21) kommt einem in den Sinn. Diese Wundererzählung beflügelt immer wieder die gläubige Fantasie, wie das denn zugegangen sei, dass fünf Brote und zwei Fische für Tausende satt ausreichten.

 

„Gebt ihr ihnen zu essen…“

 

Doch jenseits aller exegetisch-theologischen Deutungen: für uns heutige Anhänger Jesu, die wir die Strukturen und Zusammenhänge der globalen Ernährungsverhältnisse kennen (können), hieße der Appell Jesu vielleicht, unseren eigenen Lebensstil, konkreter: unseren Umgang mit Lebensmitteln, zu bedenken und, wo nötig, zu verändern. Die schon erwähnte Sachverständigengruppe listete 2012 sechs Problemfelder auf, welche die Lage der Hungernden „noch verwundbarer machen und ihre Handlungsspielräume erheblich beschneiden“:

 

Die derzeitige industrialisierte und kapitalintensive Produktion von Nahrungsmitteln (Pflanzen, Fleisch, Fisch) steigert zwar kurzfristig die Erträge, hat aber unübersehbare negative Folgen für Böden, Biodiversität, Wasser und Klima.  Die Energiegewinnung aus nachwachsenden Rohstoffen, die in den letzten Jahren durch eine höchst fragwürdige staatliche Förderungspolitik auch in der EU („Beimischungsquote für Benzin – E 10“) deutlich ausgebaut wurde.

 

Die wachsende Nachfrage nach Nahrung, Futtermitteln und Agrartreibstoffen verschärft weltweit den Wettlauf um landwirtschaftliche Anbauflächen, die immer knapper werden.

 

Die steigenden Preise für landwirtschaftliche Anbauflächen und Nahrungsmittel führen auch dazu, dass auf internationalen Finanzmärkten verstärkt mit Agrargütern gehandelt wird. Denn dort winken lukrative Spekulationsgewinne.

 

Nach wie vor höchst problematisch sind die massiven Agrarsubventionen der EU und anderer Industrieländer. 

Hinzu kommt schließlich der Klimawandel, der aller Voraussicht nach die landwirtschaftlichen Anbaubedingungen ausgerechnet in den Regionen verschlechtern wird, in denen die Menschen bereits jetzt am stärksten von Hunger und Mangelernährung bedroht sind. Bereits jetzt nehmen in einzelnen Regionen Hitzewellen und Dürren zu, was die Ernteerträge senkt oder zu völligem Ernteausfall führt.

Bei genauem Hinsehen zeigt sich, dass alle diese Probleme wesentlich mit der Lebens- und Wirtschaftsweise der Menschen in den Industrie- und Schwellenländern zu tun haben. Alljährlich erinnert der Welternährungstag weltweit an eines dieser globalen Probleme der Nahrungsmittelerzeugung und -verteilung. 2013 steht der Welternährungstag unter dem Motto „Nachhaltige Ernährung durch naturverträgliche Landwirtschaft“ und nimmt so direkt Bezug auf mehrere der genannten Sachfragen.

 

Welternährungstage wurden von der FAO, der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft 1979 eingeführt. Diese wurde am 16. Oktober 1945 ins Leben gerufen und so wurde der Gründungstag zum alljährlichen Gedenktag bestimmt.

 

Veit Schäfer