Arme Familien und der Streit um Familienbilder

 

Viel Wirbel in der Öffentlichkeit hat die Orientierungshilfe des Rates der EKD „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit – Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ verursacht. Ein wesentliches Thema in ihr ist die Armut in vielen Familien. Bernhard Scholten aus Landau stellt die Orientierungshilfe und insbesondere diesen Akzent vor.

 

„Armut in Deutschland ist heute eine Armut von Familien, und zwar von Familien mit Kindern. Dieses Ergebnis der Armutsforschung muss in einem verhältnismäßig wohlhabenden Land wie Deutschland alarmieren, insbesondere dann, wenn Kinder zu haben und mehr als ein Kind zu haben ein „Armutsrisiko“ darstellt. Betroffen sind insbesondere Alleinerziehende, junge und kinderreiche Familien und Familien mit Migrationshintergrund.“ So beginnt auf S. 120 das Kapitel „Reichtum und Armut von Familien“ der öffentlich stark umstrittenen Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zum Thema „Autonomie und Angewiesenheit – Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“. In dem Kapitel wird im Detail ausgeführt, dass Armut jung, weiblich und alleinerziehend ist.

 

Armut bedeutet für Familien aber nicht nur, mit wenig Geld auskommen zu müssen, sondern „in armen Familien reduzieren sich auch die Bildungschancen der Kinder, die gesundheitliche Versorgung ist ungenügend, die sozialen Netze sind kleiner, die Angebote im Wohnquartier schlechter: Armut bedeutet geringere Teilhabe und geringere soziale Ressourcen. Insofern geht es bei der Armutsprävention nicht nur um Verteilungs-, sondern auch um Befähigungs- und Teilhabegerechtigkeit“ (119), so die Orientierungshilfe weiter.

 

Kinder, die in Armut leben, haben weniger Chancen, Freundschaften zu schließen, auf die sie sich verlassen können. Es ist eine Spirale nach unten: weniger Bildung bedeutet auch, die vorhandenen Chancen nicht zu sehen und damit auch nicht nutzen zu können. Arme Familien werden gesellschaftlich ausgegrenzt; doch damit verlieren sie noch weiter den sozialen Anschluss. So wird Armut „sozial vererbt“. Was die Eltern nicht können, das können sie auch ihren Kindern nicht mehr beibringen. Damit Kinder diesen Teufelskreis verlassen können, brauchen sie Unterstützung und Beistand von außen. Sie brauchen Erzieherinnen, Lehrerinnen, Spielkameraden, die ihr Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen stärken.

 

Die Orientierungshilfe des Rates der EKD wirbt bei ihren Gemeinden mit dem Hinweis auf Paulus‘ Kritik, „dass die Gemeinde Abendmahl feiere, ohne Frauen und Sklaven von Beginn an einzubeziehen“, darum, dass „Diakonie und Gemeinden … noch deutlich mehr auf diese Menschen zugehen müssen, wenn die benachteiligten und in Armut lebenden Familien und insbesondere ihre Kinder das Vertrauen in die Kirche nicht verlieren sollen“ (124). Kirche und ihre Gemeinden müssen die Wirklichkeiten, in denen Familien leben, wahrnehmen und ernst nehmen; dann können sie die Menschen auch erreichen.

 

Kehrt um, eines der zentralen Leitmotive unserer Frohen Botschaft, ist auch eine der Kernbotschaften dieser so umstrittenen Orientierungshilfe; doch diese Forderung richtet sich nicht (nur) an den einzelnen Menschen, sondern an die Kirche und ihre Gemeinden. Nehmt die Menschen mit ihren Sorgen und Nöten ernst, verurteilt nicht ihre Lebensweisen, sondern versucht zu verstehen, warum Menschen so leben, wie sie leben.

 

Diese Orientierungshilfe nimmt die Vielfalt und die Unterschiedlichkeit der Lebensentwürfe und Lebensformen der Menschen ernst. Sie beschreibt die zentralen Themen, die sich einer Familie stellen: Es beginnt bei der Frage, ob Familienmitglieder Zeit füreinander haben, wie sie ihren Alltag gestalten, miteinander feiern – Fröhliches und Trauriges, wie die Familie füreinander sorgt, wie sie ihr Geld verdient. Sie beschreibt die großen Aufgaben von Familie: für einander da zu sein, Kinder zu erziehen und zu bilden, für Ältere und Beeinträchtigte zu sorgen, sie zu pflegen. Sie verschweigt die Risiken und Abgründe mancher Familien nicht, in denen Gewalt und Missbrauch den familiären Alltag prägen. Sie fragt nach Familien in der Vielfalt der Kulturen und nach den Wünschen und Sorgen kulturgemischter und damit interreligiöser Familien.

 

Beim Lesen dieser Orientierungshilfe wird deutlich: Familie ist eine Gemeinschaft von Menschen, ein sinnstiftender Lebensraum und Ort verlässlicher Sorge für den Anderen. Die Überlegung des Schöpfergottes in der Genesis „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ ist das zentrale Argument dieser Schrift, die zu dem Ergebnis kommt: „Dass solche Angewiesenheit und wechselseitige Hilfe emotionale Bindung erzeugt und die Erfahrung von Geborgenheit und Heimat in sich birgt, ist eines der Geheimnisse von Familienleben und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Menschen wünschen sich Freiheit, aber sie suchen auch Zugehörigkeit“ (21).

Faktenreich und mit viel Einfühlungsvermögen werden die familiären Lebenswelten beschrieben, die sicherlich nicht immer einem mittelschichtsgeprägten Familienbild entsprechen. Das kann in dieser Vielfalt und Unterschiedlichkeit provozierend wirken, doch Jesus hat mit Zöllnern und Prostituierten gegessen, hat Ehebrecherinnen ihr Leben und ihren Lebensmut zurückgeben – nicht weil er die Ausbeutung anderer gut geheißen hätte, sondern weil er die Bereitschaft zur Umkehr spürte.

 

Über Armut zu sprechen und sie zu bekämpfen, bedeutet auch, sich auf die Lebenssituation armer Menschen, armer Familien einzulassen. Zu begreifen, warum sie sich aus Sicht eines finanziell abgesicherten Menschen scheinbar irrational verhalten; warum sie, statt Geld zu sparen, dieses für scheinbar Unnützes ausgeben.

Die Orientierungshilfe hilft einerseits mit ihren präzisen Beschreibungen, die Lebenswelt anderer Menschen besser zu verstehen, sie wirbt andererseits darum, diese Vielfalt ernst zu nehmen und offen für diese Unterschiedlichkeiten zu sein; damit wir alle, die, welche Teil der Gemeinde sind, und die, die „gottlos“ in der Welt leben, die Chance zur Umkehr sehen und nutzen. Sie ist eine Streitschrift, die Orientierung gibt. So schließt sie mit dem Plädoyer: „Alle familiären Beziehungen, in denen sich Menschen in Freiheit und verlässlich aneinander binden, füreinander Verantwortung übernehmen und fürsorglich und respektvoll miteinander umgehen, müssen auf die Unterstützung der evangelischen Kirche bauen können. […] Vor dem Hintergrund der befreienden Botschaft des Evangeliums geht es darum, das Versprechen der Freiheit und Gleichheit aller Menschen ernst zu nehmen und Gerechtigkeit auch in der Familie umzusetzen“ (S. 141).

 

Bernhard Scholten

 

Alle Seitenangaben beziehen sich auf: „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit – Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken.“ Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Gütersloh 2013