„Doch eigentlich sollte es bei euch keine Armen geben“ (Dtn 15,4)

Zum Umgang der Bibel mit Armut und den Armen

 

In meiner Jugend jedenfalls gab es das nicht zu sehen, was mittlerweile schon alltäglich geworden ist: Menschen wühlen in Abfalltonnen nach brauchbaren Überresten oder suchen nach Pfandflaschen, um sie für ein paar Cents einlösen zu können. Armut galt lange als ein Problem der Dritten Welt. Doch nun scheint sie nach Europa und in das reiche Deutschland wieder zurückgekehrt zu sein.

 

Auch in Zeiten der Bibel gab es Armut. Die Bibel berichtet von Bettlern und Tagelöhnern, die im wahrsten Sinne des Wortes von der Hand in den Mund leben mussten. Das, was sie an einem Tag verdienten, reichte nicht zum Überleben. Andere bettelten, um irgendwie leben zu können. Immer wieder wird über Schulden und Verschuldung geklagt, die in der damaligen Zeit der Hauptgrund für die Verarmung der Menschen war. Wer verschuldet war, der musste seine Äcker verpfänden, er selber wie auch seine Frau und die Kinder gerieten in Schuldknechtschaft. Formelhaft werden immer wieder die Schutzlosen jener Zeit genannt: Die Armen, die Witwen, die Waisen und die Fremden. Die Propheten prangerten mit scharfen Worten diese Verhältnisse an. Die Reichen reihen Haus an Haus, Acker an Acker. Sie beuten die Armen aus oder zahlen nur einen Hungerlohn. Der Prophet Jesaja bringt es auf den Begriff: „Das den Armen Geraubte ist in euren Häusern“ (Jes 3,14).

 

Doch die schärfste Sozialkritik allein wendet noch nicht die Not der Armen. Deshalb hat Israel eine soziale Gesetzgebung geschaffen, die auf diese Kritik der Propheten eingeht. Angesichts der Not der Überschuldung kennt die Bibel einen Schuldenerlass, damit niemand von der Last der Schulden erdrückt wird (Dtn 15, 1ff.). Die Arbeiter bekommen einen freien Tag, den Sabbat (Dtn 5,13), und geregelt wird, dass täglich der Lohn an die Tagelöhner ausgezahlt werden soll (Dtn 24,14f.). Für die Witwen und die Waisen, die keine eigenen Einkünfte haben, gibt es erstmals in der Weltgeschichte ein Recht auf eine Sozialhilfe (Dtn 14, 29).

Warum ist die Bibel so sensibel für die Not der Armen? Begründet wird das soziale Schutzrecht für die Armen mit der immer wiederkehrenden Erinnerung: „Denk daran: als du Sklave warst in Ägypten ...” (Dtn 24,22 u.ö.). Die aus der Sklaverei in Ägypten freigekommenen Sklaven haben sich eine Sozial- und Wirtschaftsordnung geschaffen, die einen Rückfall in Versklavung und Unterdrückung verhindern sollte. Errungene Freiheit galt es zu bewahren.

 

Keines der anderen Völker der damaligen Zeit kannte ähnlich deutliche Gesetze, die von den Armen her dachten. Nicht vom Standpunkt der Starken und Mächtigen, sondern von den Armen und Bedürftigen aus wurde das Sozialrecht der Bibel geschrieben. Die Armen sollen nicht angewiesen sein auf die offenen Hände der Reichen und nicht auf deren Barmherzigkeit. Wer arm ist, der hat ein Recht darauf, dass er aus seiner Not heraus kommen kann. Auf Barmherzigkeit muss man hoffen und dankbar sein, auf Recht hat man einen Anspruch. Die Bibel findet sich mit der Armut nicht ab. Obwohl es Armut in Israel gegeben hat, durchbricht die Bibel in den Sozialgesetzen die scheinbar unverrückbare Realität und stellt ihr das Leitbild entgegen: „Doch eigentlich sollte es bei dir keine Armen geben; denn der Herr wird dich reich segnen“ (Dtn 5,4). Im scheinbaren Widerspruch zu diesem Leitbild einer Gesellschaft ohne Arme sagt Jesus: „Arme habt ihr allezeit bei euch im Land“ (Mt 26, 11). Er zitiert dabei aus den biblischen Sozialgesetzen. Wie ist dieser Widerspruch zu verstehen, dass es keine Armut geben soll und Armeallezeit im Lande sein werden? Das Land ist von Gott reich gesegnet, und für alle ist genug da. Niemand bräuchte in Armut und Not leben. Immer haben Menschen von einer Gesellschaft und einer Welt ohne Armut geträumt. Sie haben diesen Traum in Utopien verlegt oder auch ins Jenseits. Auch die Bibel hat die Hoffnung auf eine Welt ohne Armut. Wenn Israel die Tora, die Sozialgesetzgebung der Bibel, achtet, und „dieses ganze Gesetz“ hält (Dtn 15,5), dann kann die Armut im Land verschwinden. Doch, wenn Israel nicht auf die Stimme Gottes hört, wird es allezeit Armut im Lande geben. Wenn die Bibel so über Armut redet, dann macht sie deutlich, dass Armut keineswegs von Gott gegeben ist. Armut muss es nicht geben, sie ist von Menschen gemacht und kann und muss deshalb auch von Menschen beseitigt werden.

Die Bibel spricht nicht negativ über Reichtum. Reichtum ist ein Zeichen des Segens Gottes. Deshalb heißt es immer wieder: „ … damit der Herr, dein Gott, dich stets segne bei der Arbeit, die deine Hände tun“ (Dtn 14,29). Auf Reichtum liegt Segen und Reichtum soll sich auch mehren. Doch Segen liegt auf Reichtum nur, wenn er geteilt wird. Aus Gottes guten Gaben und der menschlichen Arbeit entsteht Reichtum. Erst wenn der dadurch entstandene Reichtum geteilt wird, liegt Segen auf der Arbeit und führt zur Mehrung des Wohlstandes. Der Wohlhabende, den Gott gesegnet hat, soll den Armen von seinem Segen abgeben. Wo aber Reichtum nicht geteilt wird, dort kehrt sich der Segenskreislauf um, und Reichtum wird zum Unheil für die Menschen.

 

Es ist der Reichtum, der Armut schafft. Wer also Armut bekämpfen will, der muss den Reichtum in Pflicht nehmen. Für die Bibel haben die Armen ein Recht darauf, dass sie in Würde leben können und auch Anteil am Reichtum eines Landes haben. Diese Grundüberzeugung der Bibel hat Europa tief geprägt. Ohne diese Prägung durch die Bibel wäre es kaum zu einem Sozialstaat gekommen, wie wir ihn kennen.

 

Was die Bibel über Armut zu sagen hat, gibt das Jesuswort nicht wieder: „Arme habt ihr allezeit unter euch.“ Das hat Jesus eher beiläufig gesagt, als sich die Jünger darüber beschwerten, dass eine Frau Jesus mit teurem Öl salbte. Für die Bibel gilt, dass Armut eine bittere Realität ist. Doch sie muss nicht sein, sondern ist von Menschen gemacht. Deshalb steht es in der Verantwortung der Menschen, alles zu tun, Armut zu überwinden. Denn: „Eigentlich sollte es bei euch keine Armen geben“ (Dtn 15,4).

 

Franz Segbers