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Anmerkungen zu einer neuen Broschüre über unsere alt-katholische Kirche

 

Wenn jemand eine Informationsbroschüre verfasst, dann will er sein Selbstverständnis zum Ausdruck bringen. Bei einer schmalen Broschüre müssen deshalb Schwerpunkte gesetzt werden und nicht alles kann zur Sprache kommen. Wenn nun jemand sich kurz über unsere Kirche informieren will, welches Bild soll ihm vermittelt werden?

 

Wer die Broschüre durchblättert, der findet zahlreiche und schöne Bilder. Doch von den 25 Bildern sind es nur vier, die nichts mit Gottesdienst und Liturgie zu tun haben. Verwundert fragt man sich, ob es in der alt-katholischen Kirche außer Gottesdienst nichts gibt, worüber zu informieren wäre. Hier stellt sich also eine Kirche vor, die den Blick nur nach innen und auf sich selber richtet. Doch ebendies ist theologisch und biblisch hoch problematisch. In der Bibel begegnen uns Propheten, die nicht nachlassen, Gottesdienste – und mögen sie noch so schön und feierlich sein – zu kritisieren, wenn sie nicht mit einem Engagement für andere verbunden sind. Der Prophet Hosea spricht über den Gott der Bibel, der „Barmherzigkeit und keine Opfer will“ (Hos 6, 5). Wie Hosea und andere Propheten mahnt auch Jesus: „Darum lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ (Mt 8,13). Was Jesus uns zu lernen aufgibt, wird theologisch „Diakonie“ genannt. „Diakonie“ gehört mit Zeugnis und Dienst sowie Gottesdienst zu den Grundfunktionen der Kirche. Und wenn nur eine dieser Funktionen fehlen würde, wäre Kirche nicht mehr Kirche Jesu Christi. Eine Kirche, die auf das „Diakonische“ verzichten würde, wäre ebenso defizitär und im streng theologischen Sinn ebenso wenig Kirche, wie wenn sie darauf verzichten würde, Eucharistie zu feiern. Gefragt nach der Mitte des Glaubens, hat Jesus in diesem Sinn geantwortet „Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue (als Beziehung zu Gott)“, so in Matthäus 23,23. Dass es keine Gottesliebe ohne Nächstenliebe geben kann, ist eine Grundüberzeugung unseres Glaubens.

 

Ignatius von Antiochien war der erste Bischof, der bereits im 2. Jahrhundert von einer „katholischen Kirche“ spricht. Er meinte damit aber nicht nur eine „rechtgläubige Kirche“, sondern verwies auf die „Häretiker“, die er so in Abgrenzung zur „katholischen Kirche“ so beschrieb: „Nächstenliebe kümmert sie nicht, nicht um die Witwe, nicht um die Waise, nicht um die Bedrängten, nicht um den Gefangenen oder Freigegebenen, nicht um den Hungernden und Dürstenden kümmern sie sich.“ Der rechte Glaube einer katholischen Kirche ist nicht nur eine Konfessionsbezeichnung, sondern hat von Anfang an immer mit einem Glauben zu tun, der sich den Armen zuwendet. Ignatius will deutlich machen, dass ohne diese Zuwendung zu den „Witwen und Waisen“ die Kirche nicht eine katholische Kirche genannt werden kann.

 

Auch die EKD hat in wünschenswerter Deutlichkeit in der Denkschrift „Gerechte Teilhabe“ (2006) gesagt: „Eine Kirche, die auf das Einfordern von Gerechtigkeit verzichtet, deren Mitglieder keine Barmherzigkeit üben und die sich nicht mehr den Armen öffnet oder ihnen gar Teilhabemöglichkeiten verwehrt, ist – bei allem möglichen äußeren Erfolg und der Anerkennung in der Gesellschaft – nicht die Kirche Jesu Christi.  Nicht anders fordert das Wirtschafts-und Sozialwort der beiden Großkirchen aus dem Jahr 1997 zu einer „Bekehrung zur Diakonie“ auf: „Es geht um eine ‚neue Bekehrung zur Diakonie‘, in der die Freude und Hoffnung, die Trauer und Angst der Menschen, die Hilfe nötig haben, zur Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Christen werden.“ Es gibt also eine breite ökumenische Übereinkunft: Kirche kann nicht Kirche sein ohne die diakonische Zuwendung zu den Armen. In der Broschüre über unsere Kirche wird mit keiner einzigen Silbe diese unverzichtbare diakonische Dimension von Kirche ausgedrückt. Und dabei haben wir zahlreiche Diakone in unserer Kirche, die mit ihrem Amt für diese Dimension von Kirche einstehen! Und wenn Priester und Bischöfe auch zu Diakonen geweiht wurden, dann nicht, damit sie dieses Amt hinter sich lassen, sondern als Zeichen, dass es kein Priester- und Bischofsamt ohne diese diakonische Dimension geben kann. Nun, das weiß jeder theologisch abstrakt, aber es bleibt folgenlos. Doch gerade darin besteht nach meiner Meinung das Problematische und Defizitäre dieser Informationsbroschüre, dass sie die zahlreichen und durchaus auch vorzeigbaren diakonischen Projekte und Initiativen unserer Kirche nicht für erwähnenswert hält. Menschen, die sich über unsere Kirche informieren wollen, wird eine selbstbezügliche Kirche vorgestellt – ohne einen Blick für andere und ohne Engagement für andere. Man mag das unterschiedlich deuten als „Entweltlichung der Kirche“ oder, wie Kirchensoziologen heute sagen, als Ausdruck einer „Ästhetisierung der Religion“.

 

Hier geht es um eine zentrale Frage: Wie wollen wir heute Kirche sein? Wie teilen wir die „Freude und Hoffnung, die Trauer und Angst der Menschen“ heute? Wir können wir Gottesdienste feiern und Kirche für andere sein? Das „Diakonische“ ist keine Frage der Größe einer Kirche, sondern ist eine spirituelle Frage.

 

Ich glaube, wir brauchen dringend eine Auseinandersetzung in unserer Kirche über das, was in der Orthodoxie „Liturgie nach der Liturgie“ genannt wird. Das, was wir im Gottesdienst feiern, muss eine Fortsetzung in Leben und Engagement finden. Und wer sich von unserer Kirche ein Bild machen will, der sollte auch davon erfahren.

 

Prof. Dr. Franz Segbers