Geliebte Armut?

 

Als wir in der Redaktionskonferenz überlegt haben, welches Thema wir unserem Oktoberheft geben wollen, haben wir an Franz von Assisi gedacht, dessen Gedenktag am 4. Oktober ist. Er ist es, der von der geliebten Armut gesprochen hat.

 

Doch dann hat Franz Segbers seinen Beitrag geschickt, und er hat ihn überschrieben: „Eigentlich sollte es keine Armen geben.“ Auch die anderen Artikel, die sich mit dem Thema beschäftigen, sprechen von der Armut als Skandal, nicht als einem Objekt unserer Liebe. Das ist auch ganz richtig so, denn für alle, die gezwungenermaßen und unfreiwillig arm sind, kann das Wort von der geliebten Armut nur wie ein Hohn klingen. Wenn jemand im Elend sitzt, wenn jemand nicht das Nötigste zum Leben hat, wenn ein Mensch zusehen muss, wie seine Kinder hungern, dann ist daran überhaupt nichts, was er lieben könnte. Selbstverständlich wollen diese Menschen die Armut abschütteln und träumen von einem besseren Leben. Und jeder, der von unserer Wohlstandswarte aus auf diejenigen herunterschaut, die dem Elend zu entkommen suchen, indem sie in unser reiches Land fliehen, und sie geringschätzig „Armutsflüchtlinge“ nennt, die ihm weniger willkommen sind als politisch Verfolgte, der offenbart nur, dass er das Elend noch nie aus der Nähe gesehen hat.

 

Nein, von der „geliebten Armut“ sprechen, das dürfen nur Menschen wie Franz von Assisi, und sie dürfen das nur für sich selbst. Ein Mensch, der wie Franz im Wohlstand gelebt und das Leben ungeniert und rücksichtslos genossen hat, bis er dieses oberflächlichen Lebensstils überdrüssig wurde, der kann die Armut als etwas Liebenswertes entdecken. Der kann lernen, dass es ein Gewinn sein kann, sein Leben nicht an äußere Güter zu hängen, dass Glück sich nicht durch immer neue und immer stärkere Reize erkaufen lässt, nicht durch Sachen und nicht durch Menschen, die man kaufen kann, auch nicht durch „Events“, die man organisieren kann. Ein Mensch, der übergenug hat, kann erfahren, dass es reicht, wenn er nur genug hat, weil in einem einfachen Leben der Blick auf das Wesentliche leichter ist als in einem durch Sachen und Spaß zugemüllten.

Nun, Franziskus hat das auf eine so radikale Weise angepackt, dass mir dabei schon fast wieder angst und bange wird. Ich habe in Assisi den Stein gesehen, den er als Kopfkissen verwendet hat. Er hat in einer solchen Einfachheit gelebt und sich dermaßen von der Freigebigkeit der Mitmenschen abhängig gemacht, dass es schon nahe an das Elend herankommt, dem viele heute entfliehen wollen. Aber auch, wenn ich soweit nicht gehen möchte und es wohl auch nicht kann, weil ich ein solches Gottvertrauen und eine solche Freude an der Einfachheit kaum je erringen werde, kann ich doch von ihm lernen, dass weniger mehr sein kann.

 

Alle wollen mehr?

 

Seit ein paar Wochen brüllt mir regelmäßig ein Chor von Menschen aus dem Radio den Satz ins Ohr: „Mehr, mehr, mehr, alle wollen mehr!!!“ Er will damit für eine regionale Supermarktkette werben und behauptet, man bekäme dort mehr in den Einkaufskorb und mehr Qualität. Und regelmäßig denke ich: Nein, ich will nicht mehr! Obwohl ich zugegebenermaßen keineswegs frei bin vom Haben-Wollen und das meist dann erkenne, wenn ich einen Gegenstand erwerben will und mich dabei ertappe, dass ich viel mehr Zeit, als angemessen wäre, mit Preisvergleichen im Internet und mit dem Studium von Testberichten verbracht habe, sehe ich das als gutes Zeichen. In den Supermärkten, die ich frequentiere, stehe ich oft ratlos vor den 20 Sorten Joghurt, 30 Sorten Kaffee und 50 Sorten Käse und will bestimmt nicht noch mehr Auswahl. Wie sollte sie denn mein Leben bereichern?

Eine Frau aus den neuen Bundesländern hat mir erzählt, dass sie einmal noch zu DDR-Zeiten die Erlaubnis bekam, zu einem Jugendtreffen nach Holland zu fahren. Dort ist sie in einen Supermarkt gegangen – und musste ihn wieder verlassen, weil ihr buchstäblich schwindlig geworden ist. Vielleicht ist es manchen so gegangen, die nach der Wende beim ersten Besuch im Westen die Läden gestürmt haben. Wessis wie ich finden so etwas lustig, wir sind hineingewachsen in die immer größere Fülle in den immer größeren Läden, und auch die Ossis haben sich längst daran gewöhnt. Aber ob der Schwindel nicht das gesündere Empfinden war?

Zum gesunden Empfinden fällt mir ein längst vergangenes Erlebnis ein. Beim Katholikentag 1978 in Freiburg war im Priesterseminar das Festessen für Bundespräsident und Bundeskanzler, für die Bischöfe und jede Menge anderer hochstehender Ehrengäste. Wir Theologiestudenten durften bedienen. Ein Gast war Mutter Theresa aus Kalkutta. Am Ende des Essens sagte sie: „Nun möchte ich noch die Schwestern in der Küche begrüßen“ und machte sich auf den Weg, ehe sie jemand zurückhalten konnte. Was sie nicht wusste, war, dass der Zeitplan gefährlich ins Rutschen gekommen war und deshalb beschlossen wurde, den Nachtisch ausfallen zu lassen. So kam sie in die Küche und sah über hundert Portionen Eis zerlaufen. Unser gesundes Empfinden, an das ich mich erinnere, war Scham.

 

Wer arm ist, kann die Armut nicht lieben. Ich lebe im Überfluss, und ich glaube, ich bin ihn so gewohnt, dass ich es auch nicht lernen kann, die Armut zu lieben, denn ein Franz von Assisi bin ich nicht. Deswegen will ich das Fragezeichen hinter der Überschrift „Geliebte Armut“ lassen, das die Redaktionskonferenz ursprünglich nicht dahintersetzen wollte. Aber ich will es eine Nummer kleiner versuchen und von der geliebten Bescheidenheit sprechen. Ein wenig kleiner, ein wenig bescheidener, das scheint mir durchaus ein erstrebenswertes Ziel. Denn es bedeutet auch: ein wenig freier. Ein wenig freier von den Sachen, die sich so wichtig machen, und ein wenig freier für das, was leben lässt: Liebe, Freundschaft, Kreativität, Kunst, Natur, Bewegung. Alle dürfen die Liste gerne für sich fortsetzen.

Ein wenig bescheidener bedeutet auch ein wenig solidarischer mit denen, die fast gar nichts haben und denen wir wie die reichsten Protze vorkommen müssen. Wobei ich zugeben muss, dass „ein wenig solidarischer“ nur aus meiner Sicht etwas ändert. Die wirklich Armen werden vermutlich kaum bemerken, was ich an „ein wenig“ Bescheidenheit gewonnen habe. Aber für mich kann „ein wenig freier“, das ich dadurch werde, schon einen großen Gewinn bedeuten.

Gerhard Ruisch