Vor dem Gesetz

Eine Bibelbetrachtung zu Franz Kafka, der am 3. Juli 1883 in Prag geboren wurde

 

Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich (Mt 5,17-19).

 

Es „sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert“, führt Paulus im 1. Korintherbrief aus (1 Kor 14,34). Ebenso deutlich verurteilt er im Römerbrief Homosexualität als „Verirrung“, wofür die Sünder „den ihnen gebührenden Lohn“ erhalten werden (Röm 1,27). Diese einschlägigen Bibelstellen bilden zusammen mit dem einleitenden Evangeliumstext die Grundlage für jeden christlichen Fundamentalismus. Für uns Alt-Katholiken ein Frontalangriff: Demnach biedern wir uns bloß dem Zeitgeist an, um Mitglieder zu werben, wir brechen mit den göttlichen Geboten, legen uns das Christentum bequem zurecht: „Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein.“ Zynisch könnten wir kontern, dass wir die Bedeutungslosigkeit so lieb gewonnen haben, dass wir uns auf eine nachrangige Nischenexistenz im Himmelreich regelrecht freuen...

 

Als Matthäus um 70 nach Christus diese Worte über das Gesetz Jesus zuschreibt, gibt es wahrscheinlich ähnliche Angriffe gegen die innerjüdische Gruppierung der Christen wie etwa gegen die Alt-Katholiken in der Gesamtkirche. Aber auch innerhalb der christlichen Gemeinden entsteht ein Streit darüber, welche Vorgaben des Judentums auch für die Christen gelten und welche überwunden seien. Das sogenannte Apostelkonzil (Apg 15) skizziert diesen Konflikt beispielhaft an der zentralen Frage, ob nichtjüdische Christen sich beschneiden lassen müssen. Aber nicht nur der Judenchrist Matthäus überliefert die Jesusworte zur Gesetzestreue, auch der heidenchristliche Evangelist Lukas greift aus den gesammelten Jesus-Zitaten dieses Wort auf: „Aber eher werden Himmel und Erde vergehen, als dass auch nur der kleinste Buchstabe im Gesetz wegfällt.“ (Lk 16,17). Lukas steht in enger Verbindung zu Paulus, der zwar Homosexualität und Gleichberechtigung der Frau verurteilt, ansonsten aber die „Freiheit vom jüdischen Gesetz“ für die Neuchristen propagiert, die nicht aus dem Judentum stammen.

Ein berühmter jüdischer Schriftsteller der Neuzeit wurde genau vor 130 Jahren geboren: Franz Kafka wirft in seinem Romanfragment „Der Prozess“ ein eigenes Licht auf die Bedeutung des Gesetzes. Dort erzählt ein Geistlicher der Hauptperson, Josef K., beim Besuch im Dom folgendes Gleichnis: Ein Mann erbittet Einlass in das Gesetz, der Türhüter vor dem Eingang verwehrt ihm diesen jedoch und verweist auf die weiteren Wärter vor den nächsten Sälen. Die Wächter würden immer mächtiger. Der Mann wartet ab und versucht immer wieder, Einlass ins Gesetz zu erhalten, aber er scheitert stets aufs Neue, bis er schließlich kurz vor seinem Tod den Türhüter fragt, warum in all den Jahren niemand außer ihm selbst Einlass ins Gesetz verlangt habe. Der Türhüter antwortet dem Sterbenden: „Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“

 

Für den aus einer jüdischen Familie stammenden Kafka bedeutet der Begriff „Gesetz“ nichts Negatives wie ein starres Regelwerk, sondern er steht für etwas Erstrebenswertes. Martin Buber übersetzt die Tora, das jüdische Gesetz, als „Weisung für das Leben“. Es geht also nicht um eine juristische Haarspalterei, sondern darum, ob wir uns ernsthaft bemühen, ins Zentrum unseres Lebensgeheimnisses zu gelangen. Es geht weder um Modernität um der Außenwirkung willen noch darum, pedantisch an Vorschriften zu kleben. Nicht äußere Widerstände sind bedeutsam, diese „Türhüter“ gilt es zu überwinden, um zum eigentlichen Kern des Lebens, zum von Gott gesetzten Sinn zu gelangen. Hieraus leitet sich die Wortbedeutung „Gesetz“ ab. In der Begegnung mit Jesus erfahren wir Liebe als zentrales Gesetz; sie steigt über alle Schwellen. Wer wirklich in solch einer Liebe lebt, dringt durch jene Enge gegen Homosexuelle oder Frauen. In Jesus geht es nicht um äußere Einhaltung, sondern um Fülle: „Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.“

 

Christian Flügel