„Ich habe einen Traum“

oder: Leistungsstress im Bett

 

Im „ZEITmagazin“ gibt es eine Seite, die ist betitelt mit „Ich habe einen Traum“. Das soll wohl angelehnt sein an Martin Luther Kings berühmten Satz. Im Magazin erzählen Prominente und solche, die es werden wollen, nicht nur von ihrem Lebenstraum, sondern auch von ihren Tag- oder nächtlichen Albträumen. Weil ich nicht ins ZEITmagazin komme, erzähle ich Ihnen hier, womit ich mich nachts so beschäftige. Und hören und staunen Sie: Ich arbeite nachts mehr als am Tag.

Meine Schulzeit liegt jetzt gut 25 Jahre zurück. Tagsüber verschwende ich keinen Gedanken mehr daran, mein Leben hat sich eben sehr gewandelt. Ich möchte gern im Hier und Jetzt leben. Doch meine Träume denken nicht im Traum daran. Ich träume nämlich mit schöner Regelmäßigkeit davon, in die Oberstufe meiner alten Schule zu gehen und Prüfungen bestehen zu müssen. Jeden Morgen danach wache ich wie gerädert von den Strapazen auf.

 

Einmal ist es eine Englisch-Klausur, bei der ich vorzeitig eine literarische Abhandlung abgebe, weil ich denke, ich sei fertig, aber dann feststelle, dass ich den Schlussteil vergessen habe. Natürlich kriege ich die Klausur nicht zum Fertigschreiben zurück.

Mehrmals schon habe ich mich in Deutsch-Klausuren durch Aufsätze gewälzt – ich schreibe volle drei Stunden lang ungebremst und flink mit Schweißperlen auf der Denkerstirn und mir sitzt der Zeitdruck im Nacken, nicht pünktlich fertig zu werden. Morgens habe ich dann keine Ahnung mehr davon, an welchen Romanen ich nachts so emsig geschrieben habe, so ein Mist aber auch. Vielleicht könnte ich davon Ideen für meine weitere Schriftstellerkarriere gebrauchen.

Auch Mathematik darf nicht fehlen. Ich war, im Gegensatz zu Deutsch, in Mathe immer eine Niete. Von meinem Mathelehrer kursiert noch heute in meinem Elternhaus der Satz: „Immer am Ball bleiben.“ Dabei gab er damals schon bei mir Hopfen und Malz verloren. Und immer kam er wieder mit seinem blöden mitleidigen Satz um die Ecke, auch in Physik. Im Mathe-Traum dann wartet meine Klasse, dass der Lehrer die Aufgaben bringt, aber er kommt einfach nicht, und ich schwanke zwischen der Option zu verschwinden und dem schnellen Wiederholen von Limes-Rechnungen und Integral, obwohl ich keinen blassen Schimmer habe, wie ich auch nur irgend eine Aufgabe bewältigen sollte, wo ein „x“ aufgelöst werden muss. Mein Versagen steht mir vor Augen, aber es geht nicht vorüber, weil es gar nicht losgeht.

Der jüngste Traum ging so: Mein Religions- und Literaturlehrer Herr Swietlik hatte uns zur Aufgabe gestellt, das Weihnachtsoratorium von Bach zu singen. Alle trugen trillernd einstudierte Soloparts vor, nur ich war in der Vorstunde irgendwie nicht da gewesen und hatte keinen Schimmer vom Text dieses mehrstündigen Opus, das zu hören mir ansonsten zu Weihnachten privat immer solche Freude bereitet hat, jetzt aber eher nicht mehr. Irgendwie ging dieser Kelch an mir vorüber; ich wachte auf, bevor ich tirilieren musste.

 

Ich muss schon sagen, dass mich diese ständigen Träume ganz fahrig und unsicher machen. Ich ertappte mich neulich beim antiquarischen Kauf eines englischen Reise-Sprachführers und einer Lateingrammatik, weil ich den Kram womöglich noch mal brauchen könnte. Nicht dass ich daran denke, das Abitur nachholen zu wollen, ich habe da eine fixe Idee. Ich warte schon auf die nächste arbeitsreiche Klausur zu nachtschlafender Zeit. Schulsport hatte ich auch schon. Wenn ich’s recht überlege, bin ich auch heute noch „immer am Ball“. Und das, obwohl die alten Geister wie mein Mathelehrer bestimmt schon tot sind. Wegen mir dreht der sich gewiss nicht mehr im Grabe herum. Aber ich drehe mich ganz oft im Bett herum. Das grenzt schon an Leistungssport, oder?

 

Francine Schwertfeger