Welt ohne Atomwaffen

Präsident Obamas Traum in Berlin

 

Auch der Präsident der USA gehört zu den Träumern von einer besseren Welt. Bei seinem Besuch in Berlin im Juni sagte er vor seinen Zuhörern unter anderem: „Frieden mit Gerechtigkeit bedeutet, nach einer Welt ohne Atomwaffen zu streben - ganz gleich, wie weit dieser Traum entfernt sein mag. Als Präsident habe ich nun unsere Bemühungen verstärkt, die Verbreitung von Atomwaffen zu vermeiden und die Zahl der amerikanischen Atomwaffen zu reduzieren und ihre Rolle zu verändern …“

 

Der Stoff, aus dem Obamas Traum ist, ist allerdings kein Schaum, sondern ziemlich handfest: Seit nunmehr 50 Jahren ringt sich die Staatengemeinschaft nach und nach zu immer weiter reichenden vertraglichen Schritten durch, die geeignet sind, unseren Planeten vor dem Albtraum eines nuklearen Krieges zu bewahren. Das bisher Erreichte ist eine gute Grundlage für seine Vorhaben. Werfen wir einen Blick auf diese bei allem nuklearen Irrsinn hoffnungsvolle (oder sollte man nüchterner sagen: nicht hoffnungslose) geschichtliche Entwicklung:

 

August 1963

 

Vor genau 50 Jahren, am 5. August 1963, achtzehn Jahre nach dem Abwurf der ersten Atombombe auf Hiroshima, vereinbaren die USA, Großbritannien und die Sowjetunion einen ersten Teststopp-Vertrag für Kernwaffen, der am 1. Oktober 1963 in Kraft trat. Die genaue Bezeichnung des Vertrags lautet: Vertrag zum Verbot von Nuklearwaffentests in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser. Trotz des damals herrschenden „Kalten Kriegs“ kam der Vertrag vergleichsweise rasch zustande. Die enorme Zunahme der Radioaktivität in der Erdatmosphäre zwang die Kernwaffenstaaten damals, ihre militär- und machtpolitischen Optionen zugunsten des Schutzes ihrer eigenen Völker und natürlich auch der Weltbevölkerung vor radioaktiver Verstrahlung zurückzuschrauben. Vorausgegangen waren immerhin fast zwei Jahrzehnte einer ungehemmten und völlig verantwortungslosen Erprobung von Kernwaffen, bei der die schwere gesundheitliche Schädigung zahlloser Menschen in Kauf genommen wurde. In dieser Zeit unternahmen die USA über 1000 Kernwaffentests, die UdSSR über 700, Großbritannien 45. Allein 1962 kam es zu 180 Tests.

Nach dem Inkrafttreten des Vertrags ging die radioaktive Strahlenbelastung der Atmosphäre deutlich zurück. Frankreich und China ließen sich allerdings von dem Teststoppvertrag nicht abhalten, noch bis 1974 beziehungsweise 1980 Kernwaffentests durchzuführen.

 

Juli 1968

 

Dieselben Atommächte schließen am 1. Juli 1968 den sogenannten Atomwaffensperrvertrag, der 1970 in Kraft tritt. Erst 1992 treten Frankreich und China dem Vertrag auch bei. Er regelt, dass diese Atommächte atomwaffenfähiges Material nicht an andere Staaten weitergeben dürfen. Der Vertrag enthält auch die Verpflichtung dieser Staaten zu einer völligen Abrüstung ihrer Atomwaffen unter internationaler Aufsicht; dazu bedarf es aber eines separaten Vertrags. Der Atomwaffensperrvertrag wird 1995 auf unbestimmte Dauer verlängert. 189 Staaten sind ihm mittlerweile beigetreten.

September 1996

 

Was die Genfer Abrüstungskonferenz einstimmig (was nötig gewesen wäre) nicht schaffte, wurde von der UNO-Vollversammlung 1996 mehrheitlich beschlossen: der Vertrag über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen. Von seiner Wirksamkeit kann allerdings weiterhin nur geträumt werden. Noch immer haben ihn nicht alle der 44 namentlich im Vertrag aufgeführten Staaten mit Kerntechnik unterschrieben. Acht davon fehlen noch (Stand Februar 2013).  Der Vertrag verbietet alle Arten von Atomwaffentests und Formen von Nuklearexplosionen. Die  Entwicklung neuer Arten von Atomwaffen soll damit verhindert und die Weiterentwicklung von Atomwaffen beschränkt werden. Neuen Staaten soll die Entwicklung von Atomwaffen  erschwert werden.

 

Ungeachtet des Inkrafttretens des Vertrags gibt es allerdings schon eine Vorbereitungskommission, die das Funktionieren des Vertrags organisieren wird, einschließlich eines Überwachungssystems. Schon jetzt existieren über 300 Messstationen, die Nuklearexplosionen nachweisen können.

 

Viele Menschen kritisieren zu Recht, dass die angedeuteten Prozesse  viel zu langsam, viel zu schwerfällig verlaufen, wo es sich doch um Überlebensfragen handelt. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass bei den Verhandlungen um das Zustandekommen der genannten Verträge mit harten Bandagen gekämpft, dass um Vorteile gefeilscht, um Sätze und Wörter gerungen wurde, dass politische, wirtschaftliche, militärische Interessen durchgesetzt wurden. Aber das ist gewiss nicht alles.  Kompromissbereitschaft, gesunder Menschenverstand,  Sinn für Gerechtigkeit und Humanität, Hören auf die Argumente der anderen Seite sind aus solchen Verhandlungen nicht wegzudenken. Es wäre interessant zu erforschen, wie viele Christen Anteil an den Verträgen hatten und was sie konkret in die Verhandlungen einbrachten.  

Zu dem Umfassenden Kernwaffenteststoppvertrag meinte der schwedische Außenminister Carl Bildt, das Vertragswerk habe bereits „dramatische Auswirkungen“ gezeigt, obwohl es noch gar nicht in Kraft sei. Seit seiner Verabschiedung habe es praktisch keine Atomtests mehr gegeben und alle Unterzeichnerstaaten hätten sich verpflichtet, keine Nuklearsprengkörper mehr zu testen. Also doch kein leerer Traum, kein Schaum und für uns Christen: Grund genug zur Fürbitte, zum Drängen, zur Unterstützung der Friedens- und Abrüstungsbewegungen und zur Einflussnahme auf unsere Politiker.

 

Veit Schäfer