Prophetische Menschen

 

Prophetische Menschen scheinen heute rar geworden zu sein. Es traut sich niemand mehr so recht, von einer Zukunft zu reden, die gut wird. Angesichts immer neuer und immer furchtbarerer Umweltkatastrophen, angesichts des Zusammenbruchs von Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen und miserabler Nachrichten aus kirchlichen Institutionen sind nur noch jene Unheilspropheten zu hören, die apokalyptische Endzeitszenarien an die Wand malen.

„Zeichen für uns sehen wir nicht, es ist kein Prophet mehr da.“ Das ist kein spätmoderner Seufzer, sondern einer, der in der Bibel steht, im Buch der Psalmen. Auch damals sah die Zukunft nicht rosig aus. Auch damals wurden prophetische Menschen gebraucht und vermisst. „Denn“, so der weise Salomo, „ohne prophetische Offenbarung verwildert das Volk.“

Der Prophet Joel wagt da eine mutige Vision. Er scheint es für möglich zu halten, dass alle Menschen – jung und alt, arm und reich, Mann und Frau - überschüttet werden von einem Geist, der sie überflutet und mitreißt. Und dieser Geist, davon ist der Prophet Joel überzeugt, macht aus ganz normalen Menschen Propheten und Träumende. Aus Menschen also, die ihren Alltag bewältigen müssen, die rastlos sind und die allzu oft den Sinn des Lebens aus den Augen verlieren.

Und die Welt steht Kopf: Die Hochbetagten, die ihr Leben hinter sich haben, können noch oder wieder träumen, und die Jungen entwickeln ein Gespür und ein Wissen für Gottes Zukunft. Prophetische Visionen und Träume gehören zusammen. Der Geist bewirkt sie!

Träume sind Schäume, so sagt man. Flüchtig und nichtig wie Schaum sind sie. Ein Aufbegehren im Wasserglas. Und Träumer sind Menschen, denen man einen mangelnden Sinn für die Realität nachsagt und den Realisten gegenüberstellt. Jenen also, die wissen, wie es sich im Hier und Jetzt vernünftig leben lässt. Hätten wir jedoch unsere Träume und unsere Sehnsucht nicht, gäbe es dann die Zukunft? Gäbe es ein Morgen?

I have a dream – so beschwor Martin Luther King, der wohl weltbekannteste Träumer. „I have a dream!“ Ich habe einen Traum. Und Martin Luther King war alles andere als ein weltfremder Träumer. Er kannte die Realität nur zu gut. Er wusste um die Lebensbedingungen der schwarzen Bevölkerung im Amerika seiner Zeit. Die Lebensbedingungen all jener, die in Armut und Unterdrückung leben. Er träumte mit offenen Augen und schickte seine Anhänger wieder zurück an die Orte der Unfreiheit, der Unterdrückung und Ausbeutung, um dort den Traum von einer gerechten Welt für alle zu leben und Wirklichkeit werden zu lassen. „Geht zurück nach Mississippi, geht zurück nach Louisiana,“ rief er ihnen zu, „Geht zurück in die Slums und Gettos der Großstädte im Norden in dem Wissen, dass die jetzige Situation geändert werden kann und wird. Lasst uns nicht Gefallen finden am Tal der Verzweiflung.“ Diese unglaubliche Überzeugungskraft Martin Luther Kings, dieser große Traum einer besseren Wirklichkeit, wie er sie predigte, ist bis heute eine große Hilfe. Vor allem für sein Volk.

Auch Joel schickt seine Träumenden weiter. Den Träumen sollen Taten folgen. Auf dem Zion sollen sie den Namen Gottes ausrufen. Das heißt, sich wieder als Gottes Kinder beweisen, die eng mit Gott verbunden leben wollen und alles von ihm erwarten.

Es geht also nicht nur darum, Visionen und Träume zu haben. Es geht vielmehr darum, ihnen auch zu glauben und mit ihnen ans Licht der Öffentlichkeit zu treten, unbeeindruckt von den Begrenzungen, unbeeindruckt auch vom Spott der Realisten und der vermeintlich Vernünftigen, die sich mit dem zufriedengeben, was sie sehen und greifen können.

„Die Frommen von morgen müssen Mystiker sein oder sie werden nicht mehr sein,“ so hat der bekannte katholische Theologe Karl Rahner schon in den 1960er Jahren gesagt. Und er erinnert damit auch an das, wovon Joel spricht. Die Frommen von morgen müssten, so könnte man im Sinne Rahners denken, Propheten und Prophetinnen sein. Menschen also, die sich vom Geist Gottes bewegen lassen, die auf Gottes Zukunft setzen und deren Träume weiter reichen als bis zum Rand des eigenen Horizonts, der eigenen Konfession oder der eigenen Landesgrenze.

„Zurück träumen“ hat die Dichterin Rose Ausländer das genannt, wozu wir als Glaubende alle gemeinsam berufen sind. Sich zurück träumen ans Rote Meer, durch das Israel trockenen Fußes in die Freiheit geht, zurück träumen in den Abendmahlssaal, zum geteilten Brot und dem gefüllten Kelch. Die verwundete Erde wird heil, so dichtet sie weiter.

„Die verwundete Erde wird heil

eine Osterau

eine Blumenwiege.

Sie wiegt die langgeträumten Wunder

Der Osterkinder die nach Osten träumen.“

 „Die Sache Jesu braucht Begeisterte“, heißt es in einem der neuen geistlichen Lieder, das gar nicht mehr so neu ist. „Der Geist sucht sie auch unter uns“. Und mein Traum ist, dass er sie dort auch findet.

Henriette Crüwell