Ich habe einen Traum

Schluss der Rede von Martin Luther King am 28. August 1963

 

Ich bin mir dessen bewusst, dass einige von Ihnen aus großen Belastungen und Widerwärtigkeiten hierher gekommen sind. Einige von ihnen kommen direkt aus engen Gefängniszellen. Einige von Ihnen kommen aus Gegenden, in denen Ihr Verlangen nach Freiheit Ihnen Misshandlungen durch Verfolgungsstürme und Wanken durch die Brutalität der Polizei eingebracht hat. Sie mussten die Vorkämpfer durch schöpferisches Leiden sein. Arbeiten Sie weiter in dem Glauben, dass unverdientes Leiden erlösend ist! Gehen Sie zurück nach Mississippi! Gehen Sie zurück nach Alabama! Gehen Sie zurück nach South Carolina! Gehen Sie zurück nach Georgia! Gehen Sie zurück nach Louisiana! Gehen Sie zurück in die Slums und Gettos unserer nördlichen Staaten, im Wissen, dass die Situation irgendwie geändert werden kann und wird. Wir werden uns nicht im Tal der Verzweiflung suhlen.

 

Deswegen sage ich Ihnen, meine Freunde, dass ich immer noch einen Traum habe, obwohl wir den Schwierigkeiten von heute und morgen ins Auge blicken. Es ist ein Traum, der seine Wurzel tief im amerikanischen Traum hat, dass sich diese Nation eines Tages erheben und den wahren Sinn ihres Glaubensbekenntnisses leben wird: „Es ist für uns eine selbstverständliche Wahrheit, dass alle Menschen gleich geschaffen sind.”

Ich habe einen Traum, dass eines Tages die Söhne von früheren Sklaven und die Söhne von früheren Sklavenhaltern auf den roten Hügeln von Georgia sich gemeinsam am Tisch der Brüderlichkeit niederlassen können.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages selbst der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und in der Hitze der Unterdrückung fast umkommt, in eine Oase der Freiheit und Gerechtigkeit verwandelt wird.

Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht nach der Farbe ihrer Haut, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden.

Ich habe heute einen Traum!

Ich habe einen Traum, dass eines Tages unten in Alabama - mit seinen bösartigen Rassisten - dass eines Tages wirklich in Alabama kleine schwarze Jungen und schwarze Mädchen kleinen weißen Jungen und weißen Mädchen als Schwestern und Brüder die Hände reichen können.

Ich habe heute einen Traum!

Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal aufgefüllt wird und jeder Hügel und Berg sich senkt. Was uneben ist, soll zum ebenen Weg, was krumm ist, soll gerade werden, “und die Herrlichkeit des Herrn soll offenbar werden, und alle Menschen werden sie gemeinsam sehen.”

Dies ist unsere Hoffnung. Dies ist der Glaube, mit dem ich in den Süden zurückkehre. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung zu hauen. Mit diesem Glauben werden wir die klirrenden Disharmonien unserer Nation in eine wunderbare Sinfonie der Geschwisterlichkeit verwandeln können. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein gemeinsam zu arbeiten, gemeinsam zu beten, gemeinsam zu kämpfen, gemeinsam in das Gefängnis zu gehen, gemeinsam für die Freiheit aufzustehen im Wissen, dass wir eines Tages frei sein werden. Und dies wird der Tag sein, dies wird der Tag sein, an dem alle Kinder Gottes mit neuem Sinngehalt singen können: “Mein Land, von Dir geschenkt, liebes Land der Freiheit, von dir singe ich. Land, in dem meine Vorfahren starben, Land des Stolzes der Pilgerväter. Lass die Glocken der Freiheit von jedem Berghang klingen.”

Wenn Amerika dazu bestimmt ist, eine große Nation zu werden, dann muss dies wahr werden.

Lasst daher die Glocken der Freiheit von den wunderbaren Bergspitzen von New Hampshire klingen.

Lasst die Glocken der Freiheit klingen von den mächtigen Bergen des Staates New York.

Lasst die Glocken der Freiheit klingen von den Höhen der Alleghenies in Pennsylvania.

Lasst die Glocken der Freiheit klingen von den schneebedeckten Gipfeln der Rocky Mountains in Colorado.

Lasst die Glocken der Freiheit klingen vom Lookout Mountain in Tennessee.

Lasst die Glocken der Freiheit klingen von jedem Hügel und Maulwurfshügel in Mississippi.

Von jedem Berghang lasst die Glocken der Freiheit klingen. Wenn dies geschieht, und wenn wir zulassen, dass die Glocken der Freiheit läuten, und wenn wir sie aus jedem Dorf und jedem Weiler, aus jedem Staat und jeder Stadt klingen lassen, werden wir fähig sein, diesen Tag schneller herbeizuführen, an dem alle Kinder Gottes, schwarze Menschen und weiße Menschen, Juden und Heiden, Protestanten und Katholiken in der Lage sein werden sich die Hände zu reichen und die Worte des alten Neger-Spirituals zu singen: “Endlich frei, endlich frei. Danke, allmächtiger Gott, wir sind endlich frei.“