Der Traum vom Land der Verheißung

 

Martin Luther Kings Rede am 28. August 1963 interpretiert den ‚amerikanischen Traum‘ aus dem Blickwinkel der geknechteten und lange versklavten schwarzen US-Amerikaner. Der ‚amerikanische Traum‘ greift einen biblischen Gedanken auf: das Versprechen Gottes an sein auserwähltes Volk, ihm das Land der Verheißung zu schenken. Mit dieser Erwartung sind die Gründungsväter, die Pilgrim Fathers, vom ‚alten Kontinent‘ Europa zum ‚neuen Kontinent‘, dem versprochenen ‚Land der Verheißung‘ (‚promised land‘) aufgebrochen. Martin Luther King greift diese Verheißung in seiner wohl bekanntesten Rede „I have a dream …“ auf und verknüpft sie mit dem Wissen, dass Gott alle Menschen als sein Ebenbild gleich geschaffen hat und somit auch alle Menschen ein Recht auf Freiheit im ‚verheißenen Land‘ haben.

Martin Luther Kings Rede kann in fünf Abschnitte geteilt werden: Sie beginnt mit dem Versprechen der Gründungsväter, beschreibt die aktuellen Gründe der Unzufriedenheit, stellt ihnen dann den Traum einer gemeinsamen Zukunft gegenüber, die mit Vertrauen in Gott geschaffen werden kann; sie endet mit der Gewissheit, dass alle Menschen frei sind.

 

Der Scheck der Gründungsväter

 

Martin Luther King beginnt mit einem indirekten Zitat aus der Gettysburg Address, die Abraham Lincoln, 16. Präsident der USA, am 19. November 1863 zur Einweihung eines Friedhofs gehalten hat, eines Friedhofs für die Soldaten, die in der für den US-amerikanischen Bürgerkrieg entscheidenden Schlacht bei Gettysburg getötet wurden. Diese Soldaten gaben ihr Leben für die Einheit der Vereinigten Staaten und für das Ende der Sklaverei in den USA. Lincoln beginnt seine Rede mit den Worten „four score and seven years ago” (‚vier mal zwanzig und sieben Jahre früher‘, also im Jahr 1776) „schufen unsere Väter eine neue Nation im Bewusstsein, dass alle Menschen gleich geschaffen wurden“. Martin Luther King greift diesen Gedanken mit fast den gleichen Worten auf. Er beginnt: „Five score years ago“ (‚Fünf mal zwanzig Jahre früher‘ – also im Jahr 1863) hat ein „großer Amerikaner“, damit ist Abraham Lincoln gemeint, „in dessen Schatten wir heute stehen, eine Befreiungserklärung abgegeben.“

Martin Luther King aktualisiert Lincolns Gedanken, wenn er erklärt, dass 100 Jahre später „the negro still is not free“ (‚der ‚Neger‘ noch immer nicht frei ist‘). Deshalb seien die Menschen heute – am 28. August 1963 - nach Washington gekommen, um den „Scheck einzulösen, der von den Architekten der Verfassung und der Unabhängigkeitserklärung für jeden Amerikaner ausgestellt wurde“. Der Scheck als Versprechen, dass alle Menschen – ob schwarz oder weiß - ein Recht auf Leben, auf Freiheit und auf das Streben nach einem guten Leben haben. Dieser Scheck ist aber noch nicht eingelöst, doch, so King weiter, „wir weigern uns zu glauben, dass die ‚Bank der Gerechtigkeit‘ bankrott ist“. Jetzt ist die Zeit, so King, diesen Scheck einzulösen.

 

Recht auf Unzufriedenheit und Recht auf den amerika-nischen Traum

 

Weiter erklärt Martin Luther King, wenn er gefragt werde, ob er denn nicht zufrieden mit dem sei, was die Bürgerrechtsbewegung erreicht habe, dann könne er nur antworten „Wir sind nicht zufrieden“ (‚We cannot be satisfied‘). In sechs Varianten begründet er dieses „we cannot be satisfied“; so „können wir nicht zufrieden sein, solange die Bürgerrechte nicht für alle gelten.“ Diesen sechs Aussagen des „We cannot be satisfied“ stellt King dann sechs Versionen seines Traums gegenüber, eines Traums, der tief im ‚amerikanischen Traum‘ verwurzelt ist: der Traum von einem gerechten Land. Sechsmal beschreibt er diesen Traum mit den Worten „I have a dream“ (‚Ich habe einen Traum‘). Er träumt davon, dass eines Tages die Kinder der früheren Sklaven und die Kinder der früheren Sklavenhalter gemeinsam an einem Tisch der Brüderschaft zusammensitzen, im vierten Traum beschreibt er die Zukunft seiner vier Kinder, die eines Tages nicht anhand ihrer Hautfarbe, sondern aufgrund ihrer Persönlichkeit beurteilt werden. Die sechste Vision seines Traumes knüpft an die Weissagung Deuterojesajas (Jesaja 40,4) an, die davon spricht, dass eines Tages die Täler zugeschüttet und die Berge abgetragen werden, das Ungleiche eben und das Krumme gerade wird, damit die Ehre Gottes offenkundig wird.

 

Im Glauben handeln

 

Mit diesem Jesajabezug knüpft Martin Luther King an den Glauben der Gründungsväter der Vereinigten Staaten von Amerika an, die ein Leben zu Gottes Ehre im Einklang mit ihrem Gewissen führen wollten, nachdem sie sich durch die Auswanderung aus der Bevormundung der als übermächtig empfundenen Staatskirche Englands befreit hatten. Für diese Freiheit hatten sie ihre Heimat verlassen, um ein neues Land, ‚the Land of Liberty‘ (das Land der Freiheit) zu schaffen. Und in diesem Glauben ruft King die Demonstrierenden auf, wieder nach Hause zurückzukehren, denn der Glaube kann Berge versetzen; mit diesem Glauben, so King, „können wir zusammen arbeiten, zusammen beten, zusammen kämpfen, zusammen ins Gefängnis gehen, denn wir wissen, dass wir eines Tages frei sein werden“. Dabei kann das englische Wort „faith“ sowohl ‚Glauben‘ wie ‚Vertrauen‘ bedeuten.

Let freedom ring

 

Sie wird mit einem Zitat aus der von Samuel Francis Smith 1831 geschriebene Hymne „My country, ‚tis of Thee, sweet land of libertylet freedom ring” (‚Mein Land, es ist von dir, süßes Land der Freiheit, … lass‘ den Ruf der Freiheit erschallen‘) eröffnet. Mit diesem Zitat greift King erneut den Gründungsmythos der Pilgrim Fathers auf. Dieses Lied wird auf die Melodie der englischen Nationalhymne „God save the Queen“ gesungen und stellt dem royalistischen Gedanken eine republikanische Haltung entgegen. Noch heute wird sie besonders gerne von republikanisch-konservativen Kreisen auch im Widerstand gegen die Zentralregierung in Washington gesungen.

Let freedom ring“ ist die Botschaft dieser Hymne, die Martin Luther King nutzt, um die ‚neue Zeit‘ zu beschreiben. So soll der Ruf der Freiheit von den schneebedeckten Gipfeln der Rocky Mountains, den Höhen der Appalachen, den Hügeln von Mississippi oder den Bergen Georgias erschallen. King stellt so die Bürgerrechtsbewegung der Nachkommen der US-amerikanischen Sklaven in die Tradition der Pilgrim Fathers. Auch die Söhne und Töchter der ehemaligen Sklaven können den amerikanischen Traum erleben, wenn sie gemeinsam mit allen anderen als Kinder Gottes singen: „Free at last, free at last, Great God a-mighty, we are free at last“ (‚Endlich frei, endlich frei, Allmächtiger Gott, wir sind endlich frei‘).

 

Freiheit heute

 

So endet mit diesem letzten Zitat Martin Luther Kings große Rede in einem Bekenntnis an die Freiheit des Menschen, die in der Allmacht Gottes geborgen sind. Ganz in der Tradition des amerikanischen Traums sind es Menschen, die, getragen durch den Glauben an den allmächtigen Gott, ihr Schicksal gestalten und das Land der Verheißung schaffen. Die Rede, fünfzig Jahre später gelesen, ist ein eindrucksvolles Dokument für den Glauben Martin Luther Kings, dass Menschen im Vertrauen auf Gott ihr Leben selbst gestalten können. Martin Luther King bleibt dem amerikanischen Traum treu; er misstraut wie viele seiner Landsleute dem Staat, der doch dem Volk dienen soll. Trotz aller Kritik am gewalttätigen Rassismus besonders in den Südstaaten, der auch heute noch virulent ist, erwartet Martin Luther King die Befreiung der Kinder der ehemaligen Sklaven nicht von den staatlichen Institutionen, er fordert auch nicht das Eingreifen des Staates, sondern er setzt auf die Freiheit und auf die Stärke der Menschen, die im Vertrauen auf Gott an seinem Reich bauen. Ein wenig von diesem Gottvertrauen kann auch uns gut tun und in unserem Alltag wirksam werden.

 

Bernhard Scholten