Alt(ernativ)-katholisch?

 

Seit ich 1990 alt-katholisch geworden bin, ist er mir immer wieder begegnet: Der gelbe Aufkleber mit der roten Schrift „alt(ernativ)-katholisch“. Lange Zeit fand ich ihn ganz witzig. Und auch zutreffend. Schließlich war die alt-katholische Kirche eine katholische ‚Alternative‘ zu der römisch-katholischen Konfession, aus der ich ausgetreten war. Eine Alternative, in welcher es im Gegensatz zu meiner ehemaligen kirchlichen Heimat das gab, was sich ein reform-orientierter Katholik wie ich eigentlich immer gewünscht hatte: volles Mitsprache- und Mitbestimmungsrecht (Synodalität), ein menschlicher Umgang mit dem Scheitern, tiefe ökumenische Beziehungen zu anderen Kirchen, keine Exkommunikation von irgendjemandem, die Ordination von Frauen (damals zumindest schon Diakoninnen), keine verpflichtende Ehelosigkeit für Geistliche, ...

 

Je länger ich Mitglied meiner Kirche bin, desto mehr spüre ich aber, dass wir uns mit diesem ‚Alt(ernativ)-Katholisch‘ letztlich immer in Abgrenzung von der römisch-katholischen Konfession definieren. Das zeugt von wenig Selbstbewusstsein. Und es macht uns klein. Aber wir sind schon klein. Wir müssen uns nicht noch zusätzlich selber klein machen.

 

Ich frage mich: Haben wir nicht ein Profil, welches weit über die Unterschiede zur Römisch-katholischen Kirche hinaus geht? Lassen wir uns möglicherweise in unserer Selbstdarstellung manchmal zu sehr davon leiten, was uns von der ‚großen‘ katholischen Kirche unterscheidet?

 

Zudem: Impliziert dieses Wort ‚Alternativ‘ nicht eine furchtbar arrogante Haltung? Die hochnäsige Ansicht, etwas Besseres zu sein. - Nicht unbedingt eine Haltung, mit der ich die Eigenschaft ‚christlich‘ assoziieren möchte.

 

Und: Wer den real existierenden Alt-Katholizismus kennt, weiß, dass auch bei uns nicht alles Gold ist, was da möglicherweise so schön und verlockend glänzt. Und wie viele ‚Reformer‘ waren nur so lange begeistert von unserer bischöflich-synodalen Struktur, bis sie dann auf einmal mit einem Anliegen keine Mehrheit in der Gemeindeversammlung oder auf der Synode gefunden haben - obwohl sie doch vollkommen davon überzeugt waren, dass ihr ‚progressives‘ Anliegen von der alt-katholischen Kirche auf jeden Fall unterstützt werden würde.

 

Ich möchte dagegen ganz andere Aspekte unseres Profils in den Fokus unserer Öffentlichkeitsarbeit stellen. Sicherlich werden solche Dinge wie Synodalität weiterhin profiliert erwähnt sein; denn die Synodalität prägt unsere alt-katholische Kirchenstruktur. Und natürlich sollen auch Frauenordination und Ökumene einen deutlichen Akzent haben, denn sie sind wesentlich für uns.

 

Daneben möchte ich aber auch solche Profilelemente wie unsere Spiritualität stellen oder die Tatsache, dass wir eine kleine Kirche sind. Eine kleine Kirche nicht nur im Blick auf unsere bundesweiten Mitgliederzahlen, sondern gerade auch in Blick auf unsere Gemeinden, die im Durchschnitt ‚nur‘ 300 bis 500 Mitglieder haben. Eine Größe, in der man sich noch kennt. Eine Größe, in der so etwas wie Seelsorge noch möglich ist. Wo die Einzelnen noch etwas von der Aufmerksamkeit erleben können, die ihnen als Ebenbild Gottes zukommt. Auch wenn diese geringe Größe den unübersehbaren Nachteil mit sich bringt, dass wir nicht flächendeckend vertreten sind. Und das ist ja ein Unterschied nicht nur zur römisch-katholischen, sondern auch zur evangelischen Kirche.

 

Nennen möchte ich die flache Hierarchie und nahezu nicht vorhandene Bürokratie, die zwar manchmal auch ihre eigenen Schwierigkeiten mit sich bringt, deren Vorteile nach meinem Empfinden aber weit überwiegen. Oder auch unsere Fröhlichkeit, die ich in vielen alt-katholischen Gemeinden schon erleben durfte. Die Sangesfreude und -kraft selbst bei kleinen alt-katholischen Gottesdienstgemeinden.

 

Ich möchte, dass wir uns selbstbewusst als eine unabhängige, eigenständige katholische Kirche darstellen. Nicht als eine Gemeinschaft, die sich nur in Abhängigkeit von Rom zu definieren vermag. Denn sonst bleiben wir immer abhängig. Und eine solche Abhängigkeit kann uns nicht gut tun.

 

Ich bin nicht alternativ-katholisch. Ich bin alt-katholisch. Und ich bin stolz darauf.

 

Walter Jungbauer