Bei Visionen zum Arzt?

 

Vor etwa 300 Jahren machte sich der Fürst eines unbedeutenden deutschen Kleinstaates auf zur Jagd in den riesigen Hardtwald. Nach einigen Stunden übermannte die Müdigkeit Markgraf Karl-Wilhelm von Baden-Durlach, und er legte sich unter einen Baum, um ein wenig zu ruhen. Er schlief ein und hatte einen Traum: Hier, an dieser Stelle, würde er ein Schloss bauen und darum eine Stadt. Alle Straßen sollten wie bei einem Fächer auf das Schloss zulaufen, so dass alle Untertanen, wenn sie auf die Straße traten, das Schloss sehen konnten. Das ist die Gründungslegende meiner Heimatstadt Carols Ruhe, so habe ich das im Heimatkundeunterricht in der Grundschule gelernt. 1715 wurde das Schloss gebaut, zunächst sehr schlicht zu einem guten Teil aus dem Holz des Hardtwaldes, und es wurden die ersten Straßen angelegt.

 

Heute denke ich mir, ganz so wird es wohl nicht gewesen sein. Man schläft normalerweise nicht ein und träumt Baupläne. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass den Markgrafen wie andere kleinere Herrscher in deutschen Landen, die sich die französischen Könige zum Vorbild nahmen, die Repräsentationswut gepackt hat und der Wunsch, dem absolutistischen Herrschaftsgedanken auch architektonisch Ausdruck zu verleihen. Seine Residenz, die verbaute Kleinstadt Durlach – heute ein Stadtteil von Karlsruhe – konnte diesem Ideal nicht mehr genügen. Dann wird Karl wohl ab und zu durch seinen Wald geritten und, wenn die Jagd langweilig wurde, in Tagträume verfallen sein.

 

Das waren ziemlich egoistische Träume eines absolutistischen Herrschers, aber er hat sie verwirklicht. Noch heute kann man von fast jedem Punkt der Karlsruher Innenstadt aus den Turm des Schlosses sehen. Wie Karl es angepackt hat, zeigt mir, dass er vielleicht ein Tagträumer, aber kein Spinner war. Er hat seinen Traum umgesetzt, aber er hat sich nicht übernommen. Er hat ihn verwirklicht mit den Mitteln, die ihm praktisch kostenlos zur Verfügung standen: mit dem Holz aus dem Wald, der sowieso gerodet werden musste.

 

Helmut Schmidt

 

Im Bundestagswahlkampf 1980 hat Helmut Schmidt seinen berühmt gewordenen Ausspruch getan: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Dass er berühmt wurde, ist kein Wunder, so prägnant, wie dieses Wort einen Angriff und einen Anspruch zum Ausdruck bringt: den Angriff auf die politischen Gegner, die mit einem Wort als weltfremde Fantasten abqualifiziert werden, und den Anspruch der eigenen Partei, zu den Realisten zu gehören, die mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. Es klingt gut, weil etwas Richtiges daran ist.

 

Falsch ist der Satz trotzdem, gerade in der Politik. Karlsruhe gäbe es nicht ohne Karls Traum. Die USA hätten heute keinen schwarzen Präsidenten ohne den Traum Martin Luther Kings vor 50 Jahren und anderer, die die Vision eines freien Amerika für alle mitgetragen haben. Es gäbe keine Autos ohne die Besessenheit von Leuten wie Karl Benz und Gottlieb Daimler, vermutlich wäre nicht einmal das Rad erfunden worden ohne die Vision, dass sich Lasten doch auch mit weniger Plackerei von einem Ort an den anderen befördern lassen müssten. Es gäbe aber auch keine Demokratie, keine Krankenkasse, keinen Urlaub, keine Gleichberechtigung, keine Europäische Union und keinen Frieden in Europa immerhin seit 1945 ohne die Visionen von Menschen, die davon träumten, dass es doch möglich sein müsste. Ohne Jesu Vision vom Reich Gottes gäbe es das Christentum nicht, ohne Menschen wie Ignaz von Döllinger und Johann Friedrich von Schulte nicht unsere Kirche, ohne viele, viele kleine Träume und Ideen wären unsere Gemeinden tot. Wir lebten noch immer in der Steinzeit und verhielten uns auch so. Der Faustkeil würde regieren.

 

Daran, dass Visionen wahr geworden sind und unsere Welt verändert haben, nach vorne gebracht haben, ändert auch nichts, dass sich Menschen immer wieder auch heute noch wie Steinzeitmenschen aufführen. Selbst dass manche Entwicklungen alles andere als gut waren, dass andere, gute Entwicklungen längst nicht abgeschlossen sind, wie der Weg zu einer gerechteren Welt, dass es Kräfte gibt, die Errungenschaften aus egoistischen Motiven torpedieren wollen, und die Tatsache, dass man oft froh sein müsste, wenn die Leute, die sich bekriegen, auch heute noch auf Faustkeile angewiesen wären, das alles nimmt den Visionen nicht ihren Wert. Sie sind die Kraft, die Entwicklung möglich macht.

 

Dann, wenn der Traum einen Suchprozess angestoßen hat, wenn ein Nachdenken über die Verwirklichung eingesetzt hat, dann kann Helmut Schmidt zu Recht ins Spiel kommen. Dann müssen Leute wie er die Frage stellen, ob das Ganze denn vernünftig ist, ob es denn wünschenswert ist und umgesetzt werden kann, ob es überhaupt bezahlbar ist. Sie dürfen nicht zu früh kommen, denn dann rufen sie nur: Das ist doch sowieso Quatsch, das kann ja nie gehen, das ist ja viel zu teuer – und damit ist der Impuls abgewürgt. Aber wenn die Faszination des neuen Gedankens Menschen ergriffen hat, so dass sie angefangen haben nachzudenken, wie sich da etwas umsetzen ließe, dann müssen sie kommen und den Prozess aus den Wolken auf den Boden holen.

 

Es müssen nicht unbedingt verschiedene Personen sein, es kann auch derselbe Markgraf sein, der zuerst die Vision von einem prächtigen Schloss und einer Stadt hat und der sich dann damit zufriedengibt, das erst einmal aus Holz zu bauen. Das zeigt, dass das Umsetzen von Visionen langen Atem braucht, denn der Markgraf sah sich mit seinem Holzschloss sicher nicht am Ziel seiner Träume, aber er hatte erreicht, dass er mit der Verwirklichung anfangen konnte und der Boden bereitet war, um dann doch noch in Stein zu bauen.

 

Deshalb dürfen sich die Visionäre – oder darf sich der Träumer in uns – auch nicht zu schnell entmutigen lassen, wenn die Rationalisten ihre Einwände bringen. Sie müssen hartnäckig sein können, wenn sie etwas erreichen wollen, sie müssen die Einwände aufnehmen und auf sie reagieren. So werden sie geerdet und kommen der Realität und der Realisierung näher. Wer Wahnvorstellungen hat, der soll zum Arzt gehen. Wer eine Vision hat, der soll zu den Wissenschaftlern gehen, in die politischen Gremien und zu möglichen Geldgebern; der soll werben für seine Idee und Menschen dafür gewinnen.

 

Die Visionäre alleine bauen nur Wolkenkuckucksheime. Die Rationalisten alleine bauen allenfalls Mietskasernen. Aber sie beide zusammen, sie bauen Schlösser und Städte, christliche Gemeinden und, am Ende, eine gerechte und friedvolle Welt – und, mit der Hilfe von Gottes größtem Visionär Jesus Christus, das Reich Gottes.

 

Gerhard Ruisch