Im Trüben fischen?

 

Kurz bevor Papst Benedikt XVI. seinen Rücktritt bekannt gab, hat eine andere Meldung im Radio kaum weniger meine Aufmerksamkeit geweckt: Da wurde gesagt, dass eine Gruppe von Lutheranern beim Vatikan angefragt habe, ob es nicht möglich wäre, sich nach dem Vorbild der Anglikaner der Römisch-Katholischen Kirche anzuschließen. Den Anglikanern hatte der Papst im Jahre 2009 die Möglichkeit eröffnet, Teil der römischen Kirche zu werden, aber in einer eigenen Organisation, mit Personalordinariaten, die direkt dem Papst unterstellt sind. Geleitet wird das erste Ordinariat von England und Wales von dem früheren anglikanischen Bischof Keith Newton, der die römisch-katholische Priesterweihe empfangen hat. Verbunden mit dem Übertritt ist die Erlaubnis, den Glauben auf die gewohnte anglikanische Weise mit anglikanischer Liturgie weiter zu leben.

Eine durchaus beachtliche Zahl von Anglikanern hat bisher von der päpstlichen Einladung Gebrauch gemacht, zum Teil ganze Gemeinden. Dies geschah nicht nur zur Freude vieler römisch-katholischer Christen, denn es waren ausschließlich sehr konservative Anglikaner, die diesen Schritt machten, Menschen, die vor allem die Weihe von Frauen und homosexuell liebenden Menschen in geistliche Ämter und Segnungen für homosexuelle Partnerschaften ablehnten – und nicht alle wollten nun diese Seite auch noch gestärkt sehen.

 

Und nun die Anfrage aus der Lutherischen Kirche, ob so eine Konstruktion auch für Lutheraner denkbar wäre. Papst Benedikt hat es grundsätzlich für möglich erklärt. Das ist ja eigentlich nicht weiter erstaunlich, denn warum soll das, was für die Anglikaner gilt, nicht auch für Mitglieder anderer Kirchen gelten? Im Prinzip ist es ja auch nichts Anderes als das, was schon seit langer Zeit im großen Stil mit den unierten Ostkirchen praktiziert wird, orthodoxe Kirchen, die sich der römischen Kirche angeschlossen haben, aber die orthodoxe Liturgie feiern. Die Priester sind nicht einmal zum Zölibat verpflichtet.

 

Dem Vorsitzenden des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, brachte das gleichwohl die Frage ein, ob der Papst mit solchen Angeboten nicht im Trüben fischt, also ob er damit nicht anderen Kirchen ihre Gläubigen abwirbt – zum Beispiel Hans Küng hatte die Frage schon seinerzeit bei den Anglikanern gestellt, nun kam sie von mehreren Seiten neu auf. Das Abwerben von Gläubigen aber ist in der Ökumene seit langem verpönt.

 

An dieser Stelle des Rundfunkbeitrags wurde ich ganz hellhörig, denn das war mir recht vertraut. War das nicht genau der Vorwurf, den ich im Lauf der Jahre immer wieder vor allem von römisch-katholischen Kollegen der konservativeren Art zu hören bekommen hatte? Wir Alt-Katholiken würden im Trüben fischen und versuchen, der Römisch-Katholischen Kirche ihre Gläubigen abzuwerben? Dieser Vorwurf kam oft auf eine Weise, dass ich schon gar nicht mehr wusste, wie ich denn eigentlich noch über uns selbst reden sollte. Wenn ich sagte: „Bei uns gibt es Priesterinnen“, dann konnte ich zu hören bekommen, ich würde gegen „die Katholische Kirche“ polemisieren, bei der es keine Priesterinnen gibt, um Leute abzuwerben. Ebenso, wenn ich unsere synodalen Strukturen erwähnte oder dass wir Priesteramt und Familienleben vereinbaren. Dabei hatte ich die Römisch-katholische Kirche überhaupt nicht erwähnt! Sicher, es wäre kein guter Stil, sich auf Kosten der großen Schwesterkirche profilieren zu wollen. Aber ich muss doch sagen dürfen, wie es bei uns ist.

 

Und nun der gleiche Vorwurf ausgerechnet gegenüber der römischen Kirche, genau dieses, sie würde im Trüben fischen und Menschen abwerben wollen. Ich war gespannt, was Kardinal Koch dazu sagen würde. Er sagte: „Der Papst fischt überhaupt nicht. Da sind Fische, die sind aufs Trockene geraten und suchen nun nach neuem Wasser. Wir bieten es ihnen.“ Eine gute Antwort. Verblüffenderweise genau dieselbe, die ich sinngemäß immer gebe auf den Vorwurf, wir würden anderen Kirchen die Gläubigen abspenstig machen. Ich sage gewöhnlich, dass wir überhaupt niemanden abwerben, sondern dass es uns um die Menschen geht, die kirchlich heimatlos geworden sind. Und diese Aussage ist auch keine Heuchelei, denn Menschen, die in ihrer Kirche zuhause, zufrieden und engagiert sind, lassen sich sowieso nicht abwerben. Und solche, die sich über lange Zeit sehr engagiert haben, dann aber resigniert haben und zutiefst enttäuscht sind, sie müssen nicht geworben werden. Da trifft das Bild des Kardinals sehr gut: Sie sind aufs Trockene geraten und schnappen verzweifelt nach Luft. Und suchen Wasser. Es ihnen zu geben, ist nichts Verwerfliches, weder für den Papst noch für uns.

 

Es wird wohl immer so sein, dass es eine gewisse Wanderungsbewegung zwischen den Kirchen gibt. Es ist legitim, dass Christen entdecken, dass sie sich in einer anderen spirituellen Tradition oder mit anderen theologischen oder machtpolitischen Positionen wohler fühlen. Freilich ist es für uns als Kirche, die sich nicht als die Kirche sieht, sondern nur als Teil der einen katholischen Kirche, einfacher auszuhalten, wenn auch Menschen einen anderen christlichen Weg nehmen, als wenn wir das gleich für einen Glaubensabfall halten würden.

Wenn aber, was nur eine Frage der Zeit ist, mir einmal wieder ein Kollege aus der großen Schwesterkirche Fischen im Trüben vorwirft, weil ich sage, wie es bei uns ist, dann kenne ich nun einen guten Vergleich. Und kann mich sogar auf Papst Benedikt XVI. berufen als Vorbild. Danke!

 

Gerhard Ruisch