Buona Sera“

Zur Wahl von Papst Franziskus

 

Mit einer Spannung, die mich selbst überrascht hat, habe ich den ersten „Auftritt“ des neuen Papstes auf der Loggia des Petersdoms miterlebt – nun, eigentlich ist es kein Wunder, denn es hat ja schon auch Auswirkungen auf uns Alt-Katholiken und auf die Beziehungen der beiden Kirchen, was für eine Persönlichkeit der Papst ist. Dann trat er auf, Franziskus, und winkte so freundlich und strahlte und wirkte auf mich so sympathisch, dass ich mich richtig freute. Nicht fromme Worte sagte er als erstes, sondern schlicht „guten Abend“. Dann seine Ansprache: Keine vorbereitete Rede, keine hohe Theologie, die er abgelesen hätte. Einfach ein paar freundliche Worte, frei vorgetragen in akzentfreiem Italienisch – ich wusste ja noch nicht, dass er das von seinen nach Argentinien ausgewanderten italienischen Eltern gelernt hatte. Als er dann noch sagte, er wolle jetzt alle Menschen auf dem Platz und in der ganzen Welt segnen, bitte aber zuvor um einen Gefallen, nämlich zunächst für ihn zu beten, da war ich berührt. Und ich denke, das ist schon viel wert, ein Papst, der freundlich, menschlich, nahe ist und eine Sprache sprechen kann, die die Menschen verstehen. Die Herzen werden ihm zufliegen.

 

Weil ich ein neugieriger Mensch bin, habe ich natürlich auch versucht, etwas über diesen Kardinal Jorge Bergoglio in Erfahrung zu bringen. Der „charismatische Kardinal der Armen“ habe immer wieder für mehr soziale Gerechtigkeit geworben und die politischen Eliten Argentiniens für Fehler in ihrer Sozialpolitik kritisiert, war zu lesen. Dass er sich den Hl. Franziskus als Namenspatron wählte, lässt hoffen, dass er in dieser Richtung weitergehen und sich wie Franz von Assisi besonders für die Armen einsetzen möchte. Ob das wohl auch bedeutet, dass die jahrzehntelange Unterdrückung der Theologie der Befreiung und der lateinamerikanischen Basisgemeinden ein Ende haben wird? Ich hoffe es sehr. Hier liegt eine große Chance, dass mit diesem Papst wirklich frischer Wind in den Vatikan und seine kirchenpolitische Linie wehen wird.

Freilich gibt es auch Verdächtigungen gegen Franziskus. Zu große Nähe zur früheren argentinischen Militärdiktatur ist ihm vorgeworfen worden, sogar Mitschuld am Verschwinden zweier Jesuitenpatres. Ich gehe davon aus, dass diese Vorwürfe den Papstwählern bekannt waren und dass eine Wahl nicht erfolgt wäre, wenn sie nicht entkräftet hätten werden können.

 

Viel mehr stimmt mich nachdenklich, was ich über seine moraltheologischen Positionen lese, insbesondere über die Wortwahl. 2010 hat Argentinien ja als erstes lateinamerikanisches Land die Eheschließung gleichgeschlechtlicher Paare möglich gemacht. Das habe er in einem Brief an die argentinische Regierung mit deutlichen Worten kritisiert, er sprach von einem „echten und bitteren anthropologischen Rückfall“. In Wikipedia ist zu lesen, dass er in einem Brief an die Klöster von Buenos Aires geschrieben hat: „Lasst uns nicht naiv sein, wir reden nicht von einem einfachen politischen Schlagabtausch; es ist eine destruktive Anmaßung gegen den Plan Gottes. Wir reden nicht über ein bloßes Gesetz, sondern eher eine Intrige vom Vater der Lügen, welche die Kinder Gottes zu verwirren oder zu täuschen versucht.“ Die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner kritisierte damals Bergoglios Haltung; sie sagte, der Ton der Kirche erinnere sie an „Mittelalter und die Inquisition“. Auch in anderen Fragen der kirchlichen Morallehre sei  Bergoglio sehr konservativ.

 

Wenn das so stimmt, dann ist das ein Problem. Ein netter, sympathischer, freundlicher Papst, den man mögen muss, der dann aber in moralischen Fragen wie der Einschätzung von Homosexualität, dem Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, der Erlaubnis von Empfängnisverhütung, der Beurteilung von Abtreibung nicht nur die bisherige Linie weiterführte, sondern gleich noch den Teufel ins Spiel brächte und entsprechend kämpferisch aufträte, das wäre eine brisante Kombination. Das könnte den verzweifelten Kampf homosexuell liebender Menschen etwa in afrikanischen Ländern um die fundamentalsten Menschenrechte, der so schon äußerst schwierig ist, fast aussichtslos machen, ebenso die Versuche, die epidemische Verbreitung von AIDS einzudämmen (in Argentinien hat sich Bergoglio gegen die kostenlose Verteilung von Verhütungsmitteln gewandt). Die Geschiedenen wären für weitere Jahre von den Sakramenten ausgeschlossen, Frauen, die abgetrieben haben, als Mörderinnen gebrandmarkt (gegen Abtreibung und Euthanasie hat er sich als Erzbischof sehr deutlich positioniert).

Eine Hoffnung bleibt. Schon mancher Kardinal hat, als er dann Papst wurde, seine Rolle und seine Position noch einmal gründlich überdacht und dann Akzente anders gesetzt, war dann anders, als man es von ihm erwartet hat. Es ist der Römisch-Katholischen Kirche zu wünschen, dass dies geschieht. Dann könnte Franziskus I. trotz seines vorgeschrittenen Alters tatsächlich ein Papst werden, der seine Kirche neu ausrichtet, Verkrustungen aufbricht und das Amt menschlicher macht. Als Alt-Katholiken dürften wir vielleicht sogar davon träumen, dass ein persönlich bescheidener Papst, als der er beschrieben wird, die Größe haben könnte, ein Stück seiner absoluten hierarchischen Macht abzugeben, mehr Regionalität zuzulassen, den unteren Ebenen vor Ort zuzutrauen, dass sie Situationen besser einschätzen können als eine weit entfernte Zentrale, vielleicht sogar dem Gottesvolk ein wenig mehr Mitentscheidungsvollmacht einzuräumen, kurz: etwas mehr Synodalität zuzulassen.

 

Dann müssten die anderen Kirchen sich nicht mehr fragen, ob der neue Papst die Ökumene fördern oder blockieren wird. In Südamerika hat er wohl nicht viel an Ökumene erlebt, doch immerhin hat er auch einige Jahre in Deutschland studiert und spricht deutsch. Er hat also auch im Land der Reformation gelebt, in dem die beiden großen Kirchen gleich stark sind und eine Fülle unterschiedlichster kleinerer Kirchen ökumenisch zusammen leben und arbeiten. In Buenos Aires hat er das Verhältnis zu den Juden sehr gepflegt. Das lässt auch für die kirchliche Ökumene hoffen. Die Protestanten würden sich freuen, wenn sie endlich als Kirchen anerkannt würden, wir Alt-Katholiken, wenn sich die große Schwesterkirche bei unserem zentralen Anliegen, dem Mitbestimmungsrecht des Gottesvolkes, auf uns zu bewegen könnte.

Es ist nicht nur für uns wünschenswert, sondern zuallererst für die Römisch-Katholische Kirche. Denn es gab schon einmal einen Papst, der den Ruf hatte, ausgesprochen freundlich, nett und jovial zu sein. Das hat ihn nicht gehindert, Gegner zu verfolgen und das 1. Vatikanische Konzil loszutreten, um für unfehlbar erklärt zu werden und die absolute Macht zugesprochen zu bekommen. Auch wenn Johannes Paul II. diesen Papst Pius IX. seliggesprochen hat: Sein Pontifikat war eines der verhängnisvollsten in der Geschichte.

 

So ist also alles offen am Beginn dieses Pontifikats. Ich glaube, ich hoffe, die Chancen stehen gut, dass der freundliche Papst Franziskus I. kein zweiter Pio Nono wird. Denn wenn er ein so bescheidener Mensch ist, wie sein Ruf sagt und wie es sein Namenspatron war, dann wird er eines können, was seinem Vorgänger abging: zuhören, für möglich halten, dass auch andere Menschen gute Gedanken haben. Wer sich nicht für den besten Theologen der Welt hält, kann sich auch beraten lassen. Denn schon im biblischen ersten Buch der Könige (3,9) erfahren wir, was ein Mensch durch ein hörendes Herz wird: weise. Und wenn der neue Papst etwas braucht, dann ist es Weisheit.

Gerhard Ruisch