Vom Professor Joseph Ratzinger zum Papst Benedikt XVI. - Erinnerungen

 

Als junger Theologiestudent habe ich Joseph Ratzinger 1968/69 als Professor für Dogmatik in Tübingen persönlich kennen und schätzen lernen dürfen. Von seinen Vorlesungen, von der Schärfe seiner tiefgründigen Gedanken, von seinem genialen Gedächtnis, von der Eleganz seiner geschliffenen Worte war ich begeistert. Ihm verdanke ich neben Professor Hans Küng, der zur gleichen Zeit in Tübingen Dogmatik dozierte, meine Freude an der Theologie, aber auch meine Aufgeschlossenheit für eine kritische Auseinandersetzung mit den Fragen des Glaubens und der Kirche. In seinen theologischen Positionen habe ich ihn als einen fortschrittlichen und reformfreudigen Lehrer erlebt, der beim Zweiten Vatikanischen Konzil als Berater des Kölner Erzbischofs Kardinal Joseph Frings wichtige Impulse zur Erneuerung der Kirche angestoßen hatte. Neben Hans Küng gehörte Ratzinger zu den jüngsten Konzilstheologen.

Auch bei persönlichen Begegnungen und Gesprächen durfte ich ihn als einen sympathischen, geistvollen und geistlichen, bescheidenen und hoch intelligenten Menschen wahrnehmen. Da ich damals zu den Priesteramtskandidaten des Erzbistums Köln gehörte, hatte der damalige Bischof von Köln, Kardinal Joseph Frings, seinen Konzilsberater Joseph Ratzinger gebeten, sich als „Ephorus“ in besonderer Weise um die Theologiestudenten aus Köln zu kümmern. Dieser Aufgabe kam Ratzinger nach, indem er uns mehrmals zu Gesprächsrunden einlud. Diese Begegnungen haben sich mir nachhaltig eingeprägt.

 

Doch dann kam die Wende in seinem Leben. Die Studentenunruhen der 1968er Jahre veränderten ihn zu einem ängstlichen und konservativen Theologen. 1969 verließ er Tübingen, um den Lehrstuhl für Dogmatik in ruhigerem Fahrwasser an der Universität Regensburg in seiner bayrischen Heimat zu übernehmen, in der Nähe seines Bruders Georg, dem Domkapellmeister der Regensburger Domspatzen. In seinem Buch „Umstrittene Wahrheit, Erinnerungen“, (Piper Verlag München 2007, S. 171) beschreibt Hans Küng diesen Wechsel seines von ihm ebenso geschätzten Kollegen. Küng hatte sich seinerzeit (1965/1966) engagiert dafür eingesetzt, dass Ratzinger von Münster kommend den Lehrstuhl in Tübingen erhielt. Aber nach seinem Weggang von Tübingen gingen die beiden Kollegen sehr verschiedene Wege.

 

Nach seiner Zeit als Professor in Regensburg ist die nächste Station für Joseph Ratzinger München, wo er von 1977 bis 1981 als Erzbischof und Kardinal tätig ist, bis ihn schließlich Papst Johannes Paul II. drängte, nach Rom zu kommen, um dort als Kurienkardinal und Chef der Glaubenskongregation, der früheren Inquisition, einer der mächtigsten Männer an der Seite des polnischen Papstes zu werden. Hier blockierte er als Handlanger seines Chefs knallhart zahlreiche Reformbemühungen und damit den hoffnungsvollen Aufbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils.

 

Dabei hat er in vielerlei Hinsicht Positionen vertreten und in der römisch-katholischen Kirche durchgesetzt, die im deutlichen Gegensatz zu alt-katholischen Auffassungen stehen: Ablehnung von mehr Synodalität in der Kirche, Ablehnung der Frauenordination, Ablehnung eucharistischer Gastfreundschaft und anderer ökumenischer Erwartungen, eine sehr enge ausgrenzende Haltung in verschiedenen Fragen der Sexualethik, Verweigerung der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene, Verurteilung der Befreiungstheologie (Ernesto Cardenal, Leonardo Boff), Lehrverbot für reformfreudige Theologen (zum Beispiel seinen früheren Kollegen Hans Küng), Festhalten am Pflichtzölibat, Schließung der Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen usw. Der „progressive“ Konzilstheologe und Professor wurde zum „konservativen“, engen und strengen Richter und Verteidiger der angeblichen Glaubenswahrheiten.

 

2005 wurde er zum Nachfolger von Papst Johannes Paul II. gewählt und gab sich den Namen Benedikt XVI. Am 11. Februar 2013 teilt Benedikt XVI. völlig überraschend der Weltöffentlichkeit mit, dass er zum 28. Februar aus gesundheitlichen Gründen sein Amt als Papst beenden wird.

 

Als mich die überraschende Nachricht von der Ankündigung des Rücktritts des Papstes aus Rom ereilte, stand ich gerade zusammen mit dem Kölner Pfarrer Jürgen Wenge mitten im Karnevalstreiben beim Rosenmontagszug in meiner Heimatstadt Köln. Dementsprechend hielt ich diese Meldung zunächst für einen zum rheinischen Humor passenden Scherz, denn mit einem solchen Schritt hatte wohl niemand gerechnet. Als sich dann die Ernsthaftigkeit dieser Neuigkeit herausstellte, empfand ich Hochachtung und Respekt für diese mit einer Jahrhunderte langen Tradition brechende mutige Entscheidung. Für mich ist es ein erstaunlicher Akt der Demut und geradezu eine Revolution. Meine Hoffnung wäre, dass angesichts der eingestandenen physischen und mentalen Gebrechlichkeiten (2 Kor 4,7) und Fehlerhaftigkeit eines Papstes sich zugleich auch eine Relativierung und Erschütterung des mächtigen und unfehlbaren Absolutheitsanspruchs, der mit diesem Amt des angeblich „unerschütterlichen Felsenmannes“ mit dogmatischem Gewicht verbunden wurde, anbahnen könnte.

 

Zwei Persönlichkeiten

 

Ein weites Feld der Nachdenklichkeit tut sich in mir auf. In Erinnerung an Josef Ratzinger sehe ich zwei völlig verschiedene Persönlichkeiten vor mir: 1. den reformfreudigen, geistreichen Konzilstheologen des Aufbruchskonzils „Vatikanum II“ und den Professor aus meiner Tübinger Studentenzeit, der in mir die Leidenschaft für theologische Fragen geweckt hat, und 2. den Chef der Glaubenskongregation, der im Auftrag seines Vorgängers systemkonforme Bischöfe eingesetzt, kritische Fragesteller verurteilt und mit Lehrverboten zum Schweigen gebracht hat und Neuerungen im innerkirchlichen und ökumenischen Zusammenhang verweigert hat. Viele haben die Unbarmherzigkeit von römischen Entscheidungen als menschenverachtend erlebt. Da sind unendlich viele Tränen geflossen und Wunden geschlagen worden, das kann ich bezeugen.

 

Auch im Pontifikat von Benedikt XVI. ist für mich jedenfalls nicht erkennbar geworden, dass er den entscheidenden, drängenden innerkirchlichen und ökumenischen Reformstau beherzt in Angriff genommen hat, eher war er der ängstliche „Cunctator“ (Zögerer). Aber, ehrlich gesagt, hatte ich da auch keine großen Erwartungen, da das Auswahlkriterium für das Kardinalskollegium ja offensichtlich die linientreue Verweigerung von Reformen zu sein scheint. Woher sollen da Impulse zur Erneuerung und Öffnung der Kirche kommen? Da müsste schon der heilige Geist der Kirche wieder eine Persönlichkeit wie Johannes XXIII. schenken.

Wenn die Versöhnung unter den getrennten Kirchen wirklich ein so wichtiges Anliegen für Benedikt XVI. war, warum hat er den Piusbrüdern, die im Protest gegen die Neuerungen des 2. Vatikanums entstanden sind, und nicht auch den Alt-Katholiken, die aus dem Protest gegen die Neuerungen des 1. Vatikanums hervorgegangen sind, die Hände entgegengestreckt? Warum hat er den Kirchen der Reformation die Qualität des „Kircheseins“ abgesprochen? Meine Deutung ist, dass ihm ein autoritär geleitetes System näher liegt als ein synodales. Das würde auch seine Annäherung an die orthodoxe Kirche und seine Ablehnung von synodalen Tendenzen in der römischen Kirche erklären. Neben der Verweigerung der Synodalität, da ja seit dem Vatikanum I. der Papst „ex sese, non ex consensu ecclesiae“ (aus sich, ohne Zustimmung der Kirche) unfehlbare Entscheidungen treffen kann, ist zugleich auch die Ablehnung von Frauen als Amtsträgerinnen in der Kirche ein Merkmal der traditionellen römischen Position. Ratzinger verurteilt die „Diktatur des Relativismus“, ohne eine selbstkritische Reflexion über die „Diktatur des Absolutismus“ in den Blick zu nehmen. In sein Pontifikat fallen viele Ereignisse, die der Glaubwürdigkeit von Kirche und ihren Vertretern sehr geschadet haben, und die den sensiblen, integren und frommen Kirchenmann sicher tief erschüttert haben. Die Angst, die ihn schon von Tübingen nach Regensburg trieb, hat ihn wohl auch weiterhin begleitet, bis zum mutigen Abschied, der für mich allerdings weniger Flucht, als vielmehr Realitätssinn, Verantwortung und Demut bedeutet. Mir scheint, dass dieser Rücktritt der möglicherweise bedeutendste Akt seines ganzen Pontifikates ist.

 

Mein Gebet und meine Hoffnung, wenn auch zugegebenermaßen wider alle Hoffnung, für den Nachfolger geht in die Richtung, dass es gelingen möge, das „horizontale Schisma“, das ich in der römisch-katholischen Kirche zunehmend beobachte: - oben eine sich immer mehr von den Realitäten, Sehnsüchten und Sorgen der Menschen an der Basis weit entfernende abgehobene, hierarchische, privilegierte, elitäre, sich oft unfehlbar und arrogant gebärdende, z.T. überalterte Männerrunde und unten eine sich immer mehr ausgeschlossen und unverstanden fühlende Gemeinschaft des Volkes Gottes - durch einen Dialog auf Augenhöhe (als Schwestern und Brüder - Mt 23,8.9) zu überwinden. Eine Utopie? „Reich Gottes“ und erst recht Kirche ist in unserer begrenzten Zeitlichkeit immer nur ein Provisorium, sozusagen eine „Notlösung“, da die damals erwartete endgültige Wiederkunft des Herrn so lange, bis heute, auf sich warten ließ. Daher steht Kirche immer in der Spannung des „schon jetzt“ und „noch nicht“, das geht nur mit dem Motto „ecclesia semper reformanda“ und vor allem unter dem Ruf des „kyrie eleison“!“ Da kann der Traum von Johannes XXIII. helfen, in dem ihm Christus sagt: „Johannes, nimm dich nicht so wichtig!“

 

„Glaube und Zukunft“, so heißt ein Buch von Joseph Ratzinger aus dem Jahr 1970 (Kösel Verlag München). Zum Schluss kommt der Autor auf seine Vorstellung über die Kirche nach dem Jahr 2000, also in unserer gegenwärtigen Zeit zu sprechen.

 

Seine Sicht für die Zukunft der Kirche beschreibt er u.a. mit den folgenden Sätzen: „(S. 120) Die Zukunft der Kirche kann und wird auch heute nur aus der Kraft derer kommen, die tiefe Wurzeln haben und aus der reinen Fülle ihres Glaubens leben…Sie wird nicht von denen kommen, die nur dem jeweiligen Augenblick sich anpassen. Sie wird nicht von denen kommen, die nur andere kritisieren, aber sich selbst als unfehlbaren Maßstab annehmen… Sie wird also auch nicht von denen kommen, die nur den bequemeren Weg wählen. Die der Passion des Glaubens ausweichen… (S.121) Sagen wir es positiv: Die Zukunft der Kirche wird auch dieses Mal, wie immer, von den Heiligen neu geprägt werden. …(S.122) Die Kirche wird klein werden…sie wird viele Bauten nicht mehr füllen können…sie wird mit der Zahl ihrer Anhänger viele ihrer Privilegien in der Gesellschaft verlieren. (S.123) Es wird eine verinnerlichte Kirche, die nicht auf ihr politisches Mandat pocht und mit der Linken so wenig flirtet wie mit der Rechten. Sie wird es mühsam haben. Denn der Vorgang der Kristallisation und Klärung wird sie auch (S.124) manche gute Kräfte kosten. Der Vorgang wird umso schwerer sein, als sektiererische Engstirnigkeit genau so wird abgeschieden werden müssen wie großsprecherische Eigenwilligkeit.“

 

Ratzinger spricht hier vor über 40 Jahren über die Zukunft der Kirche, also über unsere Gegenwart zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Er kündigt eine Kirche der Heiligen und Reinen an, die nach einem Prozess der Klärung und „Gesundschrumpfung“ wieder zu neuem Aufblühen gelangt. Die Kriterien, nach denen über Engstirnigkeit und Eigenwilligkeit von wem auch immer geurteilt und abgeschieden werden soll, bleiben dabei unerwähnt.

 

Mich erschreckt diese selektive und elitäre Vision einer Kirche der Heiligen, wenn sie sich nicht zugleich auch als eine Kirche von fehlbaren Sündern bekennt. Die Vorstellung, dass die Menschen undifferenziert nach einem Schubladensystem von richtig und falsch, gut und böse, drinnen und draußen aussortiert werden, finde ich anmaßend und nicht der Botschaft und Verhaltensweise Jesu entsprechend. Die Erfahrung hat doch gezeigt, dass diejenigen, die meinen, einen Heiligenschein zu verdienen, schnell zu Scheinheiligen werden. Da halte ich mich lieber an Dietrich Bonhoeffer, der in seinem Brief vom 21.07.1944 schreibt:

 

„Ich erinnere mich eines Gesprächs, das ich vor 13 Jahren mit einem französischen jungen Pfarrer hatte. Wir hatten uns ganz einfach die Frage gestellt, was wir mit unserem Leben eigentlich wollten. Da sagte er: ich möchte ein Heiliger werden (- und ich halte es für möglich, dass er es geworden ist -); das beeindruckte mich damals sehr. Trotzdem widersprach ich und sagte ungefähr: ich möchte glauben lernen.“

Die heilige Teresia von Avila betet in einem eindrucksvollen Gebet: „Erhalte mich, Gott, so liebenswert wie möglich. Ich möchte kein Griesgram sein, aber auch keine Heilige, denn mit ihnen lebt es sich so schwer.“ 

 

Als ich vor vielen Jahren (1971, noch zurzeit Paul VI.) bei einer Romreise mit einem Freund vor dem Petersdom stand, fragte ich ihn: „Wie gefällt es dir hier?“ Seine spontane Antwort war: „Ach weißt du, Uli, ich finde hier so schrecklich wenig von dem Jesus aus Nazareth.“ In diesem Satz scheint mir die entscheidend kritische Frage zu liegen, nicht nur im Hinblick auf Rom und den Papst, sondern auch im Hinblick auf jede christliche Gemeinde und Kirche, im Hinblick auf mein eigenes Leben. Was ist darin von diesem Jesus aus Nazareth, von seiner Botschaft und seinem Leben zu erkennen? Das Zeugnis der Evangelien berichtet, dass Jesus Christus die sichtbar gewordene bedingungslose Liebe des unsichtbaren Gottes ist, dass er von der Krippe bis zum Kreuz den unteren und armen Weg gegangen ist, dass er aufrichtet statt zu richten, dass er die Menschen auffordert, seinem Beispiel folgend miteinander zu teilen und nicht einander zu verurteilen, dass er die Menschen einlädt, einander zu dienen und nicht andere zu beherrschen, dass bei ihm Nationalität, Geschlecht, Macht, Bankkonto seiner Mitmenschen keine Rolle spielen, dass er an der Seite der Armen, Schwachen, gesellschaftlich Diskriminierten und Leidenden steht.

 

In diesem Sinn scheint es mir wichtig, bewahrend, das heißt „konservativ“ zu sein. Unter Berufung auf diesen Jesus und im Namen Gottes, den er uns nahe gebracht hat, kann es nach meiner Überzeugung daher nicht darum gehen, eine autoritäre monarchisch prunkvolle Herrschaftsform des Mittelalters mit Absolutheitsanspruch und höfischem Zeremoniell zu bewahren. Vielmehr wird es darum gehen müssen, den lebendigen sinn- und gemeinschaftsstiftenden, tröstenden und zu ständiger Erneuerung und Versöhnung einladenden Geist Jesu unter uns zu bewahren und spürbar werden zu lassen.

 

Ulrich Katzenbach