Synodalität – ein Grundmerkmal der Kirche

 

Gleich zu Anfang seines öffentlichen Auftretens ruft Jesus Freunde in seine Gemeinschaft (Mk 1,16). Das zeigt: Jesus ist kein Einzelgänger, er weiß, die Botschaft von der Liebe und Menschenfreundlichkeit Gottes kann man nicht im Alleingang verkündigen, da ist Teamgeist nötig, da ist es wichtig, sich mit anderen auf den Weg zu machen; genau das heißt das griechische Wort „synodal“: „zusammen, miteinander auf dem Weg sein“. Jesus sucht Weggefährtinnen und Weggefährten. Jesus ist kein Eigenbrötler, er will das Brot mit anderen teilen, er ruft „Kumpane“ („Mitbrötler“) zu sich. Von Anfang an sind das Leben und die Botschaft Jesu auf Kommunion, auf Gemeinschaft angelegt. Auch als Jesus seine Jünger als Künder der frohen Botschaft zu den Menschen sendet, heißt es: „Er sandte sie aus, jeweils zwei zusammen“ (Mk 6,7). Denn die Erfahrung seiner Nähe ist besonders dort verheißen, „wo zwei oder drei“ sich in seinem Namen versammeln (Mt 18,20).

 

Immer geht es also um Synodalität, um Weggemeinschaft. Dabei lässt das Evangelium keinen Zweifel daran, welche Verhaltensweisen, welche Erkennungs- und Qualitätsmerkmale bei den Leuten, die sich auf Jesus berufen, spürbar werden sollen: Zu allererst ist es die Bereitschaft zum Umdenken. „Metanoieite – denkt um, und vertraut auf das Evangelium!“ sind die ersten gesprochenen Worte, die uns von Jesus überliefert sind (Mk 1,15). Leider hat sich durch die Übersetzung von „Metanoieite“ ins Lateinische eine gewisse moralisierende und irreführende Verfälschung ergeben, wenn es dort heißt: „poenitentiam agite!“ = „Tut Buße!“ Jesus war kein Bußprediger wie Johannes der Täufer, sondern Künder einer neuen frohen und befreienden Botschaft. Es ging ihm um das „Evangelium“, das heißt: „Frohbotschaft“, nicht „ Drohbotschaft“! Mit der Einladung zum „Umdenken“ geht es bei Jesus um die Bereitschaft zum Aufbruch, um den Mut, vertraute und gewohnte Denk- und Verhaltensmuster zu verlassen, so wie die ersten Jünger ihr Boot verlassen (Mk 1,19f.). Umdenken, sich auf das Wagnis einer neuen Wegerfahrung einzulassen, das heißt auch: gemeinschaftsfähig, lern- und kritikfähig zu sein. Dies scheint mir eine erste wichtige Voraussetzung für die Synodalen in der Weggemeinschaft mit Jesus.

 

Zu diesem Umdenken gehört als zweites auch, dass es im Jüngerkreis um ein geschwisterliches Miteinander auf Augenhöhe gehen soll: „Einer ist euer Meister, Christus. Ihr aber alle seid Geschwister“ (Mt 23,8) Dieser Umgangsstil auf Augenhöhe ist häufig ein Widerspruch zum sonst gewohnten Verhalten, wo oft Besserwisserei, Rechthaberei, Imponier- und Überlegenheitsgehabe auf der einen Seite und Minderwertigkeitskomplexe, Abhängigkeitsgefühle, Unterwürfigkeit und Neid auf der anderen Seite bestimmend sind. Die Versuchung zu einem Konkurrenzkampf gab es auch schon damals im Jüngerkreis. Die Jünger hatten schmerzvoll zu lernen, dass der Weg mit Jesus nicht die Sehnsucht nach Karriere, nach Macht, nach Erfolg, nach materiellem Reichtum bedient. „Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein“ (Mt 20,20-28), bekommen Jakobus und Johannes zu hören, als sie mit der Bitte zu Jesus kommen, dass sie im Reich Gottes doch möglichst die Ministersessel erhalten mögen.

 

Bei der Fußwaschung (Joh 13) gilt es für Petrus eine wichtige Lektion zu lernen: Nur wer still hält und es zulässt, zunächst den Dienst Gottes an sich geschehen zu lassen, sich von Gottes „Zuneigung“ und Liebe schenken zu lassen, hat das Eigentliche der Botschaft Jesu verstanden und kann dann dem Beispiel des Dienens im Geist Jesu folgen, ohne Helfersyndrom. Nur wer sich zunächst als Geliebter erfährt, kann Liebe weitergeben. Dies entspricht ja auch einer Erkenntnis der Psychologie. Das dankbare Empfangen steht vor dem engagierten und solidarischen Geben. Synodalität, mit Jesus gehen, bedeutet daher drittens auch, die eigene Bedürftigkeit, Zerbrechlichkeit und Verwundbarkeit, die eigene Fehlbarkeit und Schwäche zu erkennen und einzugestehen, um nicht der selbstherrlichen Versuchung zu erliegen, umso eifriger die Schwachpunkte der anderen herauszufinden und anzuprangern. Petrus hat diese Tugend der Demut und der Angewiesenheit auf Vergebung spätestens beim Hahnenschrei (Mk 14,72) nach der Verleugnung unter Tränen gelernt. Wer sich auf die Verheißung an Petrus beruft, darf diese fehlbare und schwache Seite nicht verdrängen. Im Petersdom in Rom steht in der gewaltigen Kuppel mit großen Buchstaben die Verheißung geschrieben, die Jesus dem Petrus zuspricht: „Tu es Petrus et super hanc petram ecclesiam meam aedificabo“, „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“ (Mt 16,18). Manche kritische Theologen fragen, warum die Schwachstellen des selben Petrus und die tadelnden Worte, die Jesus unmittelbar danach (Mt 16,23) an ihn richtet, nicht auch Erwähnung finden. Das Neue Testament jedenfalls verschweigt diese dunklen Seiten nicht. 

Die Bibel macht deutlich, dass Synodalität als Weggemeinschaft von recht fehlbaren Brüdern und Schwestern eine tiefe Verankerung in der Botschaft und Lebensweise Jesu hat. Schon in neutestamentlicher Zeit werden wichtige und für die christlichen Gemeinden weitreichende Entscheidungen daher nicht im Alleingang und autoritär von oben herab, sondern gemeinsam getroffen.

       

Im ersten christlichen Jahrtausend, vor den großen Kirchentrennungen, finden wir in der Kirche eine synodale Struktur. Auf Synoden und ökumenischen Konzilien (Nicaea, Konstantinopel, Ephesus, Chalcedon) werden die für den christlichen Glauben entscheidenden Fragen diskutiert und entschieden. Damals wurden die auch heute noch für alle Christen verbindlichen Sätze des Glaubensbekenntnisses (Credo) formuliert.

Zu dieser Zeit wurden Bischöfe ganz selbstverständlich vom Volk gewählt (z.B. hl. Martin, Augustinus, Cyprian) und auf diese Weise wurde auf die Stimme des Volkes Gottes gehört und es in die Verantwortung des kirchlichen Lebens einbezogen.

 

Zu dieser Zeit gab es keinen römischen Zentralismus, sondern eine weitgehende Autonomie und Gleichberechtigung der fünf Patriarchate (Jerusalem, Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien, und Rom) und der verschiedenen einzelnen Ortskirchen.

 

Synodale Struktur in der alt-katholischen Kirche

 

Als das Erste Vatikanische Konzil 1870 unter Pius IX. zwei neue Papstdogmen verkündete, das Dogma der Unfehlbarkeit und des Jurisdiktionsprimates des Papstes, regte sich heftiger Widerstand gegen diese kompromisslose Abschaffung der Synodalität in der römisch-katholischen Kirche. Es bildeten sich oppositionelle Vereine und Komitees;  die Opponenten wurden mit der Exkommunikation bestraft. Für die exkommunizierten Katholiken entstand eine Notlage, in der es schließlich zu Gemeindebildungen kam, um wieder den Zugang zum sakramentalen und pastoralen Leben zu ermöglichen. Es stellte sich die Frage: Wie können die exkommunizierten oppositionellen lokalen Gemeinden und Gruppen katholische Kirche bleiben und werden? Bei diesem Prozess der Kirchenwerdung waren in der Folge drei wichtige Schritte nötig: 1. die Wahl eines Bischofs, wie in der alten Kirche selbstverständlich (synodales Prinzip) – sie geschah am 4. Juni 1873; 2. die Weihe des Bischofs (katholisches Prinzip: apostolische Sukzession) – am 11. August 1873; 3. die Anerkennung durch den Staat (durch Kaiser Wilhelm in Preußen und die Großherzöge von Hessen und Baden, später auch Bayern), um eine rechtlich und gesellschaftlich gleichgestellte kirchliche Institution zu sein (also keine Sekte).

In der weiteren Geschichte der alt-katholischen Kirche wurde dann konsequenterweise das synodale Prinzip als Mitsprache- und Mitbestimmungsrecht des Volkes Gottes („wir sind das Volk!“) zum Motor für mehrere wichtige Reformen. Alle drei (inzwischen verkürzt auf zwei) Jahre sollte eine Synode stattfinden. Dies ist eine Art Kirchenparlament, für das alle Gemeinden vorher je nach Zahl ihrer Mitglieder Abgeordnete wählen. Die Synode wählt den Bischof, wenn der Bischof gestorben oder zurückgetreten ist; sie erlässt Kirchengesetze; sie verwaltet die Finanzen und wählt für den Zeitraum zwischen den Synoden eine Synodalvertretung, die zusammen mit dem Bischof für die Leitung zuständig ist. In den Gemeinden werden die Pfarrer und Pfarrerinnen wie auch die Mitglieder des Kirchenvorstandes und die Delegierten für die Bistumssynoden in Gemeindeversammlungen gewählt. Alles, was in der Gemeinde und auf Bistumsebene geschieht, wird in den synodalen Gremien erörtert und entschieden und auch kritisch begleitet. Alleingänge des Bischofs oder der Geistlichen sind nicht möglich.

 

Reformen durch Synodenentscheidungen

 

Auf den dann folgenden alt-katholischen Synoden, die in der Anfangsphase jährlich stattfanden, wurden viele Reformen beschlossen. Bei der Ersten Synode 1874 wurden die Gebühren für kirchliche Amtshandlungen (Taufen, Trauungen, Beerdigungen) aufgehoben, um Arme nicht zu benachteiligen; zugleich wurde dadurch die schon von Luther heftig kritisierte Verknüpfung von Geld und Gottesdienst (Gnade) abgeschafft. Die Pflicht zur Ohrenbeichte wurde abgeschafft. Auf der 2. Synode 1875 wurde die Landessprache bei den Gottesdiensten eingeführt und auf der 5. Synode 1878 der Pflichtzölibat für die Priester aufgehoben (übrigens gegen die Stimme des Bischofs!), Geschiedenen, die wieder eine neue Ehe eingegangen sind, wurde die Teilnahme an der Kommunion gestattet.

 

1889 schlossen sich die Alt-Katholiken in Holland, Deutschland und der Schweiz zur „Utrechter Union“ zusammen, der sich später weitere Kirchen anschlossen. 1931 kam es zwischen der anglikanischen und der alt-katholischen Kirche zum „Bonn agreement“, eine Vereinbarung über eine volle Sakramentengemeinschaft („full communion“) zwischen beiden Kirchen. 1985 wurde zwischen der Alt-Katholischen Kirche in Deutschland und der Evangelischen Kirche in Deutschland eine „Vereinbarung über eine gegenseitige Einladung zur Teilnahme an der Feier der Eucharistie“ getroffen.

 

Eine der letzten wichtigen Reformen in der alt-katholischen Kirche nach langer gründlicher Diskussion war die Entscheidung für die Frauenordination, die auf der 51. Ordentlichen Bistumssynode im Mai 1994 in Mainz getroffen wurde. Am Pfingstmontag, den 27. Mai 1996 wurden in Konstanz die beiden ersten Frauen zu Priesterinnen geweiht. Diese Entscheidung wurde in einem langen, von kontroversen Diskussionen begleiteten Prozess innerhalb Deutschlands, aber auch innerhalb der Utrechter Union getroffen.

 

Wenn ich gefragt werde, was ist eigentlich das Besondere bei Euch Alt-Katholiken, dann ist meine Antwort: das synodale Prinzip. Denn alle Reformen wurden möglich durch synodale Entscheidungsprozesse. Natürlich ist dies oft ein anstrengender und mühsamer Weg. Aber ich möchte diese synodale Struktur niemals mehr durch ein autoritäres Leitungsmodell eintauschen, da dies der biblischen und alt-kirchlichen Grundlage widerspricht. Durch die Mitsprache und Mitbestimmung aller Christinnen und Christen wird die Würde, Freiheit und Verantwortung aller Mitglieder des Volkes Gottes gewahrt. Alle können sich mit ihren Gaben einbringen, ohne ihre Schwächen verdrängen zu müssen. 

 

Die alt-katholische Kirche versteht sich als ein Modell für eine katholische Kirche mit synodaler und bischöflicher Struktur im ständigen Ringen um eine Einheit in der Vielfalt, wie es schon in der alten katholischen Kirche grundgelegt ist. So sagt schon der Kirchenvater Augustinus: „In neccessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas!“, “Im Notwendigen Einheit, im Zweifel Freiheit, in allem Liebe!”

 

Ulrich Katzenbach