Soveel as Du nödig hest

Evangelischer Kirchentag in Hamburg

 

„Soviel Du brauchst“ - plattdeutsch: „Soveel as Du nödig hest“. Unter dieses Wort, unter diese Balkenschrift hat das Kirchentagspräsidium den 34. Evangelischen Kirchentag gestellt. Das Wort ist nachzulesen im 2. Buch Mose/Exodus, Kapitel 16.

„Soviel Du brauchst“ - „Soveel as Du nödig hest“ ist also ein Teil der Geschichte der Wüstenwanderung der Kinder Israels ins „Gelobte Land“, als Gott den hungrigen Wanderern das „Mannabrot“ vom Himmel regnen ließ. Jeder sollte jeden Tag gerade so viel vom Manna einsammeln, dass es seinen Hunger stillte, den Tagesbedarf decken konnte. Ungenießbares Manna fanden sogenannte Vorratssammler vor, die also das gebotene Wort missachteten.

Das Balkenwort des Kirchentages macht, theologisch beleuchtet, wie damals in der Wüste gerade auch heute in unserer verzahnten Welt Mut und Hoffnung, denn es weist auf das große göttliche Versprechen: Die Schöpfung gibt „soviel Du brauchst / soveel as Du nödig hest“.

Nur darf der Mensch das Gleichgewicht des Naturhaushalts nicht stören beziehungsweise eigennützig Werte abschöpfen, die dann in Folge anderen fehlen werden. „Soviel Du brauchst / Soveel as Du nödig hest“ scheint also auch heute ein überdeutlicher Wink zu sein, selbstkritisch über eigene Lebensführungen und Abläufe nachzudenken und wieder das „rechte Maß“ zu finden, den „richtigen Kurs“ anzusteuern. So gesehen scheint das Bibelwort auch hier der richtige Kompass zu sein.

 

Luthers plattdeutsche Bibel

 

Das Lutherwort vom Christenmenschen, der letztlich nicht viel mehr als „Futter und Decke“ benötigt, wird in diesem Zusammenhang im wörtlichen Sinne, in seiner spartanisch anmutenden Konsequenz, vermutlich die heutigen Zeitgenossen eher abschrecken als beflügeln - aber ist nicht auch dieses Wort als Gleichnis zu verstehen?

Der Evangelische Kirchentag findet in Hamburg statt: Am größten Ort des Hansebundes, geprägt vom Hafen, von der Seefahrt, vom Fischfang, vom Handel, vom Sorgen und besorgen: „Soviel Du brauchst / Soveel as Du nödig hest“.

Luthers Bibelübersetzung wurde in den norddeutschen Küstenregionen anfänglich nicht im sächsischen Kanzleideutsch bekannt, welches sich in der Folge zum Schriftdeutschen und zur hochdeutschen Sprache entwickelte und sich allgemein in weiten Teilen Deutschlands verbreitete, sondern in der Kontor- und Schriftsprache der Hanse, also in Niederdeutsch, in Plattdeutsch – übertragen durch Luthers Mitarbeiter und Freund Johannes Bugenhagen! Eine Tatsache, die vielen Menschen, auch den Einheimischen, leider nicht mehr bekannt beziehungsweise bewusst ist. Grund genug, angesichts des bevorstehenden großen Ereignisses, des Kirchentages, daran zu erinnern.

Luthers Reformation und „Heilige Schrift“ bahnten sich also in unserer Region und bei den Ostsee-Anrainern anfänglich per Hanse-Kogge und auf Plattdeutsch den Weg! In ihrer unverblümten, ungebeugten und vital-kraftvollen Direktheit, oftmals in ihrer Farbkraft kaum wörtlich ins Schriftdeutsche übersetzbar, ohne kränkend zu werden. Plattdeutsch würde also „dem Volk aufs Maul schauen“, wie es Luther immer wieder verlangt hat.

Herzerfrischendes Niederdeutsch mit all seinen regionalen Varianten ist nicht als Dialekt oder regionale Mundart anzusehen, sondern gilt als eigenständige, von der UNO anerkannte Sprache, wie zum Beispiel auch das Sorbische oder das Friesische in zwei Arten. Plattdeutsch muss heute wie so viele andere Sprachen auch sprichwörtlich ums Überleben kämpfen. Rund fünf Millionen Menschen, so schätzt man, können sich heute noch in Plattdeutsch verständlich machen oder können es zumindest (halbwegs) noch verstehen. Grund genug, die Stunde zu nutzen, um ein Zeichen zu setzen und ein wenig zum Erhalt beizutragen: Mit einer plattdeutschen Epistel.

Vielleicht hilft dabei auch noch die Erkenntnis und der gelungene Hinweis Kurt Tucholskys über plattdeutschen Humor und Poesie einen Schritt weiter: „Manchen Leuten erscheint die plattdeutsche Sprache grob und sie mögen sie nicht. Ich habe diese Sprache immer geliebt ... es ist die Sprache des Meeres. Das Plattdeutsche kann alles sein: zart und grob, humorvoll und herzlich, klar und nüchtern und vor allem herrlich besoffen...“ – Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

Im liturgischen Kalender 2013 unseres alt-katholischen Bistums steht als Lesung für den 1. Mai vorgegeben der 1. Korintherbrief, Kapitel 15, Verse 1-8 - wobei ich denke, dass der 9. Vers auch noch unbedingt wegen seiner Farbigkeit berücksichtigt werden sollte.

Der (holsteinischen) plattdeutschen Fassung von Johannes Jessen (1932) wird die schriftdeutsche Einheitsübersetzung gegenübergestellt, damit Bibellesen, -übersetzen, -forschen und -entdecken unheimlich viel Spaß macht - und dies nicht nur am Kirchentag.

Un nu man to - denn wat mutt dat mutt:

 

Bröder un Süsters! Nu will ick ju noch en Word seggn öwer dat Evangelium, dat ick ju predigt heff. Ji hebbt dat ja domals annahmen un staht ja ock noch fast dorto. Ja, ji ward dordörch ock redd, wenn ji dat genau Word för Word fastholt, so as ick ju dat predigt heff. Sünst müß dat ja all mit ju Glow domals keen Schick hatt hebbn. Mit dat Erste, wat ick an ju wiedergewen heff, wär dat, wat ick ock sülbn toirst to weten kreeg: Christus is storwen för unse Sünn‘n - dat betügt de Biwel. Un he is int Graff leggt. Un he is upweckt an’n drüdden Dag - ock dat weet wi ut de Biwel. Un Kephas hett em to sehn kregn, un denn de Twölf. Ja, denn hebbt em mehr as fiefhunnert Bröder to sehn kregn, un dat up eenmal. Dorvun sünd de mehrsten noch hüt ant Lewen. Blots en poor sünd all dod. Un denn hett Jakobus em to sehn kregn, un denn all‘ de Apostels. Toletz vun ehr all‘ heff ick em denn ock noch to sehn kregn. Verdeent harr ick dat nich. Ick wär ja rein as en Kind, dat to fröh to Welt kümmt; denn dat mutt ick seggn: Ick bün de ringste von all‘ de Apostels un bün dat nich wert, dat ick düssen Nam heff. Ich heff ja Godd sin Gemeen verfolgt.

(Paulus sin 1. Breef an de Christen in Korinth. Dat 15. Kapitel)

 

Ich erinnere euch, Brüder und Schwestern, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen, es ist der Grund, auf dem ihr steht. Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet, wenn ihr an dem Wortlaut festhaltet, den ich euch verkündet habe. Oder habt ihr den Glauben vielleicht unüberlegt angenommen? Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschienen dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich, die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Als letztem von allen erschien er auch mir, dem Unerwarteten, der „Mißgeburt“. Denn ich bin der geringste von den Aposteln; ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe.

(1 Korinther 15)

 

Wilfried Vagts, Hansestadt Stade an der Niederelbe (Gemeinde Hamburg)