Soviel du brauchst

 

An Karl Marx musste ich zuerst denken. War es nicht ein von ihm aufgestellter Grundsatz: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“? So sollte es in einer entwickelten kommunistischen Gesellschaft zugehen. Es würde nicht mehr für eine bestimmte Arbeit ein bestimmter Lohn zugeteilt. Entscheidend ist nicht mehr, was und wie viel jemand arbeitet, sondern was sie oder er für ein gutes Leben benötigt – und das kann je nach den Bedürfnissen sehr unterschiedlich ausfallen. 1875 schrieb er das.

Marx hatte eine gute Nase, als er schrieb, das würde erst „in einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft“ erreicht werden. Die verschiedenen Experimente im 20. Jahrhundert mit dem Sozialismus haben gezeigt, dass die Menschen gewöhnlich nicht so reif sind, dass sie sich nur das nehmen, was sie wirklich brauchen, wenn sie auch mehr bekommen können. Und ohne den Anreiz eines wie auch immer gearteten Lohns sind sie auch nicht so leicht dazu zu bewegen, all ihre Fähigkeiten engagiert einzusetzen. Zum guten Teil scheiterte der Sozialismus am persönlichen Egoismus.

 

Doch nicht Karl Marx hat Pate gestanden bei der Auswahl des Leitwortes für den Evangelischen Kirchentag in Hamburg. Sind seine Ideen auch schon von ehrenwertem Alter, so bezieht sich der Kirchentag auf einen Text, der noch einmal ein paar Jahrtausende älter ist. Im Exodus-Buch der Bibel, dem 2. Mosebuch, findet sich die Geschichte, wie Gott sein Volk vor dem Verhungern rettet. „Ich lasse Brot vom Himmel für euch regnen! Die Israeliten sollen morgens losgehen und so viel einsammeln, wie sie für den Tag brauchen, mehr nicht“, so lautet die Anweisung in Ex 2,4. Gott allerdings, so lässt sich aus Exodus schließen, hat längst verstanden, dass sich sein Volk noch nicht in einer „höheren Phase“ der Gesellschaft befindet, schließlich sind sie ständig am Murren und beschimpfen Mose und Aaron, als wären sie schlechte Reiseleiter, die nicht in der Lage sind, das zu bieten, was der Katalog verspricht und was einem für sein Geld ja wohl zusteht. Deshalb heißt es, dass Gott diese Vorschrift macht, um sie auf die Probe zu stellen und herauszufinden, „ob sie mir gehorchen“.

Die Meisten bestehen auch die Prüfung. Sie sammeln viel oder wenig, je nachdem, wie sie ihren Verbrauch und den ihrer Familie einschätzen. Alle haben genau so viel, wie sie brauchen, nicht zu viel, nicht zu wenig. Aber natürlich sind auch hier wieder einige Misstrauische dabei. Kann man wissen, ob der Segen sich morgen wiederholen wird? Soll man das Risiko eingehen, morgen wieder Hunger zu leiden, wenn doch heute genug da ist? Was ist denn dabei, wenn man ein bisschen Vorrat schafft?

Es wird ihnen allerdings übel verleidet: Am nächsten Morgen ist ihr Vorrat verfault, stinkt und ist voller Würmer.

 

Eigentlich ist nichts dabei, wenn man ein bisschen Vorrat schafft. In unserer Zeit gilt es sogar als hohe Tugend, als Klugheit, zu der wir ständig ermutigt werden: Vorsorgen sollen wir für unser Alter, Lebensversicherungen und Rentenverträge abschließen, um nicht später in Altersarmut zu gleiten. Und wenn Menschen nicht wie in unserem Land im Überfluss leben, sondern wie das Volk Israel damals unter Lebensmittelknappheit leiden, dann ist es nur menschlich, vorsorgen und einen Vorrat anlegen zu wollen, ja es ist ein Gebot der Vernunft. Was liegt also Gott daran, dass die Israeliten genau so viel sammeln, wie sie brauchen, und nicht mehr?

Ich glaube, der entscheidende Punkt ist das Vertrauen. Gott hat seinem Volk ja gesagt, dass er für sie sorgen wird. Er hat ihnen gesagt, dass alle genau so viel bekommen werden, wie sie brauchen, so viel, dass sie gut zu leben haben. Die Bibel erzählt, dass er seine Zusage auch einhält: Vierzig Jahre lang lebt das Volk vom Manna. Gebacken schmeckt es wie Honigkuchen, heißt es; es ist also etwas Feines, nicht etwas, was nur zur Not vor dem Verhungern bewahrt. Aber das Vertrauen ist das, was dem Volk beim Auszug aus Ägypten so schwer fällt. So oft schon wurden sie von Gott gerettet, und doch haben sie immer wieder Angst, er würde sie fallen lassen und sie kämen um. Wenn sie das mit mir machen würden, ich wäre beleidigt. Zum Glück ist Gott wesentlich langmütiger.

 

Das Vertrauen ist der entscheidende Punkt. Daran hat sich nichts geändert. Deshalb ist das Leitwort für den Kirchentag klug gewählt. Es ist auch heute angebracht zu schauen, wie es mit unserem Vertrauen auf Gott steht. Auch wir leben in schwierigen Zeiten, in denen viele Menschen sich Sorgen um ihre Zukunft machen – auch wenn unsere Schwierigkeiten mit denen eines versklavten Volkes auf der Flucht gewiss nicht zu vergleichen sind. Aber dafür spricht Gott ja auch nicht direkt zu uns, ist nicht sichtbar als Wolken- oder Feuersäule, die uns den Weg zeigt. Nicht immer antwortet er so direkt auf unsere Nöte, wie es im Exodus-Buch erzählt wird. Die Erfahrung ist nicht so unmittelbar greifbar: ja, Gott sorgt sich um uns, er sorgt für uns. Unsicherheit aber macht Angst. Und führt dazu, dass wir alles tun, um uns abzusichern, indem wir raffen und versuchen, uns auch auf Kosten der anderen nach oben zu schaffen. Eine wichtige Aufgabe für einen Kirchentag, sich auszutauschen über Gottes Zusagen, über die eigenen Erfahrungen mit ihnen. Einander zu bestärken, dass wir alle bekommen werden, was wir nötig haben.

 

Wären wir ohne Angst, müssten wir nicht gieren. Dann könnte sogar die Utopie funktionieren, dass die Menschen einbringen, was sie haben, und nehmen, was sie brauchen, so dass alle glücklich sind. Sie hat Wurzeln, die viel weiter zurück reichen als bis 1875. So etwa vor 3200 Jahren schon lässt sie sich nachweisen, beim Auszug aus Ägypten. Sie könnte funktionieren, die Utopie, aber nicht, wie Karl Marx sich das dachte. Er hat nämlich einen großen Fehler in seiner Rechnung. Er hat die Rechnung ohne Gott gemacht. Doch ohne ihn gilt, was Jesus im Johannesevangelium sagt: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis“ (Joh 16,33). Solange wir aber Angst haben, sind wir nicht frei genug, werden wir uns absichern. Dabei will uns Gott doch geben, was wir nötig haben.

 

Sollte jemand einwenden, dass die Menschen doch sehr unterschiedliche Startbedingungen ins Leben und Bedingungen im Leben haben, sollten wir nicht vergessen: Ja, Gott will allen geben, was sie brauchen. Doch nicht immer als Brot vom Himmel. Er hat die Rechnung nicht ohne uns gemacht. Dass alle haben, was sie brauchen, das liegt auch an uns. Und auch da liegt eine wichtige Aufgabe für einen Kirchentag: Schauen, wie es bei uns mit der Gerechtigkeit aussieht. Wo sind ungerechte Strukturen, die unmöglich machen, dass alle bekommen, was sie brauchen? Wo müssen Christen Stellung beziehen? Wo muss und wie kann manches anders werden?

Es ist eine Utopie, bei Marx ebenso wie bei den Menschen, die zum Kirchentag zusammenkommen. Der Kirchentag wird diesen Jahrtausende alten Traum nicht Wirklichkeit werden lassen können. Aber er wird das Ziel sichtbarer machen können. Und helfen, konkrete Schritte darauf zuzugehen.

 

Gerhard Ruisch