Bei den Mariaviten in Warschau

 

Im November des vergangenen Jahres habe ich auf Einladung der Mariaviten in Warschau einen Vortrag über die Geschichte, Entwicklung und Selbstverständnis der Alt-Katholischen Kirche in Deutschland gehalten. Da wir mit meiner Frau bei dieser Gelegenheit auch Warschau besichtigen wollten, holten wir uns im Vorfeld einiges Material aus dem Warschauer Tourismus-Büro. Zu unserer Überraschung „begegneten“ wir bereits dort der mariavitischen Kirche. Bei der Durchsicht einer Broschüre über die vielfältigen Besichtigungsangebote fiel uns im Kapitel „Glaube“ auf, dass neben der Römisch-Katholischen, der Evangelischen und Orthodoxen Kirche auch die Alt-Katholische Kirche der Mariaviten erwähnt war. Unsere polnische Schwesterkirche, die Polnisch-Katholische Kirche, fehlte jedoch. Anscheinend sind die Mariaviten in Warschau eine durchaus allgemein angesehene Kirche.

Auch der erste Eindruck der mariavitischen Gemeindeanlagen in der ul. Wolska, einer großen Ausfallstraße aus der Innenstadt Richtung Westen, war sehr positiv. Sie haben eine schöne, in den 1990er Jahren aus rotem Klinker erbaute Kirche, daneben ein ebenso schönes Pfarrhaus. Dahinter befindet sich ein eigener Friedhof und neben ihm ein Gemeindesaal.

Wir nahmen am Hochamt um 11 Uhr teil. Es war bereits der zweite Gottesdienst an diesem Tag, denn um 8 Uhr hatte eine gelesene Messe stattgefunden. Ich schätze, an dem Hochamt nahmen etwa 100 Personen teil. Die Liturgie wurde im tridentinischen Ritus, allerdings in polnischer Sprache, gefeiert. Die Beteiligung der Gemeinde an der Eucharistie war dennoch sehr intensiv. Bereits die Stufengebete wurden abwechselnd zwischen Priester und allen Gläubigen - nicht nur den Ministranten, wie ich es noch aus meiner Kindheit und Jugend kenne - gesprochen. Auch andere Ordinariumsteile (Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Gebet des Herrn, Lamm Gottes) wurden von allen Gläubigen intensiv mitgesungen. Dazwischen wurden auch Choräle als Introitus, Gabengesang und Danksagung nach der Kommunion gesungen. Auch das Eucharistische Gebet sang der Priester. Für die Verkündigung (Lesung, Evangelium und Predigt) wandte sich der Priester den Gläubigen zu. Die Kommunion wurde in beiderlei Gestalt als Mundkommunion ausgeteilt.

Gewöhnungsbedürftig war nur, dass während der Eucharistiefeier eine konsekrierte Hostie in der Monstranz hoch über dem Altar ausgesetzt war. Allerdings nahm man darauf „keine Rücksicht“ in der Messe selbst. Erst nach dem Ende der Messe wurde mit dem Allerheiligsten ein sakramentaler Segen erteilt. Zum Schluss sang man noch ein Marienlied.

Außer den hier beschriebenen habe ich keine weiteren Sonder-Frömmigkeitsformen festgestellt. Auch die Ausstattung der Kirche und ihr Schmuck waren maßvoll. Alles in allem war es ein sehr schöner und lebendiger Gottesdienst.

Das Interesse an meinem Vortrag war erstaunlich groß. Etwa zwei Drittel der Gottesdienstteilnehmer nahm daran teil - angesichts der Tatsache, dass bereits der Gottesdienst anderthalb Stunden dauerte, war es erstaunlich. Ähnliches kann ich von der Aufmerksamkeit während des Vortrags und auch über die Fragen danach berichten.

 

Mein Vortrag umfasste folgende Punkte:

Die historischen und theologischen Wurzeln des Alt-Katholizismus.

Das Vatikanum I. und der Widerstand dagegen in Deutschland.

Die Entstehung und Gründung der alt-katholischen Seelsorge und des deutschen Bistums.

Das Selbstverständnis des Alt-Katholizismus in Deutschland.

Die rechtlichen und territorialen Strukturen des Katholischen Bistums der Alt-Katholiken in Deutschland.

Schwerpunkte der alt-katholischen Eucharistologie und Mariologie.

 

Die Gespräche sowohl nach dem Vortrag wie auch später im Pfarrhaus zeigten ein sehr großes Interesse der Beteiligten nach einer näheren Anbindung an die Utrechter Union.

An den Gesprächen beteiligte sich auch Bischof Jablonski, der aus Plock nach Warschau kam, um an einem Staatsakt anlässlich des polnischen Unabhängigkeitsfestes (11. November) teilzunehmen. Auch er legte einen sehr großen Wert auf die Gespräche mit der Utrechter Union.

Sowohl die besondere Anbetung des Allerheiligsten wie auch die Verehrung Marias schienen mir nicht das große Problem beim Eintritt in die Utrechter Union zu sein. Beides scheint für die Mariaviten zwar einen besonderen Stellenwert in der Frömmigkeit zu haben, aber keinen dogmatischen. Auf einer großen Tafel am Eingang zu der mariavitischen Anlage war zu lesen, auf welchen Grundsätzen das mariavitische Glaubensverständnis beruht. Sie decken sich im Wesentlichen mit dem alt-katholischen Selbstverständnis. Unter anderem stand dort, dass die Alt-Katholische Kirche der Mariaviten keine eigenen Dogmen besitzt, da Dogmen nur von einem allgemeinen christlichen Konzil verkündet werden können. Wie für uns sind auch für die Mariaviten nur die Beschlüsse der sieben ökumenischen Konzilien des ersten Jahrtausends bindend.

 

Johannes J. Urbisch