Ich war fremd – ihr habt mich aufgenommen

Weltgebetstag Frankreich 2013

 

Was für eine Fügung! 2007 auf der Internationalen Weltgebetstags-Konferenz in Toronto wurde Frankreich ausgewählt, die diesjährige Gottesdienstordnung für den WGT zu schreiben. Voller Stolz und wissend um die große Herausforderung arbeiteten die Französinnen in den vergangenen Jahren an der Entstehung der WGT- Materialien für 2013. Immer wieder auch im intensiven Dialog zwischen nationalem französischen und internationalem WGT-Komitee mit Sitz in New York.

 

Frauen aus den verschiedensten Konfessionen wie der reformierten, lutherischen, methodistischen und der römisch-katholischen Kirche, der Heilsarmee und anderen Gemeinschaften haben daran mitgewirkt. Zwölf Frauen aus ihren Reihen gehören derzeit zum französischen Komitee, das sich seit 1988 auch als Verein institutionalisiert hat. Ihre ehrenamtliche Arbeit zieht immer größere Kreise und lädt ein, das Miteinander in der Ökumene immer mehr wachsen zu lassen.

Am ersten Freitag im März dürfen wir alle – weltweit in über 170 Ländern – das Geschenk der Schwestern aus Frankreich in den Gottesdiensten feiern.

 

Facetten von Frankreich

 

Waren Sie schon einmal in Frankreich?! Vielleicht im Urlaub? Oder beim Schüleraustausch?! Vielleicht sprechen Sie sogar Französisch oder hatten es in der Schule?! Vielleicht kennen Sie auch das kleine Dorf Taizé in Burgund, wo die gleichnamige ökumenische Gemeinschaft beheimatet ist und jedes Jahr viele Tausende von Jugendlichen und jungen Erwachsenen beherbergt? Ja, vielleicht ist es wirklich so, dass die eine oder der andere von uns schon  eigene Erfahrungen mit dem diesjährigen WGT-Land Frankreich mit sich bringt. Vielleicht haben wir wirklich schon ein bestimmtes Bild vor Augen, wenn die Rede auf Frankreich kommt: Die Menschen mit Baguette unter dem Arm oder der Baskenmütze auf dem Kopf; Paris als „Stadt der Liebe“ mit dem Eiffelturm als dem markantesten Wahrzeichen; die gotischen Kathedralen mit ihren leuchtenden Glasfenstern; die zahlreichen Museen, Künstler und Künstlerinnen, die sich in Frankreich entdecken lassen; die duftenden Lavendelfelder oder die bunten Märkte der Provence; die unzähligen Muscheln an den Stränden vom Mittelmeer oder die Wellen der Atlantikküste; die felsigen Strände und Steinhügel in der Bretagne oder in der Normandie; vin rouge und fromage oder die Quiche Lorraine als Zeichen kulinarischer Vielfalt und so vieles mehr. Sicherlich ließe sich die Assoziationskette beliebig verlängern.

 

Unser Nachbarland Frankreich, einschließlich seiner Überseedepartements, bietet eine bunte Vielfalt in Geographie und Kultur. Diese Fülle zeigt sich im flächenmäßig größten Land der Europäischen Union in all seinen Departments und deren regionalen Spezialitäten und „Identitäten“. Die Franzosen und Französinnen sind stolz auf ihr Land und scheuen sich nicht, das zu zeigen und zu leben. Nicht von ungefähr kommt das “savoir vivre“ (verstehen, zu leben – die Lebenskunst) und das „laissez faire“ (im Sinne von „einfach etwas – gelassen - laufen lassen“) aus Frankreich. Dazu gehört auch die ausgeprägte Kultur des Genießens, etwa was Essen und Trinken betrifft. Ein dreistündiges Mahl - mittags oder abends – ist keine Seltenheit.

Doch das ist nur ein Teil der Facetten Frankreichs.

 

Immer wieder tauchen die Begriffe „Freiheit - Gleichheit – Brüderlichkeit“ auf. Gerne will ich „Schwesterlichkeit“ oder „Geschwisterlichkeit“ im Sinne der Solidarität ergänzen. Sie gehören zu den wesentlichen Grundprinzipien der französischen Republik und machen ihr demokratisches und soziales Wesen aus. Für alle soll der Zugang für Bildung und Ausbildung möglich sein. Staatliche Schulen, die kostenlos besucht werden können, tragen ebenso dazu bei wie das Gesetz der Laizität. Diese damit verbundene Trennung von Kirche und Staat (ausgenommen im Elsass, wo ein Konkordat zwischen Staat und Kirche gegenseitige Unterstützung garantiert) scheint zu mehr Chancengleichheit beizutragen und der Freiheit der und des Einzelnen besser zu genügen.

 

Lange war Frankreich sehr katholisch geprägt. Auch heute zählen sich noch etwa 55 Prozent zur römisch-katholischen Kirche; davon praktizieren allerdings nur etwa knapp zehn Prozent ihren Glauben. Zwei bis drei Prozent der Bevölkerung sind evangelisch, ein Prozent Jüdinnen und Juden. Neben etwa elf Prozent Muslimen gibt es Buddhisten verschiedenster Richtungen und andere Gemeinschaften. Auch die „Mission Vieille-catholique francophone“, die zur Utrechter Union gehört, hat in Paris und im Elsass kleine Gemeinden. Oft findet das religiöse Leben einfach in den Familien statt. Es gibt in den staatlichen Schulen, außer im Elsass, keinen Religionsunterricht beziehungsweise auch generell keine Kirchensteuer.

 

Frauen in Frankreich

 

Sie haben in den vergangenen Jahrzehnten eine Menge Fortschritte erreicht. Seit 1944 haben sie das Wahlrecht inne, doch erst 1965 wurde ein Gesetz abgeschafft, das die gesetzliche Vormundschaft des Ehemanns über die Ehefrau beinhaltete. Mittlerweile sind auch Vergewaltigung und Gewalt in der Ehe ein Straftatbestand. Auch wenn ihre Situationen doch sehr unterschiedlich sind, unterstützt eine recht gute Familienpolitik Frauen, damit sich Beruf und Familienleben nicht ausschließen. Fast 80 Prozent der Französinnen zwischen 25 und 49 Jahren arbeiten mit oder ohne Kind. Ihre Löhne fallen allerdings sehr viel geringer aus als die der Männer. Auch in der politischen Landschaft Frankreichs und in führenden Positionen von Industrie und Wirtschaft sind immer noch zu wenige Frauen sichtbar.

 

Ja, es ist so eine „Sache“ mit der Gleichheit. Lässt sie sich denn auch mit dem großen Thema der Migration und der Integration wirklich vereinbaren?! Schon lange ist Frankreich Einwanderungsland. Mittlerweile leben unter den über 65 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern Frankreichs etwa elf Prozent Migrantinnen und Migranten. Viele von ihnen stammen aus den afrikanischen Ländern, vor allem aus Algerien und Marokko. Doch auch viele Portugiesen gehören dazu.

 

Diese multireligiöse und multikulturelle Gesellschaft macht natürlich auch das Leben vor allem in den Städten bunter. Spannungen und Diskriminierungen bleiben dabei nicht aus. Gerade zum Beispiel in den Vororten von Paris, den sogenannten Banlieues, leben viele Migrantinnen und Migranten unter widrigen Bedingungen. Hohe Mieten, beengter Wohnraum, schlechte Verkehrsanbindungen schaffen nicht gerade eine hoffnungsvolle Zukunftsperspektive oder ermöglichen ein wirkliches Zusammenwachsen der Menschen unterschiedlichster Herkunft. Ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten, einen legalen Aufenthaltsstatus oder gar die französische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Hier setzt unter anderem die nationale Vereinigung „La Cimade“ an. Sie engagiert, betreut und begleitet in vielen Regionen Frankreichs mit unzähligen ehrenamtlichen Mitarbeitern Migranten, Flüchtlinge und Asylbewerber. Sie leisten Unterstützung auf rechtlicher, sozialer und humanitärer Ebene. In Massy, einem Vorort von Paris, und in Bezier beherbergt „La Cimade“ Flüchtlinge und Asylbewerber. Es ist das Engagement für die Unerwünschten, dem sich „La Cimade“ stellt. Völkervielfalt als Bereicherung.

 

Der Film „Wo kommst du wirklich her?“ stellt diesen Umgang miteinander in den Mittelpunkt. Er macht auch auf die prekären Situationen aufmerksam, denen Migranten und Migrantinnen ausgesetzt sind.

 

Und wir? Interessieren wir uns wirklich für andere?!

 

Dabei steht uns noch einmal der Titel des diesjährigen Weltgebetstags vor Augen.

 

„Ich war fremd – ihr habt mich aufgenommen“. Anne-Lise Hammann Jeannot hat das Titelbild dazu gestaltet. Sie schreibt dazu: „In diesem Gemälde habe ich die Idee des Fremden in eine Silhouette der Grautöne übersetzt, bewusst unterschieden von den anderen Farben. (…) Und die graue Silhouette ist umgeben von dieser Helligkeit, die von oben vom Himmel kommt und den ganzen Raum durchquert. Alles ist in dieser Helligkeit aufgenommen – wo wie wir alle Menschen einer Erde sind. (…) Ich wollte, dass das ganze Bild dank der Farben in einer warmen und farbigen Atmosphäre badet, um die festliche Seite zu betonen, die Kraft der Begegnung und die Öffnung für die Anderen.“   

 

Die Frauen aus Frankreich ermutigen uns, selbst eine Kultur des Willkommens zu schaffen, unsere Türen zu öffnen für die Fremden, um ihnen ein gutes Ankommen zu ermöglichen und ein neues Zuhause zu geben. Diese Haltung wird immer wieder auch in den Liedern aus der Weltgebetstagsordnung deutlich. Sie wurden extra dafür geschrieben und greifen die Themen einer gastfreundlichen Mentalität und einer fremdenfreundlichen Solidarität direkt und klangvoll auf. Sie schlagen Brücken zu den biblischen Texten aus dem Buch Levitikus und der Erzählung aus dem Matthäusevangelium. Wenn wir uns dieser Zusage „Seid heilig, denn ich, euer Gott bin heilig…“(Lev 19,1ff) stellen, wenn wir sie als Auftrag, Verheißung und Zusage begreifen, wenn wir danach handeln, dann wird deutlich: wir haben Anteil am Göttlichen. Wir werden uns verwandeln und mitwirken an einer gerechteren, zärtlicheren und menschenfreundlicheren Welt. Diesen Aspekt der (Mit-) Verantwortung macht auch der Auszug aus Matthäus 25 („…wahrlich, ich sage euch: was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir getan.“) einmal mehr bewusst. Lasst uns achtsam durchs Leben gehen, wahrnehmen, mitdenken und handeln.

 

Der diesjährige Weltgebetstag kommt aus Frankreich und nimmt als Schwerpunkt die Situation von Migrantinnen und Migranten in den Blick.

 

Bleiben wir nicht dabei stehen. Schauen wir uns um. In unserer Nachbarschaft, in unserer Gemeinde, in unserer Stadt. Und wirken wir mit an einer gastfreundlichen und einladenden Willkommensgesellschaft für alle Menschen.

 

Dazu fordert uns der Weltgebetstag aus Frankreich heraus, dazu lädt er uns ein – weit über den 1.März 2013 hinaus.

 

Christine Rudershausen