52 : 0

Zukunftweisende Entscheidung der Gemeinde Koblenz

 

Nein, bei dem Ergebnis von 52 : 0 handelt es sich nicht um die sportliche Deklassierung eines hoffnungslos unterlegenen Gegners. Es ist das einstimmige Votum der Koblenzer Alt-Katholiken anlässlich einer Gemeindeversammlung am zweiten Adventssonntag des vergangenen Jahres zum Ankauf eines neuen Gemeindezentrums.

 

Seit mehr als 40 Jahren nutzen die Koblenzer Alt-Katholiken für ihre Gottesdienste die gotische St.-Jakobus-Kapelle, exponiert in unmittelbarer Nähe des Deutschen Ecks gegenüber der Kastorbasilika gelegen. Diese Kapelle, 1355 ursprünglich als Friedhofskapelle der benachbarten Deutschordenskommende erbaut, wurde später bei Erweiterungen des seit dem 16. Jahrhundert bestehenden Stadthofs der Familie von der Leyen an dessen Südflügel angegliedert. 1944 im Zweiten Weltkrieg durch Luftangriffe zerstört, wurde die Jakobuskapelle in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts instand gesetzt und durch das Land Rheinland-Pfalz der alt-katholischen Gemeinde als Ersatz für ihre eigene im Krieg zerstörte St.-Bonifatius-Kirche zur Nutzung zur Verfügung gestellt.

Wer in den letzten Jahren einen Gottesdienst der Koblenzer Alt-Katholiken besucht hat, wird von der Ausstrahlung der historischen Kapelle beeindruckt gewesen sein, die seit zehn Jahren sogar Teil des UNESCO-Welterbes Oberes Mittelrheintal ist, aber auch die Enge mit dem geringen Platzangebot in Erinnerung behalten haben: In fünf Sitzreihen stehen lediglich dreißig Sitzplätze zur Verfügung, so dass oftmals mit Klappstühlen im Eingangsbereich oder gar Stehplätzen Vorlieb genommen werden muss. Die Größe der Jakobuskapelle steht einem Gemeindewachstum entgegen! Für die stetig zunehmende Zahl von Alt-Katholiken im Großraum Koblenz - die Gemeinde umfasst den gesamten nördlichen Teil von Rheinland-Pfalz - besteht die dringende Notwendigkeit für einen größeren Gottesdienstraum.

Die Entscheidung des Landes Rheinland-Pfalz, für das Anwesen des ehemaligen von der Leyenschen Hofes einschließlich der St.-Jakobus-Kapelle zum Jahresende 2013 einen Investor zu suchen, machte alle Planungen des Kirchenvorstandes zur weiteren Nutzung mit einer möglichen und bereits schon genehmigten Erweiterung der Kapelle hinfällig und setzte die Gemeinde unter Handlungszwang. Da kam der Beschluss des Presbyteriums der evangelischen Kirchengemeinde Pfaffendorf gerade zur rechten Zeit, deren Gemeindezentrum im rechtsrheinischen Koblenzer Stadtteil Asterstein aufzugeben und den Alt-Katholiken zum Kauf anzubieten.

 

Bei einem Familiengottesdienst am 9. Dezember letzten Jahres konnten sich 65 anwesende Gemeindemitglieder einen eigenen Eindruck von der angebotenen Immobilie verschaffen: Ein zum Nebenraum hin erweiterbarer Gottesdienstraum verfügt über ausreichend Platz für bis zu hundert Personen und bietet im Gegensatz zu den beengten Räumlichkeiten in der St.-Jakobus-Kapelle reichlich Möglichkeit für eine Entfaltung der Liturgie sowie auch für die Durchführung kindgerechter Gottesdienste. Neben einer Sakristei sind zwei zusätzliche Räume nutzbar. Wie alle anderen Räume sind auch die Toiletten barrierefrei. Das Gemeindezentrum verfügt sogar über einen Glockenturm und eine Außenanlage mit Terrasse. Für eine weitläufige Diasporagemeinde sind die ausreichenden Parkmöglichkeiten bedeutsam, aber auch die Nutzung öffentlichen Personennahverkehrs ist – sogar sonntags – gewährleistet. Und: das Gemeindezentrum ist im Gegensatz zur Jakobuskapelle absolut nicht hochwassergefährdet („Insider“, die die Koblenzer Lage am Zusammenfluss von Rhein und Mosel kennen, wissen um die Bedeutung!).

 

Kurzum: Das angebotene Objekt ist ein Gemeindezentrum mit Raum für Gottesdienst und Begegnung unter einem Dach. Das ist für die Koblenzer Alt-Katholiken etwas völlig Neues, denn zum Kirchenkaffee muss der Gemeinderaum in einem knapp einen Kilometer entfernt gelegenen Gebäude am Rande der Altstadt genutzt werden. Zwar reizvoll gelegen, in einem alt-ehrwürdigen Bau, aber es ist ja nicht immer schönes Frühlings- oder Sommerwetter, und der Fußweg ist zudem für manche doch recht beschwerlich.

 

Bei einer sich an den adventlichen Gottesdienst anschließenden Gemeindeversammlung berichtete der Kirchenvorstand sehr sachkundig über die Modalitäten des Kaufangebots, den Zustand der Immobilie, voraussichtliche Renovierungen (äußerer Verputz, Innenanstrich, Elektroarbeiten für eine neue Beleuchtung, Bestuhlung im Sakralraum, Kücheneinrichtung ...) und stellte auch einen vorläufigen Finanzierungsplan vor. Eine sehr lebendige Diskussion mit vielen Fragen, von denen keine wesentliche unbeantwortet blieb, schloss sich dem Bericht an. Es wurde deutlich, dass dieses Vorhaben nur mit finanzieller Unterstützung und großzügigen Spenden realisiert werden kann. Der einhellige Eindruck, dass das angebotene Objekt für die Bedürfnisse der Koblenzer Alt-Katholiken wie maßgeschneidert ist, und die Chance, Gemeindeleben in neuen Dimensionen gestalten zu können, fanden dann ihren Ausdruck im Abstimmungsergebnis: Alle 38 anwesenden Stimmberechtigten votierten für den Kauf der Immobilie. Rechnet man noch die 14 Gemeindemitglieder hinzu, die am Besuch der Gemeindeversammlung verhindert waren und vorab ihre Entscheidung schriftlich hinterlegt hatten, so ergab sich ein Gesamtergebnis von 52 : 0!

 

Der Kirchenvorstand hat inzwischen mit der detaillierten Planung zur Finanzierung des Kaufs und der entstehenden laufenden Unterhaltskosten sowie der Kreditabtragung begonnen. Auch wenn den Koblenzer Alt-Katholiken bewusst ist, dass in den kommenden Monaten viel Arbeit auf sie zukommt, werden die Herausforderungen mit viel Gottvertrauen und Zuversicht angegangen. Am kommenden 1. Advent, dem 1. Dezember 2013, soll die Weihe des neuen Gemeindezentrums stattfinden – Bischof Matthias hat sich diesen Termin zur Freude der Koblenzer Gemeindemitglieder bereits reserviert.

Eine Hoffnung bleibt aber vorerst noch offen, nämlich die St.-Jakobus-Kapelle auch über das laufende Jahr hinaus weiterhin für besondere Anlässe wie beispielsweise Taizégebete und Lichtvespern, Konzertveranstaltungen, ökumenische Gottesdienste und Hochzeitsfeierlichkeiten nutzen zu können, denn wer gibt schon solch ein „Ambiente“ – trotz aller Vorfreude auf das Neue – gerne auf?!

 

Uwe Drews